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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 32/33 Seite 5 Der deuteche Abwehrkampf gegen den Antisemitismus. Von Reichsminister a. D. Dr. Ing. h. c. G o t h e i n, I. Vorsitzender des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Der jüdische Physiker Hertz in Bonn wies mit seinen Aufgabe der Juden, sondern eine solche aller, welche den Anspruch erheben, Kulturmenschen zu sein, welche entsprechend der Forderung des großen deutschen Weltweisen Immanuel Kant, den Menschen nicht nach seiner Abstammung, nicht nach seiner Religion, sondern nach dem inneren Wert seiner Einzelpersönlichkeit einschätzen. Gerade wir Deutsche, die wir unter der moralischen Achtung während des Krieges und nach ihm so schwer gelitten haben und noch leiden, haben allen Anlaß, das schwere Unrecht das man uns antut, nicht anderen gegenüber zu begehen. Alle modernen Kulturvölker Europas und Amerikas, ja man kann wohl sagen der Welt, sind aus der Mischung verschiedener Volksstämme entstanden. Reinrassige Kulturvölker gibt es überhaupt nicht. Eine jüdische, eine semitische Rasse hat nie bestanden; auch die Juden sind ein Mischvolk. Wohl hat es semitische Sprachen gegeben, gibt es ja auch heute noch; aber sie wurden von den ethnographisch verschiedensten Völkern gesprochen. Die Mischung der Juden mit andern Völkern hat sich namentlich seit der Zeit von etwa 200 Jahren vor Christi Geburt weitgehendst vollzogen. Die Zugehörigkeit zu einem .Volke, wird nicht durch Abstammung oder Religion bedingt, sondern sie beruht auf der Kulturgemein s a m k e i t. Der deutsche Jude ist Deutscher, weil er deutsch als Muttersprache spricht; weil die deutsche Kultur seine Kultur ist; weil er an ihr in stärkster Weise mitarbeitet, weil er in Not und Gefahr ebenso wie alle andere Volksgenossen Gut und Leben für die Erhaltung des diese umfassenden Staatswesens einsetzt. Wie der englische Jude Engländer, der französische Franzose, der italienische Italiener jüdischer Religion ist, so der deutsche Jude Deutscher jüdischer Religionszugehörigkeit. Der polnische Jude dagegen spricht nicht das polnische aissfeine Muttersprache, sondern das Jiddische —* einen mit einigen Fremdworten gemischten korrumpierten oberdeutschen Dialekt. Er fühlt sich — von. den wenig zahlreichen Assimilatoren abgesehen — nicht als Angehöriger der polnischen Nationalität; er ist im polnischen Staat nationale Minderheit. Seit Jahrhunderten arbeiten die deutschen Juden mit an der deutschen Kultur; sie dankt dieser Mitarbeit Unendliches, kann sie gar nicht entbehren. Niemand kommt an der Tatsache vorbei, daß die Kultur der modernen Völker sich auf der christlichen Religion aufgebaut hat und daß diese wieder der jüdischen entsprossen ist, daß sie von ihr das Sittengesetz — die 10 Gebote — und das ganze alte Testament übernommen hat, daß auch vom christlichen Standpunkt aus betrachtet, das neue Testament nur die Erfüllung des alten ist. Dem protestantischen Teil des deutschen Volkes hat Luther mit der Bibel das Volksbuch geschaffen. Hat nicht selbst ein Goethe von ihm die stärksten Anregungen empfangen? Und fußte er nicht in seinem Denken auf der Geisteswissenschaft eines Baruch Spinoza! Eine völlige Unmöglichkeit ist es, in einem kurzeni Artikel auch nur andeutungsweise wiederzugeben, was deutsche Juden für die Wissenschaft geleistet haben. An . deutschen Hochschulen sind sie zu wissenschaftlichem Denken und Arbeiten herangezogen worden; an ihnen haben deutsche Juden gelehrt, haben die Wissenschaft unsagbar bereichert. Seinem jüdischen Lehrer Ferdinand C o h n verdankte der Christ Robert Koch die ersten Methoden der Erforschung der kleinsten Lebewesen. Die Juden Wassermann und Fritz Ehrlich — um nur einige der Größten zu nennen — bauten sie. weiter aus, bannten die furchtbarsten Krankheiten, wurden Wohltäter der Menschheit. Neben dem Christen A. W. Hoimann wurde der Jude Lieberman n-, der Erfinder der Anilin- und A1 i z a r i nfarben. Die Juden Caro und Fritz Haber machten, ersterer durch die Erfindungen des Kaikstickstoffes, letzterer durch die des synthetischen Stickstoffs Deutschland unabhängig vom ausländischen Salpeter, machten dem Ackerbau die Nutzanwendung der bahnbrechenden Untersuchungen des Christen Justus von. Liebig erst voll möglich. Der jüdische Physiker Hertz in Bonn wies mit seinen Entdeckungen der Wissenschaft neue Bahnen, ein Einstein fand die Relativitätstheorie. Neben dem Christen Werner Siemens wurde der ältere Rathenau Bahnbrecher auf dem Gebiet der Elektrotechnik, Schöpfer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft. Der Jude B a 11 i n entwickelte die Hamburg-Amerika-Linie zum größten Schiffahrtsunternehmen der Welt. Ich muß mir versagen, an dieser Stelle auch nur mit einigen Namen anzudeuten, welch ungeheure Mitarbeit deutsche Juden auf den Gebieten der Jurisprudenz wie der Volkswirtschaftslehre, auf dem der Mathematik und der Astronomie, auf dem der Philosophie, wie überhaupt auf dem der Geisteswissenschaften geleistet haben. Und dürfen wir vergessen, was die deutsche Kunst in Dichtung, Musik, Malerei, Architektur und Schauspiel den deutschen Juden verdankt! Die deutsche Literatur kann einen Heinrich Heine ebenso wenig missen, wie die 'Musik einen Mendelssohn, die Malerei einen Liebermann, die Architektur einen Messel, das Schauspiel einen' Sonnenth a 1. Nun wird" mir so häufig eingewandt: „Ihre geistige und künstlerische Begabung, ihre wissenschaftlichen und praktischen Leistungen erkennen wir an. aber politisch sind sie destruktiv, sind eine Gefahr. Finden wir nicht unter den zerstörischesten, terroristischen!, radikalsten Parteien Juden als Führer?" Gewiß, sie sind darunter zahlreich vertreten und nicht selten in wenig angenehmen Erscheinungsformen. Aber ist es nicht natürlich, wenn die, welche von den Aemtern des Staates ausgeschlossen, denen ihre staatsbürgerlichen wie ihre gesellschaftlichen Rechte vorenthalten werden, sich den radikalsten Parteien zuwenden, die eine Staats- und Gesellschaftsordnung umstoßen will, die s.ie entrechtet! Gerade der Antisemitismus ist es. der den jüdischen Radikalismus züchtet. Der Jude an sich ist politisch nicht radikal. War nicht der erfolgreichste moderne Staatsmann Englands Disraeli, der spätere Lord Beaconsneld ein Mann jüdischer Abkunft, der Führer der Torypartei! Zählt diese nicht ebenso viel Juden oder Judenstämmlinge in ihren Reihen wie die liberale und wie die Arbeiterpartei! Freilich, dort nimmt niemand Anstoß daran, wenn der V i z ekönig von Indien ein Jude ist, und Lord Rothschild nimmt im Oberhaus genau die gleiche angesehene Stellung ein wie der Sproß der ältesten englischen Adelsfamilie. Dort gilt eben der Jude als Engländer jüdischer Religion und es gilt als unpassend, jemanden nach seiner Religion zu fragen, geschweige zu bewerten. Und genau so ist es in anderen Ländern alter politischer Kultur, in Frankreich, Italien, den Vereinigten Staaten usw. In Deutschland waren wir auf dem besten Weg dazu zu gelangen, als der getaufte Jude Stahl (ursprünglich Schlesinger) den preußischen Konservativen ihr Programm, den geistigen Inhalt ihrer Bewegung gab; als ein Mann jüdischer Herkunft, Eduard Simson. der Präsident des ersten deutschen Reichstages war. der später Präsident des Reichsgerichts wurde. Als Juden wie Bamberg e r, L a s k e r. Alexander Meyer ebenso w ie der Deutschkonservative von Meyer-Arnswalde allgemein als Zierde des Parlaments angesehen wurden. In. diese gesunde Entwicklung hat der Antisemitismus verheerend eingegriffen, hat das erfreulich sich anbahnende vollständige Aufgehen der deutschen Juden in der deutschen Volksgemeinschaft gehemmt, versucht, wieder ein geistiges und gesellschaftlichesGhetto gegen sie aufzurichten, die durch das Buch einer mehr als tausendjährigen Geschichte mit schwarzen Blättern geschaffenen Gegensätze zu erneuern und zu verschärfen, das deutsche Volk auf die tiefe Kulturstufe des polnischen, rumänischen und des vorrevolutionären russischen herabzuziehen. Und das, nachdem unsere jüdischen Volksgenossen mit uns im Weltkrieg für das gemeinsame deutsche

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