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Die Wahrheit · 1925-08-07 · Heft 31 (7.8.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 31 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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aufwirbelte, geführt haben, und ich muß sagen, daß ich, der früher zu seinen Gegnern gehörte, ihm nunmehr Recht geben mußte. Er hat das Buch aus dem inneren Drange, das Judentum zu reinigen, geschrieben. „Warum", fragte er mich, „stallen wir unsere Fehler nicht aufdecken? Haben uns unsere Alten nicht zur Pflicht gemacht, Tag für Tag in der Synagoge unsere Sünden zu bekennen? Menschen, die nicht den Mut finden, ihre Fehler zu bekennen, haben mit Menschentum nichts zu tun." Das Buch fand auch schon einen deutschen Bearbeiter, Erich P o s s e 11, der es in ausgezeichneter Uebersetzung im Kurt Wolff-Verlag, München, erscheinen ließ. Wer die Verhältnisse auf der Ostseite in New-York in den früheren Jahren — heute sieht das Judentum auch im Ghetto bedeutend besser aus — kennen lernen will, dem kann ich das Buch „Herr Fettwanst" empfehlen. Das Buch ist heute in Amerika eines der gelesensten und es erreichte schon die fünfte Auflage. Mit dem Wachsen und Werden des New-Yorker Judentums errangen nach und nach auch die jahrelang zurückgesetzten österreichischen Juden — ich deutete im Laufe meiner Schilderung schon an, daß sich die aus Galizien-Bukowina stammenden Juden noch heute als „Oesterreicher" bezeichnen! — einen Vorrang. Sie verdanken dies zunächst ihrem tatkräftigen Führer Mr. Bernhard Semmel, einem Mann voll Herzlichkeit, der auch im kaufmännischen Leben eine geachtete Stellung einnimmt. Er stammt aus Bolechow, kam in jungen Jahren hinüber und brachte es zu Ansehen und Wohlstand. Als Anreger und Gründer der „Federation of Galician und Bukovinean Jews of America" stand er fast ein Jahrzehnt an ihrer Spitze und bewies dem amerikanischen Judentum, daß es ein Irrtum sei, das galizische Judentum unbeachtet zu lassen und es sozusagen aus dem öffentlichen Leben innerhalb des New-Yorker Judentums auszuschalten. Semmel ist es gelungen, einen Weg zur Verständigung zwischen den verschiedenen Richtungen des Judentums zu schaffen und gilt heute wohl als der Brückenmeister zwischen dem Ost- und Westjudentum. Er verdankt dies dem Umstände, daß er über einen scharfen natürlichen Verstand verfügt und jede Situation erfaßt, die er dann nach seinen Plänen zu beeinflussen weiß. Als Professor Masarykin.den Kriegsjahren auf seinem Exil in New-York eintraf, erachtete es Semmel als eine jüdische Pflicht, zu Ehren des Gelehrten, der im Hilsnerprozeß die Ehre des Judentums rettete — er bezeichnete damals die Blutbeschuldigung als Märchen — ein großartiges Festmahl zu veranstalten; der gegenwärtige Präsident der Tschechoslowakischen Republik war von dieser Dankbezeugung seitens der österreichischen Juden ungemein gerührt und gab auch diesem seinen Empfinden in einer Rede Ausdruck. Mein verewigter Freund Dr. Josef S. Bloch sagte mir einmal: „Die galizischen Juden in New-York würden anders aussehen, wenn sie zehn .Semmeln' hätten." Im Besitze einer glänzend wirkenden Phraseologie und ausgestattet mit einer hemmungslosen bestimmten Ideologie, ist er einer der besten Redner und versteht seine Sache auch mit gewandter Feder zu vertreten. Gemeinsam mit dem Oberrichter Rozalsky leitet er seit fast einem Jahre den Millionendrive für das Erziehungswesen. Zu dem engeren Kreis Semmels gehören unter anderen — ich führe selbstverständlich nur jene Herren an, die ich persönlich kennen lernte — William Fischmann, Präsident der Downtown Talmud Thorah, Sucher Thau, der auch ein schönes Maß talmudisches Wissen besitzt, Philipp Wattenberg, der gegenwärtige Präsident des Verbandes der galizisch-bukowinaer Juden und Mitglied des „Jüdischen Kongresses", Gerson Bader, Redakteur des „Tagblattes", Jakob Kirschenbaum, Redakteur des „Morgen-Journals", Dr. S. Margosches und Hirsch Rubinstein, Redakteure des „Tug". (Fortsetzung folgt.) Die Blutschuld der „Reichspost", Ein Freund uneres Blattes schreibt uns: Das muß man sagen, die „Reichspost" hat anläßlich der Bluttat vom Praterstern eine ebenso rasche wie imponierende Arbeit geleistet. Während die Polizei noch mühsam mit Aufwand aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel nach dem Täter fahndete, wußte die „Reichspost" schon in den frühesten Morgenstunden des Sonntags ihren Lesern im Leitartikel mitzuteilen, daß der junge Mohapel von den Sozialisten hingeschlachtet worden, daß es die republikanischen Schutzbündler gewesen, die den unglücklichen Jüngling, den einizigen Sohn bedauernswerter Eltern, grausam ermordeten. Mit minutiöser Genauigkeit wurde in dem Artikel festgestellt, daß das Verbrechen, das den Stempel des gemeinen vorbedachten Mordes trägt, von den jüdischen sozialistischen Führern feige ausgeklügelt war, die als Juden blutige Rache an den Antisemiten nehmen wollten. Die Polizei hinkte beschämt mit den Ergebnissen ihrer Forschungen der „Reichspost" nach. Es war ihr zwar gelungen, den Mörder zu eruieren, aber wie kläglich nahm sich ihr Bericht neben dem der „Reichspost" aus! Der Mörder ist ein sozusagen von reiner Rauflust beseelter, längst berüchtiger, vorher schon mehrfach bestrafter Messerheld, der aber der sozialistischen Partei und dem republikanischen Schutzbund mindestens so ferne steht, wie etwa Dr. Funder, der Chefredakteur der „Reichspost". Hätte die „Reichspost" nur ein paar Stunden gewartet, so wären ihre Leser wenigstens um den Genuß eines Teiles dieser Enthüllungen gekommen. Gerne wird man zugeben, daß die „Reichspost" recht hat, wenn sie gewissen Zeitungen die Schuld an der gewitterschwangeren Atmosphäre zuschreibt, die sich in der letzten Zeit in Wien gebildet hat. Wer denkt hierbei nicht an die hakenkreuzlerische Presse, die nicht nur nach der Ankündigung des Zionistenkongresses in Wien, sondern auch vorher unausgesetzt gegen die Juden hetzte und selbst davor nicht zurückschreckte, den Pogrom als das einzige heilbringende Programm zu bezeichnen. Wer nicht an diese hakenkreuzlerische Presse denkt, das ist die — „Reichspost". In dem langatmigen Artikel, in dem sie die Ursachen anführt, die zu den blutigen Ereignissen am Praterstern führten, wird mit keinem Worte der hakenkreuzlerischen Presse gedacht, deren blutrünstige Artikel in der Tat vollauf geeignet waren, den Nährboden zu schaffen, ans dem' Ver-

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