Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 Wie der fromme Jude jeden Freitag, bevor ihn die Sabbatruhe umfängt, sich noch einmal Rechenschaft ablegt über die Ereignisse der vergangenen Woche, so will auch „Die Wahrheit", welche Freitag iür Freitag erscheint, getreulich über alles berichten, was das Judentum in der abgelaufenen Woche bewegte. Aber nicht nur das, was an äußeren Ereignissen für das Judentum von Interesse ist, wird von unserem Blatte regelmäßig registriert und eingehend besprochen, sondern auch die Gedanken und Stimmungen, die die Judenheit in ihrem Innern bewegen, werden ausführlich erörtert. Wenn „Che Wahrheit" bei dieser ihrer Tätigkeit auch bestrebt war, den zahlreichen Strömungen und Richtungen innerhalb des jüdischen Lebens gerecht zu werden und in dem oft heftigen Widerstreit der Meinungen vermittelnd einzugreifen, so ist sie doch ihrem Leitgedanken niemals untreu geworden: Das heiligste Gut des Juden ist seine Religion. Sie hat daher trotz ihrer Fortschrittlichkeit in politischer und kultureller Beziehung das Festhalten an der vieltausendjährigen Tradition des Judentums betont und wurde nicht müde zu fordern, daß insbesonders das jüdische Familien- und Gemeindeleben von dem Bekenntnis zu den jüdischen Idealen durchdrungen sei. Denn die Familie und die Gemeinde sind die Fundamente des Judentums und deshalb haben wir diesen Grundfesten unserer Religion das größte Augenmerk zugewendet. Immer und immer wieder hat „Die Wahrheit" ihre warnende Stimme erhoben und auf die Gefahren hingewiesen, die das Judentum in seiner Gesamtheit bedrohen, wenn -der jüdische Geist aus der jüdischen Familie schwindet und sich die Bande des Familienlebens lockern, eine Entwicklung, welche sich als Folge einer falsch verstandenen Freiheit in den letzten Jahren ergeben hat. Sie hat stets auf die verderblichen Wirkungen hingewiesen, welche diese traurige Erscheinung notwendigerweise nach sich ziehen muß und für die unter anderem auch die zahlreichen Austritte aus der jüdischen Religionsgemeinschaft einen Beweis darstellen. „Die Wahrhet" hat nie zu betonen aufgehört, daß das e i nz i g e Mittel, um diese Gefahr vom Judentum abzuwenden, in der Erziehung der Jugend in wahrhaft jüdischem Geiste besteht und daß die Heranbildung derselben zu überzeugungstreuen Juden nur durch einträchtiges Zusammenwirken von Schule und Haus bewirkt werben kann. Sie hat insbesonders auf den großen Anteil hingewiesen, welcher der jüdischen Frau bei diesem Erziehungs werke zukommt, wie ja überhaupt die Aufgabe, die der Frau im jüdischen Leben obliegt, von der „Wahrheit" stets gewürdigt wurde. Erfüllt uns also manches im jüdischen Familienleben mit Besorgnis, so haben wir anderseits mit Freude den Aufschwung verfolgt, welchen d i e jüdischen Gemeinden in Oesterreich, besonders die Wiener 'israelitische Kultusgemeinde genommen haben. Auch hier sind wir stets dafür eingetreten, daß dieser äußere Aufschwung begleitet sei von einer Vertiefung des religiösen Gedankens und die Institutionen der öenieinden in jenem Sinne geführt werden, der den Gesetzen unserer Religion gemäß ist. Was nützen die schönsten Gotteshäuser, wenn nicht der Geist Gottes in ihnen wohnt? Denn nicht die äußere Form ist es, die das Wesen eines Werkes ausmacht, sondern der Inhalt, von dem es erfüllt-ist. Das ist auch der Grund, weshalb „Die Wahrheit" stets bemüht war, den Geist der j ü d i' s ch en.te h r e und die Ergebnisse der Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft. Geschichte und Kultur weiten Kreisen zu vermitteln und durch regelmäßige Beiträge hervorragender Gelehrter jüdisches Wissen und jüdische Bildung zu verbreiten. Aber nicht bloß von der stillen Arbeit der Gelehrten und von dem Geiste des jüdischen Schrifttums haben wir gesprochen, sondern auch das Leben und Treiben der Juden in a 11 en Ländern der Welt durch zeitgemäße Artikel beleuchtet, wobei uns vor allem der Zweck vor Augen schwebte, aus den Einrichtungen anderer jüdischer Gemeinden, soweit sie sich bewährt haben, die Nutzanwendung für unser jüdisches Leben zu ziehen. Hieraus ist ersichtlich, daß „Die Wrahrheit" Stellung nehmen mußte zu allen geistigen, Bestrebungen und politischen Bewegungen innerhalb der Judenheit, wobei sie sich stets von ihrem obersten Leitgedanken führen ließ, daß die Wurzel des Judentums in. seiner Religion gelegen ist. Sie konnte sich daher nicht mit einer in jüngster Zeit besonders hervorgetretenen Bewegung befreunden, die den Sinn des Sozialismus in einem Abrücken von den heiligen Ueberlieferungen unserer Religion, die als Privatsache dargestellt wird, zu erkennen glaubt und hierbei verkennt, daß die wichtigstem Gebote der Thora, wie zum Beispiel das eines allwöchentr liehen Ruhetags, soziale Errungenschaften von welthistorischer Bedeutung sind. Ebenso hat sie stets ihre warnende Stimme erhoben gegen alle Uebertreibungen eines jüdischen Nationalismus, welcher dem Wesen des Judentums so gar nicht entspricht; stellt er doch die Uebertragung einer bei den übrigen Völkern besonders in letzter Zeit erstarkten politischen Ideologie auf das jüdische Volk dar, trotzdem dieses ein V o 1 k i n g a n z a n d e r e m Sinne bildet als die übrigen Völker. Es ist und wird stets sein das Volk der Thora, dessen einzige, wenn man will, „nationale*' Aufgabe es ist,* dem Worte Gottes Geltung zu verschaffen auf Erden und beizutragen zur Heiligung des Namens des Ewigen. Trotzdem wir also der jüdischen nationalen Bewegung fernestehen, haben wir dem Aufbauwerk in Palästina stets wärmstes Interesse entgegengebracht und sämtliche Bestrebungen unterstützt, welche dahin gingen, den aus ihrer Heimat vertriebenen Glaubensbrüdern eine neue Heimstätte im Lande der Väter zu schaffen. Aus diesem Grunde begrüßen wir es, daß das Jubiläum der „Wahrheit" mit dem morgen in Wien beginnenden XIV. Z ionisten kongreß zusammenfällt und wünschen seinen Beratungen volles Gelingen. Der schönste Erfolg dieses Kongresses wäre der, daß die von weitblickenden Führern des Zionismus angestrebte Vereinigung aller Juden zum Zwecke des Palästinaaufbaues, endlich angebahnt werden könnte. Denn wir haben immer betont, daß die Wiederbesiedelung Palästinas nicht Sache «iner Partei im