Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 31 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deutschösterreichisclie Wochenschrift iür indische Interessen MH dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deutschdsferreidiisdier luden Redaktion und Administration: Wien HeinesifraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 7. August 1925 Nummer 3t Politik und Verbrechen. Wiederum hat die maßlose Hetze, die von den Hakenkreuzlern und ihrem Anhang betrieben wird und die auch auf der Gegenseite notwendigerweise Haß und Erbitterung hervorrufen muß, ein Todesopfer gefordert. Zurzeit, als in einer Kommunistenversammlung am Praterstern ein Redner in heftigen Worten gegen die Provokationen der Hakenkreuzler Stellung nahm und die Menge seinerseits zum Sturm gegen die Hakenkreuzler aufzuwiegeln suchte, befand sich ein junger Mann in Begleitung seines Freundes in der Nähe des Eisenbahnviaduktes und war zufälligerweise Zeuge einer komischen kleinen Szene, die ihn zu einer lauten Bemerkung veranlaßte. Er wurde deswegen von der ohnehin erregten Menge für einen Hakenkreuzler gehalten, verfolgt und schließlich von einem Messerhelden, welcher sich den Verfolgern angeschlossen hatte, niedergestochen. Mit Entrüstung wird jeder, der den Mord als Mittel der Politik verabscheut, diese rohe Tat zurückweisen. Doch ist das, was hier betrieben wird, noch Politik, verdient eine solche Handlungsweise noch die Bezeichnung einer politischen? Können die jungen Leute sowohl auf Seite der Kommunisten als auch auf jener der Nationalsozialisten, die kaum den Kinderschuhen entwachsen sind, als Politiker im weiten Sinne des Wortes bezeichnet werden? Es sind Burschen, welche überall dabei sind, wo es einen Radau gibt. Neugierde, Dummheit und Abteuerlichkeit, nicht aber politische Motive sind die Beweggründe ihrer Handlungen; hierzu kommt noch eine in diesen Jahren auch bei anderen Jünglingen vorhandene Rauflust, die, statt in sportliche und moralisch wertvollere Bahnen gelenkt zu werden, von unverantwortlichen Hetzern aufgestachelt und mißbraucht wird. Diesen Kreisen haben auch die an den Ausschreitungen, welche sich am Samstag auf dem Praterstern abgespielt haben, Beteiligten angehört, denen sich verschiedene lichtscheue Elemente angeschlossen, die auch dann vor einem Mord oder Totschlag nicht zurückschrecken, wenn es sich nicht gerade um „politische" Zwecke, sondern um materielle Vorteile handelt. Hierdurch scheint der Uebergang von der Politik zum Verbrechen gewonnen zu sein, denn der Täter war kein irgend einer politischen Partei Angehöriger, sondern ein bekannter Verbrecher, der die Gelegenheit benützte, seine Mordlust zu befriedigen. Seit Wochen wird in Versammlungen von antisemitischen Agitatoren von nichts anderem als von Blut, Mord und Pogrom gesprochen und auf diesem Wege werden wahre Verheerungen in den Gemütern unreifer Jungen hervorgerufen, welche zu der Anschauung gelangen, als ob die Niedermetzelung irgend eines politischen Gegners oder eines Mannes, dessen Gesinnung unbequem ist. eine verdienstliche Tat wäre. Natürlich ruft eine derartige verbrecherische Mentalität der Radikalen auf der einen Seite eine ähnliche Stimmung der auf der Gegenseite stehenden extremen Elemente hervor und von hier bis zu der Ansicht, daß gegenüber einem hakenkreuzlerischen Raufbold, von dem man jederzeit attackiert werden könnte und der aus seiner Angriffslust gar kein Hehl macht, ebenfalls alles erlaubt sei, zu dieser entschieden zu verurteilenden Ansicht ist nur ein kurzer Schritt. Und so hetzten sich die radikalen Kreise gegenseitig in immer größere Erbitterung hinein, oder vielmehr werden sie von unverantwortlichen Führern hineingehetzt und schließlich entsteht jene Massenpsychose, welche darin besteht, daß bei Leuten, die sich innerhalb einer erregten Menge befinden, das Verantwortlichkeitsgefühl ausgeschaltet wird. Die Leitung einer solchen aufgehetzten Menge also entgleitet allmählich den Händen der verantwortlichen Führer, die die Macht über eine zu jeder Schandtat entschlossene Horde verlieren, und geht über auf verbrecherische Individuen, die dann schließlich mit der Schärfe des Messers das teuflische Werk vollenden, welches die sogenannten „Verantwortlichen" mit der Schärfe der Zunge begonnen haben. Dies soll aber keine Entschuldigung für die Hetzer auf beiden Seiten sein, sondern vielmehr die Betonung ihrer noch viel größeren Schuld. Denn derjenige, der fortwährend mit dem Feuer spielt, darf sich nicht wundem, wenn schließlich ein gefährlicher Brand ausbricht, welcher schuldlose Opfer fordert. Die ruchlose Niedermetzelung eines unschuldigen jungen Mannes, des hoffnungsvollen Kindes ehrsamer Eltern, war das erste Verbrechen, von dem wir sprechen mußten. Doch ein zweites, weit größeres Verbrechen folgte dem ersten auf dem Fuße: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Dieses Verbrechen hat die „Reichspost" am Tage nach der Bluttat begangen, indem sie gegen besseres Wissen und trotzdem ihr, wie allen anderen Wiener Blättern, Person und Charakter des Totschlägers bekannt sein mußte, in bewußter Weise und absichtlich den Mord als eine „Folge der HetzejüdischerBlätter und Sozialist!- scherFiihrer" hinstellte. Sie behauptet demnach nichts weniger, als daß Juden und Sozialisten die „Blutschuld", dies ist der Titel ihres Leitaufsatzes, treffe. Diese niederträchtige Handlungsweise eines