Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 31 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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tir. & blt WAHRHEIT Seite 5 seinen Gedanken. In Wirklichkeit kutet der Titel: „Die Juidleiifr^ge als Rassen-, Sitten- und Culturfrage" (zuerst 1880). 3. und 4. Th. Fritsch, „Handbuch der Judenfrage" (28. Auflage, 1919), und Meister, „Judlas Schuldbuch". Auch mit diesen Ausführungen sind wir einverstanden, denn wer den Antisemitismus wirklich kennen lernen wil, muß diese Schund- und Schanidbücher ldsen. Auch auf die „Protokolle der Weisem von Zion" und Dinter, „Die Sümle wider das Blut", hätte aufmerksam gemacht werden können. Aber von einer Literaturanigabe, die objektiv mir weiteren Belehrung anleiten soll, hätten wir auch gegnerische Werke erwartet, d-ie es in Hüte innld Fille gibt. Der Verlaig und die Redaktion haben sich mit dieSsem Artikel, ein Knckucksei ins Nest legen lassen. Aber wir sprechen die Hoffnung aus, diaß sie ferner eine schärfere Kontrolle üben, und richten an unsere Leser die1 Bitte, daß sie ein waichsaimes Auge auf die Versuche dter Antisemiiteni, ihr Gift in früher unparteiische Organe einzuschmuggeln, richten mögen. Die Vorgänge in Palästina. Zu unserer vor kurzem gebrachten Nachricht über den Exodus der orthodoxen Abgeordneten aus der palästinensischen Nationalversammlung (Nr. 28. vom 17. Juli 1925) erhalten wir von gut informierter orthodoxer Seite nachfolgende Schilderung der derzeitigen politischen Verhältnisse in Palästina mit besonderer Berücksichtigung der Lage der Orthodoxie im Heiligen Lande. Seit dem Vorjahre ist die Zahl der Einwanderer in Palästina in erheblicher Steigerung begriffen. Während 1923 im ganzen 7421 Einwanderer gezählt wurden, denen beinahe 3500 Auswanderer gegenüberstanden, beträgt jetzt die monatliche Einwanderung 2000 bis 3000, denen eine kaum nennenswerte Zahl von Emigranten gegenübersteht. Da die Gesamtzahl der im Heiligen Lande ansässigen Juden für Anfang 1924 mit zirka 80.000 angenommen werden kann, so bedeutet ein Anhalten der gegenwärtigen Einwanderungsziffer eine jährliche Vermehrung um zirka 20 bis 25 Prozent. Die starke Steigerung der Einwanderung ist aber nicht nur-der Zahl nach zu werten, sondern sie bedeutet auch eine einschneidende Aenderung in der Art der Zusammensetzung der Bevölkerung. Um sich das klar zu machen, muß man einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der Besiedlung Palästinas werfen. Bis zum zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts waren es so gut wie ausschließlich religiöse Motive, die zur Ansiedlung in Palästina führten. Es ließen sich dort meist ältere Männer, Talmudgelehrte, nieder, die ihren Studien lebten. Von ihren Kindern wendete sich nur eine Minderzahl einem Broterwerb zu. Unterhalt bot ihnen allen die „Chalukah", die sich aus den frommen Spenden der Juden der Diaspora zusammensetzte. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzend, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker anschwellend, kam der „neue Jischuw" in das Land. Ihn trieb nicht die religiöse Sehnsucht nach dem Lande der Väter, nicht das heiße Verlangen nach den heiligen Stätten der Vergangenheit. Es waren die starken Wellen des Antisemitismus, die Exzesse pogromlüstener Massen, die diese Tausende aus Westen und Osten Europa den Rücken kehren ließen. Die Lehre Herzls gab ihren Führern die für das schwere Werk unentbehrliche-Ideologie: „Dem Volk ohne Land das Land ohne Volk!" Mit unendlicher Verachtung sahen diese Träger des neuen Jischuw auf die Leute vom alten Jischuw herab. Was konnten diese Alten bedeuten, die mit fatalistischem Gleichmut Hunger, Krankheit und Entbehrungen aller Art ertrugen, ohne für sich und ihre Nachkommen an eine Aenderung zu denken; glücklich in dem Bewußtsein, im „Heiligen Lande" zu leben. Deshalb waren sie ja gekommen, die Jungen und Starken, die „Chaluzim", um das Land zu erobern, es zu befreien aus den Fesseln, in denen 2000jährige Vernachlässigung den einst so fruchtbaren Boden gefangen hielt, um die bösen Geister zu bannen, die als Trachem, Malaria usw. hier ihr Wesen trieben. Wacker gingen die neuen Arbeiter an die Arbeit; die bösen Fesseln lockerten sich und fielen ab, aber — auch die Fesseln des Glaubens wurden mit abgestreift. An die Stelle von Moses und den Propheten traten ihre späten Enkel; Marx und Lassalle waren die Führer, deren Lehren ihnen als Leitstern galt! Die Männer vom alten Jischuw schüttelten das Haupt, ob dieser neuen Lehrer und jhrer Jünger. Sie konnten diese Männer nicht verstehen, die in der Heimat so viel aufgegeben hatten und nach dem Heiligen Lande kamen, aber nicht um das Gottesgesetz zu erfüllen, sondern um dort einen Judenstaat aufzurichten, -einen Staat ohne Tempel, ohne Schmittah- und Jubeljahr, einen Staat nach dem Vorbild der anderen Völker. So gähnte eine tiefe Kluft zwischen beiden Anschauungen. Waren die Anhänger des alten Jischuw auch in der Mehrzahl, so fehlte ihnen doch alles, was die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten erforderte. Vertrautheit mit den Formen der Oeffentlichkeit, Gewandtheit im Verkehr mit den Behörden usw. Als noch die Balfour-Deklar a t i o n hinzukam, schien die Führung und Leitung der jüdisch-palästinensischen Politik durch die Männer des neuen Jischuw für alle Zeiten gesichert. Aber es kam wieder einmal anders. Die Umwälzungen des Weltkrieges hatten im Osten Europas gewaltige wirtschaftliche Krisen hervorgerufen. Die eintretende Notlage machte sich am schärfsten unter dem wirtschaftlich schwächsten Teil, in den jüdischen Massensiedlungen in Polen, Galizien, Litauen. Sowjetrußland usw. geltend. Die Folge war ein Anschwellen der Auswanderungsziffer, wie sie seit den Achtziger jähren des vorigen Jahrhunderts nicht gesehen wurde, und ein guter Teil dieses Auswandererstromes ergoß sich nach Palästina. Die Einwanderer aus dieser jüngsten Phase der Besiedlung Palästinas waren in ihrer Mehrzahl keine Chaluzim; es waren meist gereifte Männer, die ihre feste religiöse Ueberzeugung auch in die neue Heimat mitnahmen, und die sich vielfach auch ökonomisch eine gewisse Unabhängigkeit von der zionistischen Verwaltung bewahren konnten. So brachten sie der schwachen Organisation der Orthodoxie, die sich in Palästina schon vor längerer Zeit gebildet hatte, dem Misrachi, der Agudah u. a. — eine wertvolle Unterstützung, die sich mehr noch in der Stärkung der Widerstandskraft als in der rein numerischen Wirkung ausprägte. Nur wenn man sich diese Entwicklung vor Augen hält, kommt man zu richtiger Würdigung der in jüngster Zeit aus Palästina hierher gelangenden Nachrichten, von denen wir die markantesten hier wiedergeben: Am 15. Juni wurde in Jerusalem die dritte Session der Jüdischen Nationalversammlung (Assifath Haniwchelim) eröffnet. Von den Mehrheitsparteien wurden eine Reihe von die religösen Gefühle der orthodoxen Juden verletzenden Anträgen eingebracht, wie zum Beispiel die Ausscheidung der rabbinischen Autorität in Erbschaftsangelegenheiten und anderes. Eine vor der Tagung geschlossene Vereinbarung hatte festgesetzt, daß in geheimer Abstimmung über diese Paragraphen entschieden werden solle. Trotzdem der Vorsitzende der Versammlung Dr. Thon dringend um Einhaltung der einmal getroffenen Vereinbarung ersuchte, wurde sie von der Versammlung abgelehnt. Diese schroffe Haltung der Mehrheit in einer formalen Frage gab der orthodoxen Minderheit die Gewißheit, daß man ihre sachlichen Wünsche und Forderungen ebenso niederstimmen werde. Unter diesen Umständen zog es die Minderheit, wie bereits berichtet, vor, sich an den weiteren Beratungen nicht mehr zu beteiligen. Ihre Delegierten verließen den Saal. In einer Sondertagung konstituierten sie sich als „N a t i o n a 1versammlung der unabhängigen orthodoxen Juden", wählten aus ihrer Mitte einen provisorischen Nationalrat (Waad Leumi) und beschlossen, sofort Neuwahlen für eine „Nationalversammlung orthodoxer Juden" auszuschreiben. Ferner wurde beschlossen, zu dem am 18. August in Wien beginnenden Zionistenkongreß eine eigene Abordnung zu entsenden, um dort die Wünsche und Forderungen der palästinensischen orthodoxen Judenheit zu vertreten. In Palästina besteht eine jüdische „Allgemeine Arbeiter- Organisation" (A. A. O.), deren Leitung ganz von den Ideen eines verknöcherten Marxismus erfüllt ist, daneben aber auch noch eine scharf antireligiöse Tendenz zeigt Das letztere hatte zur Folge, daß sich neben ihr noch andere auf r e 1 i-