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Die Wahrheit · 1925-08-07 · Heft 31 (7.8.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 31 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 31 Gründe" zurückigefühlrt wand. Daß dies 'eine unzureichende Definition ist, zeigt diie darauf folgende geschichtliche Darstellung .selbst. Mit Empörung aber müssen wir dien Ausdruck Wirtsvölker, wonach wir Judenalso das G a s t v 61 k wären; zurückweisen. Das, ist diie bekannte antisemitische Phraseologie. Wir aber erklären nachdrücklich, und das ist der wahre Tatbestand, den ein objektives Werk antBuerkennen hat: e s g i b t i n D e u t s c hland kein zu Gaste wohnendes jüdisches Volk. Es gibt nur eine jüdische R e 1 i g io n sg e m e i n schaff u n d einzelne Juden, die, irasoferne sie hier geboren sind und Staatsbürger recht haben, in diesem Lande mit genau demselben Rechte zu Hause sind wie die Angehörigen je deranderen Rasse. Einem Gast kann ich jederzeit den Aufenthalt kündigen und ihn hünausweisen. Für uns deutsche Juden ist Deutschland unsere Heimat und unser Vaterland, aus dem man uns nur wider alles göttliche und menschliche Recht vertreiben könnte. Gäste sind in Deutschliand die Ausländer, aber dann sind sie auch nueiue, des deutschen Juden Gäste und wir mit allen anderen Deutschen ihr Wirtsvolk. Sollte der Verfasser des Artikels sich damit entschuldigen, daß er sich im Sinne der Antisemiten habe ausdrücken müssen, dann hätte er dies'unzweideutig aussprechen sollen. Jetzt hält man den Satz für eine objektive unanfechtbare Feststellung. Weiter heißt es: „der früher mehr gef üh 1 sm äßig und aus religiösen Gr ünden zutage tretende Gegensatz hat sich seit etwa 1875 in den bewußten Antisemitismus umgewandelt und ist in allen Ländern^ wo Juden wohnen, zu beobachten, von den schlimmsten Ausschreitungen begleitet in Rußland (Pogrome)." Auch' hier wieder derselbe saloppe Stil und Mangel an Klarheit und Wahrheit. Der „religiöse" Antisemitismus war und ist obgleich für Christen ein Widerspruch in sich selbst, mindestens ebenso bewußt wie der rassische, und es hat sich nicht der eine in den anderen umgewandelt, sondern die richtige Formulierung wäre gewesen: „die gefühlsmäßige Abneigung gegen die Juden hat sich zu! ihrer Begründung zuerst des Gegensatzes der Religionen, aus dem sie erwachsen war, und als dies Argument seine Kraft zu verlieren drohte, des angeblichen Gegensatzes der Rassen bedient." Denn gefühlsmäßig, das heißt unvernünftig, ist der AntisemitSmius auch heute noch, nur die Begründung ist eine andere geworden^. Dabei sind die wahren Ursachen und Beweggründe, die politischen, wirtschaftlichen^ gesellschaftlichen, nicht einmal an- gedeutet! Positiv unwahr ist es, daß der Antisemitismus in allen Ländern, wo Juden wohnen zu beobachten ist, wodurch der Eindruck erweckt werden soll, daß der Grund also nur im Wesen der Juden liegen könne. Erstlich kennt man den Antisemitismus nur m christlichen Ländern, also im größeren Teile der Erde nicht. Aber auch von den ichristliehen! Ländern erfreuen sich seiner nur diie wenigsten. Man kennt ihn nicht, ja man begreift ihn nicht einmal in den skandinavischen Ländern,, nicht in Italien, nicht in Serbien, usw., nacht va England und Frankreich. Selbst in) Rußland hat es nie einen rassischen! Antisemitismus gegeben^ er war dort immer nur religiöspolitisch, und dias allein ist er, wo er sich sonst noch findet. Das wirkliche Verhältnis stellt sich so dar: der rassische Antisemitismus ist in allen Ländern, wo Deuts c h e wohnen und ihn aus ihrer Heimat eingeschleppt haben, zu t beobachten. Denn Deutschland ist die Wiege dieser Bew e g u n g. Ja selbst in Deutschland findet er sich fast nur in den jedem Ismus zugänglichen, gebildeten studierten oder studierenden Schichten zumeist protestantischen Bekenntnisses, die die vulgäre öffentliche Meinung bestimmen, und im Schlepptau der politischen Reaktion. Daß diie Pogrome in Rußland, die nachweislich von der religiös-orthodoxen und politisch-reaktionären zaristischen Regierung angestiftet waren, als schlimme Ausschreitungen bezeichnet werden, ist anzuerkennen, aber die Ritualmordaffären und sonstigen Exzesse in Deutschland und anderen Ländern könnten sich auch sehen1 lassen. Es folgt nun eine Geschichte der antisemitischen Parteigründüngen, die bis zur Gegenwart geführt ist, aber doch kein rechtes Bild gibt. Wer ahnt wohl, was sich hinter all diesen) Namen verbirgt! Nur einmal heißt es: den Antisemitismus vertraten im Reichstag Abgeordnete verschiedener Fraktionen, unter ihnen befand sich Ahlwardt, der ausgeschlossen wurde. Es hätte doch, da die jetzige Generation dies nicht mehr aus eigenem Erlebnis wissen kann, gesagt werden müssen, wer dieser Ahl war dt war und warum er ausgeschlossen wurde. Immerhin ist selbst diese vorsichtige Andeutung dankenswert. Was wir aber weiter vermissen, ist eine Angabe der Parteilziele des anitisiemitischen' Programms. Was will der Antisemitismus? Bei einer so bewußten Bewegung müßte dies doch' zu sagen sein. Es wind ferner mit keinem Worte der Reaktion gedacht, die der Antisemitismus nicht etwa von jüdischer, sondern von christlicher Seite ausgelöst hat. Es hätte wenigstens in einem Satze der „Verein z U r Abwehr des Antisemitism us" genannt werden müssen, in) dem sich hervorragende Männer vereinigten!, um dieser Bewegung, die sie als eine Schmach! des JahSrhuWderts und eine Gefahr für das deutsche Volk erkannt hatten, entgegenzutreten; Seioei nunmehr in vierunddreißig Bänden vorlegenden „Mitteilungen", sein „Antisemiiltenispiegel", stein „Abwehr-ABC" sind1 eine Fundgrube für alles, was den Antisemitismus betrifft, und sie hätten wenigstens in der Literatur aufgegeben werdenj müssen. Man' höre, was als solche angeführt wird: 1. G. Winter, „Der Antisemitismus in Deutschland", 1896. Eine zwar vortreffliche Sehrtt, die alber jetzt niach beinahe 30 Jahren unmöglich noch genügen kann. 2. Dühring, „Die Judenifrage als Frage des Rassenicharakters" (5. Auflage 1901). Mit der Anführung dieses! Buches sind wir einverstanden, denn in der Tat lebt der Antisemitismus noch heute von

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