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Die Wahrheit · 1925-08-07 · Heft 31 (7.8.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 31 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 Nr. 31 plaudern. Ja, die Großherzogin ließ bei einem Ableben ihrer Mutterl durch ihren Leibadjunkten dem Rabbiner für sein Beileidsschreiben danken. Ebenso herzlich wie das Verhältnis zwischen dem Hof und dem höchsten jüdischen Würdenträger ist, kann man das Verhältnis zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung bezeichnen. In der Kammer sitzt ein jüdischer Abgeordneter, der auchf gleichzeitig1 Mitglied des Stadtparlamentes ist, doch treten im allgemeinen die Juden im öffentlichen Leben kaum hervor. Das Verhältnis des Rabbiners zur Gemeinde ist fast patriarchalisch. Dr. Fuchs hält keine Sprechstunden ab, sondern den ganzen Tag über muß er der Gemeinde mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zu ihm kommt man mit allen Sorgen und er kennt die Nöte fast jeder Familie. Sein Einfluß bei den Behörden ist ebenso groß wie der des katholischen und protestantischen Geistlichen. Manches Gnadengesuch ist auf seine Fürsprache erfüllt worden. Und mag der Fremde in Luxemburg von der romantischen Landschaft, von! der emsigen Arbeit, die geleistet wird, einen entsprechenden Eindruck mit sich nehmen, das schönste, was über Luxemburg zu sagen ist, bleibt: Es ist dasLandderTo-leranz. Fritz Saloraon.. Judenstämmlinge als Antisemiten. Mir sagte einmal .ein kluger Mann, daß, wenn man von den Geschäfts-, Konkurrenz- und Streberantisemiten absieht, alle anderen Antisemiten Judenstämmlinge seiend Als ich zweifelnd mein minder kluges Haupt schüttelte und Beweise für diese Behauptung verlangte, wies er zunächst auf eine große Anzahl Antisemiten hin, die als Judenstämmlinge bekannt sind. Doch das mögen Ausnahmen sein, die leicht durch zu erlangende Vorteile zu Philosemiten erzogen werden könnten. Was aber die waschechten Antisemiten betrifft, liegt! die Sache anders, die er folgendermaßen darstellte. Im Jahre 70, vor 1855 Jahren, gab es nach Angaben des Tacitus und Josephus etwa 7 Millionen Juden in Palästina, also 8 bis 10 Millionen Juden auf der ganzen Erde. Zur selben Zeit dürfte1 die Zahl der Germanen, sehr hoch gerechnet, 2 bis 3 Millionen gewesen sein, nehmen wir* gar 5 Millionen an. Da es heute etwa 90 Millionen Deutsche gibt, müßte proportionalitell die Zahl der Juden 200 Millionen, sehr, sehr.gering gerechnet 110 Millionen betragen. Es gibt.aber bestenfalls nur 15 Millionen Juden, wo sind die 85 und noch mehr Millionen Juden hingekommen? Nehmen wir an, es würden während der 1855 Jahre die Hälfte aller Juden immer durch Pogrome totgeschlagen worden oder durch Kriege umgekommen sein, wohin sind die anderen 42 und noch mehr Millionen Juden gekommen? Antwort: Sie gingen durch Üebertritt in andere Religionen und Völker auf. Das ist unbestreitbar. Wenn nun ein Jude leidet, muß er es erdulden und tragen. Es ist sein jüdisches Schicksal. Wenn aber, sagen wir, ein getaufter Jude beschimpft und bedrängt wir4 denkt er: „Verfluchte Juden, euretwegen erdulde ich es und ich bin doch kein Jude mehr!" So entsteht in seinem Herzen ein Haß, der sich bei Kindern und Kindeskindern, bei seinen ferneren Judenstämmlingen bis zum zehnten Geschlecht und weiter bis zum ausgewachsenen Antisemitismus entwickeln kann. Andere Menschen haben überhaupt keinen Grund zum Antisemitismus. Der Antisemitismus ist ein Schulbeispiel für die Vererbung erworbener Eigenschaften und geistiger^ Veranlagung. Der Setninardirektor als Hetzapostel. Die Ungvarer orthodoxe israelitische Kultusgemeinde hat beschlossen, gegen den Direktor des dortigen Seminars wegen religiöser Aufreizung die Strafanzeige zu erstatten, da er in seinem in russischer Sprache erscheinenden Wochenblatte „Swoboda" unter dem Titel „27 Fragen" eine bis dahin unerhörte antisemitische Kampagne entfaltete. Ein Seminardirektor als Hetzapostel ist immerhin eine bis dato exponierte Naturerscheinung. „Juden haben keinen Zutritt". Diese verheißungsvollen Worte prangen immer als Abschluß auf den in der „Wahrheit" besprochenen Plakaten der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei. In der Hinzufügung dieses Satzes haben unsere Gegner — sei es nun bewußt oder unbewußt — wieder einmal gezeigt, mit welch hinterlistigen und schnöden! Waffen (geistig und körperlich!) zu Werke gegangen wird, und uns sonnt von ihrer (bekannten) Feigheit von neuem überzeugt! Was aber würden diese Herren im ungekehrtem Falle sagen? (Ein jeder gebe sich did Antwort selbst!) Oder: soll man die Sache von der sarkastischen Seite auffassen?! Wollen sie uns vielleicht nicht zumuten, ihre lehrreichen Vorträge anzuhören, oder ist es die1 Angst vor der Aufdeckung ihrer Lügen, daß sie nus den Zutritt ihrer Versammlungen verweigern? Wie dem auch sei: ein erneuter Beweis, mit welch „Geistes"kindern wir es zu tun haben in dieser sogenannten „aufgeklärten" Zeit des 20. Jahrhunderts!--— (NB. Zu dieser Stunde, da Herr Gattermayer* beim Weigl spricht, sitze ich auf einer Bank im ausnahmsweise sturmfreien Stadtpark und schreibe diese Zeilen. Soll man einen so herrlichen Juliabend in einem Saal verbringen, wo es nach Antisemiten riecht?!)' H. Zweierlei Maß. Den Sozialdemokraten wird immer wieder von den Antisemiten vorgeworfen, daß sie ,^'mit den Juden gleichen Geistes sind, sie schmieren sich gegenseitig und helfen sich gegenseitig aus." Ein besonders lauter Rufer in diesem Streite ist das berüchtigte Antisemitenblatt „Der Sturm", dessen Lügenhaftigkeit erst in einer unserer letzten Nummern festgestellt wurde. Da sein Herausgeber, der vielfach vorbestrafte Hetzapostel Georg Quindel, nun einsah, daß seine immer gleichen Tiraden über die angeblichen gemeinsamen Ziele der Sozialdemokraten und Juden bei seinen recht spärlichen Lesern nicht mehr so ziehen, verschrieb er sich einen abgebauten Minister (!), Herrn Sepp Oerterv um ihm in diesem Kampfe zur Seite zu stehen. Dieser schrieb, einen giftsprühenden Artikel „Von den Volksverhetzern", in dem' die eingangs wiedergegebenen Beschuldigungen nebst anderen Anwürfen enthalten sind. So zitiert der Exminister an einer Stelle die deutsche Metallarbeiterzeitung: „Die Schieber- und Konjunkturgewinnler, die Scharfmacher und' Arbeiterfeinde, die Monarchisten und Militaristen, das ganze reaktionäre Nachtgevögel, dem die Krallen wieder gewachsen sind, alle jene Kreise triumphieren, die sich vom Schweiße der Arbeiter mästen und die zugleich darauf aus sind, die Angehörigen der Unterschichten zu rechtlosen Parias zu erniedrigen," und schreibt dazu: „So werden also 14 Millionen deutscher Männer und deutscher Frauen heruntergerissen und hingestellt." Nur eine Frage, Herr Exminister! Kann man von Ihnen nicht ebenfalls behaupten, daß Sie eine Gesamtheit von Menschen, die zufälligerweise auch 14 Millionen beträgt, „herunterreißen und hinstellen?" Tun Sie das nicht, wenn Sie von dieser Gemeinschaft behaupten, „der Eigennutz sei ihre weltliche Grundlage, der Schacher ihr weltlicher Kultus und endlich das Geld ihr weltlicher Gott", und den Angehörigen dieser Gemeinschaft den Vorwurf machen, daß sie „nicht arbeiten und nur Geschäfte machen, mit ihrem Gott, dem Geld." Von einem ehemaligen Minister kann man doch verlangen, daß er gerecht sei. Freilich wird diese Forderung illusorisch, wenn der Herr Minister Nationalist ist. Seit wann leben Juden in England? Die Londoner Zeitschrift „Jewish Guardian" beschäftigt sich in ihrer Nummer vom 16. Juli mit der Geschichte der Juden in England. Ueber den Ursprung der Juden in England herrschte bisher die folgende allgemeine Ansicht. 1. William der Eroberer hat im Jahre 1066 eine Anzahl Juden mit seinem Zuge aus der Normandie mitgebracht, die sich in London niederließen. 2. Edward I. vertrieb die Juden im Jahre 1200 aus England. 3. Im Jahre 1656 ließ Cromwell auf den Rat von Manasseh Ben Israel die Juden wieder in England ein. 4. Im Jahre 1858 wurde die bürgerliche Rechtlosigkeit der Juden aufgehoben. „Jewish Guardian" hält diese Ansicht für irrig und stellt unter anderem fest: Die Juden kamen mit William dem Eroberer nach England, nicht um sich dort niederzulassen, sondern in Diensten des normannischen Königs. 224 Jahre oblagen sie dieser Aufgabe Sie hatten keinerlei Gleichberechtigung und waren unpopulär. Edward I. vertrieb sie aus England unter den grausamsten Begleiterscheinungen. Eine allgemeine Austreibung war aber nicht möglich; man kann nicht die Geschichte von 224 Jahren an einem Tag auslöschen. Die Juden hatten bereits Wurzeln geschlagen, feste Siedlungen geschaffen. Diese Juden, die im 14. Jahrhundert in England verblieben, die Juden-Marannen, die jüdischen Durchwanderer, setzten, ein jüdisches Leben fort und befestigten allmählich die Position der Juden derart, daß es möglich wurde, die Vertriebenen wieder in das Land zu bringen. Inzwischen hatten sich Restaurant Meugroschl 11., IJlieMilMriMiMigqsge 1% wieder eröflnei!

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