Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 31 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 31 Blattes, weiches sein Christentum immer betont und dennoch nicht davor zurückschreckt, Unschuldige des Mordes zu bezichtigen, kann nicht scharf genug verurteilt werden. In unserer Erinnerung tauchen die düsteren Bilder aus jener finsteren Zeit auf, wo das gleiche Blatt ebenfalls Mordbeschuldigungen gegen die Juden erhob, nur hieß es damals nicht politischer Mord, sondern R i t u a 1 m o r d. Wurden zu jener Zeit die niederträchtigsten Beschuldigungen gegen die Juden von diesem Blatte erhoben, um den Liberalismus zu bekämpfen und in der christlichen Bevölkerung eine politische Mentalität hervorzurufen, welche die Voraussetzung eines günstigen Ausganges - der Wahlen für die damals noch junge christlichsoziale Partei bilden sollte, so verfolgt die „Reichspost" mit den jetzigen maßlosen Verleumdungen, die nunmehr gleichzeitig gegen die Sozialisten und Juden gerichtet sind, ebenfalls politische Zwecke. Zunächst will sie den Hakenkreuzlern gewissermaßen den Wind aus den Segeln nehmen und die von diesen hervorgerufene Erregung für ihre dunklen Bestrebungen verwenden. Ihr Ziel scheint hierbei zu sein, der Regierung Ramek, die sich fast aussoMießliich auf die ohristlichsoziäle Partei stützt, Schwierigkeiten zu machen und den hinter ihr stehenden Drahtziehern den Weg zu bereiten. Sodann aber will sie durch ihre erlogenen Beschuldigungen die Sozialdemokraten und vor allem den Republikanischen Schutzbund, der ihr schon lange ein Dorn im Auge ist, schwer kompromittieren und in den Augen der Bevölkerung herabsetzen. Durch dieses Vorgehen hat sich jedoch die „Reichspost" nur selbst auf das schwerste kompromittiert und in den Augen gerade der christlichen Bevölkerung herabgesetzt, welche dieses Blatt schon lange nicht mehr als das Organ der christlichsozialen Regierungspartei ansieht, sondern nur mehr als ein Hetzblatt niederster Sorte, welches bestenfalls die Meinung einer Minderheit innerhalb der Partei zum Ausdrucke bringt. Mit Abscheu und Ekel wird sich jeder anständige Mensch von den Methoden eines Blattes abwenden, das sich als das „christliche" bezeichnet und die Gesetze von Moral und Ethik um eines politischen Vorteiles willen jederzeit zu brechen bereit ist. Es ist geradezu als ein Glück zu bezeichnen, daß der Mörder kurz nach der Tat dingfest gemacht und als ein berüchtigter Gewalttäter und Zuhälter erkannt wurde. Denn sonst hätten die Lügen und Verleumdungen dieses Blattes vielleicht noch mehr Unheil angestiftet, als ohnedies bereits geschehen ist. Es ist ja leider eine alte Geschichte, daß immer wieder, wenn ein Mord begangen und der Täter nicht erforscht wird, die Juden verantwortlich gemacht werden und viel jüdisches Blut ist bereits infolge dieser ruchlosen Verleumdungen geflossen. Daran hat sich leider trotz allen Fortschrittes nicht viel geändert. Sehen wir doch, wie eine vielgelesene Zeitung nach wie vor bereit ist, die Juden zu beschuldigen, sobald sich eine Mordtat ereignet hat. Hierdurch wird ebenfalls jene eingangs erwähnte Massenpsychose hervorgerufen, deren schaudervolle Folgen wir jetzt beobachten können, jene schwere seelische Erkrankung gewisser Volkskreise, welche die Ursache aller Ausschreitungen und Mordtaten ist. Ja, es heißt geradezu Oel ins Feuer gießen, wenn man die durch die hakenkreuzlerischen Hetzer hervorgerufene Erregung durch falsche Nachrichten und bewußte Verleumdungen noch mehr aufpeitscht. Nicht die „jüdische Hetze", sondern das „christliche Blatt" müßte verantwortlich gemacht werden für alle bösen Folgen, die sich aus seinenx Lügenmeldungen ergeben. Das aber , möge sich die „Reichspost" gesagt sein lassen: Wer dieEhre eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen in verleumderischer Weise in den Kot zerrt, begeht ein ebenso schweres Verbrechen wie derjenige, welcher ein schuldloses Opfer grausam hinschlachtet. Die derzeitige Lage der italienischen Juden. Unsere Antisemiten, die sich so gern die deutschen Faschisten nennen, -haben zwar ihrem eigenen Lande genug Schaden zugefügt durch die Hetze gegen seine hervorragendsten und fähigsten Köpfe, weil sie zufällig Juden waren, aber die Frage nach dem Vorhandensein ihrer eigenen positiven hervorragenden Leistungen würde sie sicher in Verlegenheit setzen. Man spielt in diesen Kreisen gar zu gern mit dem Namen Mussolini und ihre Gefolgschaft unter den jungen und jüngsten Hitlerjüngern möchte sich gar zu gern den Schwarzhemden Mussolinis vergleichen, aber man vergißt oder weiß es nicht, daß in Italien Nationalismus nicht gleichbebedeutend ist mit Antisemitismus. Und so wird der Name Mussolini in ihren Händen zu einem irreführenden Aushängeschild. Ueber Mussolinis Stellung zu den Juden gibt uns aber ein Artikel von Luciano S i 1 e o, Korrespondent des Jewish Exponent in Philadelphia, interessante Aufschlüsse. Obwohl Italien nicht mehr als 50.000 jüdische Einwohner besitzt — mit Triest und Trentino — so hat doch diese kleine Gruppe in dem letzten Jahrhundertviertel mehr Staatsmänner und Politiker hervorgebracht, als die Juden der übrigen europäischen Länder insgesamt. Italien hatte schon zwei jüdische Premiers: Luzatti und Sonino fuind einen jüdischen Minister des Aeußeren, Her^n Schanzer, der aus Galizien stammt. Auch Rom hatte einen jüdischen Oberbürgermeister, Herrn Nathan, der im ganzen Lande bekannt war, sowohl wegen seines großen persönlichen Mutes, wie als vorzüglicher Mensch. Selbst einflußreiche Persönlichkeiten des Vatikans, die keineswegs von der Aussicht begeistert waren, einen Juden, und dazu einen Freimaurer, an der Spitze der heiligen Stadt zu sehen, konnten ihm ihre Bewunderung nicht versagen. Luzatti ist bis auf den heutigen Tag der am meisten geachtete Staatsmann Italiens. Ihn achten alle Parteien gleichmäßig: Sozialisten, Liberale wie Faschisten. Er ist nicht allein der größte Oekonom ittn modernem Italien, er ist auch bekannt als großer Phiflantrop. Er gilt als der „große alte Mann" Italiens. Wie überall, haben selbst anerkannte Leistungen das Entstehen einer antrsemiitischeri Bewegung nicht verhindert. P r ec i o s 5, der bekannte Führer derl extremen Nationalisten und Herausgeber des faschistischen Organs „Vita 11 a 1 i a", ist gegenwärtig damit beschäftigt, sich eine größere an-tfeemÄchie Anhängerschaft zu verschlaffen. Neben ttn, aber unabhängig von der