Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 4 um, unter anderen Namen, aber mit den gleichen Bestrebungen wie in der belehrsamen Halbvergangenheit". So wurde denn durch das Verständnis, das ihm gerechterv weise zuteil wurde, das bisher etwas lose Band enger geknüpft und auch mir kam er in dieser Zeit persönlich näher: die Nachmittage, an denen er mit mir über unsere Aufgaben als Abwehrorgan beriet, werden mir unvergeßlich bleiben. Aber nicht nur unseren Kampf gegen den äußeren Feind hieß er gut und gab dafür wiederholt wichtigste Anregungen, auch nach innen fand die Tätigkeit der „Wahrheit" bei ihm Verständnis und Zustimmung. So stellte er uns, als er im Frühjahre 1923 in Palästina weilte, um noch vor seinem Lebensende das Heilige Land zu schauen, sehr beachtenswerte Stellen aus einem Briefe an einen Anverwandten zu Verfügung, in dem ausgeführt wurde, daß die jüdische Kultivierung dieses Landes außerhalb aller Parteiwirren stehen sollte und daß deshalb nicht nur „Journalisten, Idealisten und Gelehrte" ins Land kommen, sondern vor allem Kapitalisten' zu Investierungen ermuntert und aufgefordert werden sollten. In diesem Sinne wirkte er bei allen, die seinem Worte Gehör schenkten, , und bekundete damit eine Liebe für das Land unserer Väter, die ihm oft von denen, die den Zionismus ausschließlich vom Parteistandpunkt betrachten, verleidet hätte werden können, wenn sie nicht stärker'als aller Neid gewesen wäre. Und doch fanden auch diese seine Gegner zu ihm, als er, noch ein stattlicher, seine 73 Jahre leicht tragender Mann, am 1. Oktober 1923 die Augen schloß. Da kamen sie und auch die anderen; aber wie viele fehlten! Hatten die, die zur Stelle hätten sein sollen, den, der für sie stets eingetreten war, schon vergessen? Oft wurde damals diiese Frage gestellt und oft falsch beantwortet. Der Verklärte lebte wohl fort in der Erinnerung derjenigen, die seinen Wert von Anbeginn erkannt und treu bewahrt hatten, jedoch die vielen, für die Bloch nur Name war, nicht aber Inbegriff eines Ideals, für das er sich bis ins Greisenalter aufgeopfert hatte, die blieben fern. So bekundeten sie wieder, daß von allen mensch- Jichen Lastern Undankbarkeit das verabscheuungswerteste ist. Das waren dieselben Leute, die beim Erscheinen des größten seiner Werke, wohl der besten Apologetik, welche je geschrieben wurde, „Israel und die Volke r". fragten: „Was nützt uns die? Was hier widerlegt' wird, ist doch längst erledigt und begraben." Ja, es war richtig, das fundamentale Werk beschäftigte sich mit dem von den Antisemiten selbst in die Rumpelkammer geworfenen Rüstzeug, und auch ich habe bei der Lektüre des Buches mir oft gedacht: „Dazu müßte ein Berufener eine Fort^ setzung schreiben, die die jetzt von den Judenfeinden, insbesondere von den Rassenantisemiten vorgebrachten, täglich wiederholten Beschuldigungen gründlich widerlegt." Aber abgesehen davon, daß es eine beliebte Methode unserer Hasser ist, längst begraben Geglaubtes immer wieder im Kampf gegen uns aufzufrischen, z. B. das in Blochs Werk ausgezeichnet ad absurdum geführte Ritualmordmärchen, wer von den müßigen Fragern bedachte, mit welch unglaublichem, geradezu übermenschlichem Fleiße hier ein Siebziger alles zusammengetragen und wissenschaftlich behandelt hatte, was ihm im Kleinr kämpfe seines dem Dienste des Judentums sowie dem Eintreten für dessen Ideale geweihten Lebens begegnet war. Wer von ihnen hat sich vor Augen gehalten,' daß Bloch noch kurz vor seinem Tode wieder für diese Ideale in den Kampf getreten war, und zwar in einen von der „Reichspost" provozierten. Er hatte, aus formellen Gründen, diese Schlacht verloren, weil er auch hier die Zeit verkannte, oder richtiger, weil seine Zeitgenossen ihn verkannten. Denn bei wem von uns „Modernen" hätte es Eindruck machen sollen, als sich im Gerichtssaal ein greiser Mann erhob, der nicht aus Eitelkeit, die kannte Bloch nicht, sondern zur Legitimation in seinem Kampfe für das Judentum gegen dessen Verleumder darauf pochte, er sei lange Jahre Abgeordneter gewesen, von den Juden Oesterreichs in den Reichsrat berufen. Der Richter verlangte die formelle Berichtigungslegitirnatioii, er absr bot die seiner Ansicht nach stärkere ideelle an; da fiel das erste Mal ein Prozeß gegen Antisemiten zu seinen Ungunsten aus. Es wird mir niemals aus der Erinnerung schwinden, wie er erschüttert über dieses „böse Omen", wie er den Ausgang des Gefechtes prophetisch nannte, mit Chaim Bloch und mir nach Hause ging; er war Vor Schmerz und Aufregung in Zorn geraten und sein Gesicht war feuerrot. Und weil ich dieses furchtbare Leiden um ein unterlegenes Ideal sah, weil ich wußte, wie er bis zum letzten Atemzug für dieses Ideal arbeits- und unternehmungseifrig war. deshalb, nur deshalb konnte ich das Verhalten derer, die sich durch seine Ehrung nur selbst geehrt hätten, nie begreifen. Konnte es nicht verstehen, wenn ich noch miterleben mußte, wie er auf seinem Krankenbette einen wichtigen aktuellen Artikel für unser Blatt in Angriff nahm, an dessen Stelle der schwere Abschied von Bloch aus meiner Feder treten sollte. Er hat zu denen gehört, die das Judentum durch sich selbst heben; als solchen betrauerte ihn unser Blatt, als einen ebenso weisen als erprobten Führer aber werde ich ihm stets ein ehrendes Angedenken bewahren. * * * Ein Gleiches gilt von dem langjährigen verdienstlichen Sekretär der „U n i o n", Herrn Siegfried Fleischer, mit dem ich, seitdem „Die Wahrheit" offizielles Organ dieses Vereines war, in innigem persönlichen Kontakt stand. Hier war nicht immer von Uebereinstimmung die Rede, besonders als er in seinen letzten Jahren rnnerpolitisch eine Umstellung des Wiener Judentums wahr haben wollte, gab es manche' lebhafte Auseinandersetzungen, aber auch die "wirkten befruchtend. Denn mit ihm, dem ewig Jungen, zu debattieren, war ein wahrhaft geistiger Genuß, da er mit einem feurigen Temperament kluge Ueberlegung vereinte. Und so werden mir die angeregten Stunden in' Erinnerung bleiben, da ich ihm in der „Union" besuchte und wir über aktuelle, die österreichische Judenheit bewegende Fragen sprachen. Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er mit hitzigem Temperament, die immer ausgekühlte Pfeife im Munde haltend, wichtige politische Probleme erörterte und mich durch die Art und Weise, mit der er seine Gedanken vorzubringen pflegte, in Spannung hielt. Aber nicht nur die leidige Politik gab uns Redestofi, auch die Liebe zur Natur vereinte uns,. eine Liebe, der ei bis in seine letzten Tage wie ein Jugendlicher huldigte. Fleischer war leidenschaftlicher Tourist, auch seinen letzten in unserem Blatte veröffentlichten Aufsatz schrieb er uns auf dem Gipfel eines Tiroler Berges, denn er liebte diese Berge unseres Vaterlandes, die Rassenhaß ihm verekeln wollte. Es war dies mit einer der Gründe für seinen Kampf gegen unsere Feinde, und diesen erhabenen Gedanken hat er mir auf einer gemeinsamen Heimreise von einem Ausflug so wunderbar, mit leuchtenden Augen ausgeführt, daß ich ihn nur bewundern konnte. Und damals sollte es das letzte Mal seih, daß unsere Wege sich kreuzten. Denn ich weilte in dem von ihm ebenfalls geliebten Tälern der grünen Steiermark, als er vor ungefähr! einem Jahre in „das Tal des ewigen Friedens, au$ des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt", einzog. Ich habe daher dem von mir verehrten Manne nicht das Geleite auf seinem letzten Wege geben können, so mögen diese Worte des Gedenkens zum ersten Jahrestage seines Todes in dieser Festnummer der< „Wahrheit", des Blattes, das er wirksam förderte, auch zugleich meine Worte des Abschiedes sein. * * :•: i Nach den Dankesworten für unsere Toten Worte des Dankes für die Lebenden. Hat „Die Wahrheit" in ihrem heutigen Leitartikel allen Mitarbeitern aus nah und fern den Dank ausgesprochen, so kann ich es dennoch nicht unterlassen, vielen von ihnei& die mich persönlich in meiner Arbeit "unterstützten, meinenlbesonderen Dank hinzuzufügen. Unter diesen ist vor allem ein treuer Mitarbeiter zu erwähnen, den leider Krankheit an diesem Freudentage der „Wahrheit", die er umgestalten und ausbauen half, fernhält, meinen lieben, alten Gustav Deuts c h. Er war mein guter väterlicher Freund und Lehrer von der Zeit an,, da ich es mir zur. Aufgabe setzte, jüdischer Journalist zu werden, bis zu jenem traurigen Tage, da ihn die Krankheit von uns trennte. Ihm und den vielen anderen Dank und das Versprechen, daß ich mich ihrer tätigen Mithilfe dadurch würdig erweisen werde, daß ich, von ihrem Geiste und dem Geiste unserer teuren Toten beseelt, zum' Wohle des Judentums weiterarbeiten, werde. .■ , . CAFE NORD Besitzer S. 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