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Die Wahrheit · 1925-07-30 · Heft 30 (30.7.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 30 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30 DIE WAHRHEIT Die gegenwärtige Lage der Juden in Jfolen**) Der Gang der Geschichte hat es gefügt, daß die Juden in Westeuropa früher als ihre mittel- und osteuropäischen Brüder aus der mittelalterlichen Rechtlosigkeit emanzipiert wurden und in die europäische Kulturgemeinschaft eintreten konnten. Am frühesten war das bei den Juden in Frankreich der Fall. Es wird ewig den französischen Juden zum Ruhm gereichen und zugleich als lebendiger Beweis für die sittliche Gemeinbürgschaft des Judentums dienen, daß zuerst in Paris jene Gesellschaft — die Alliance Israelite Universelle — gebildet wurde, die, zur Verwirklichung des Prinzips der Gemeinbürgschaft, sich die Aufgabe gestellt hat, an der kulturrellen und bürgerlichen Hebung der minder glücklichen Glaubensgenossen im Osten zu arbeiten. Man muß sagen, daß seit sechzig Jahren innerhalb der Judenheit keine Aktion zugunsten einer jüdischen Sache unternommen wurde, die nicht der direkten Initiative oder der Anregung der Alliance entsprang oder in ihrer Tätigkeit ein Vorbild hatte. Von seiten der Zionisten z. B. wurde die Alliance sehr heftig bekämpft, und doch war der erste Zionist, der erste, der den. Grundstein legte zur Besiedlung Palästinas mit jüdischen Landwirten, einer der besten Männer der Alliance. Charles Nettet, und diesem Ziele gehörte seither ein großer Teil der Aktivität dieser Gesellschaft. Aber indem die französischen Juden an die Hebung ihrer östlichen Brüder herantraten, bemerkten sie zunächst nur die großen Unterschiede in politischer und kultureller Beziehung, die die beiden Flügel der Judenheit trennten, richteten ihre ganze Arbeit darauf, die Benachteiligten zu sich emporzuheben, übersahen aber dabei, daß bei den Juden im Westen keine wirtschaftlichen ProDieme mehr existierten, daß aber bei den Ostjuden die vollste politische Gleichberechtigung und kulturelle Höhe keine Besserung der Lage herbeiführen konnten, solange nicht die wirtschaftlichen Fragen auf eine einigermaßen befriedigende Weise geregelt wurde. Was nützte es den galizischen Juden z. B., daß sie sich der vollsten politischen Gleichberechtigung erfreuten, daß sie auf der Stufenleiter der Beamtenhierarchie Sprossen erklimmen konnten, von denen beispielsweise die Juden in Deutschland nicht einmal träumen durften, was nützte ihnen das alles, wenn die große Masse von ihnen wirtschaftlich so gestellt war, daß sie ihre Brüder in Rußland und in Rumänien beneiden mußte, obwohl in diesen Ländern ein Jude nicht einmal Portier einer Bahnstation werden konnte?.. Aber was dem westlichen Beobachter am schmerzlichsten an den Ostjuden auffiel, war der Unterschied in der äußeren Erscheinung und der politischen Stellung. Das Bestreben der Pariser Alliance und der nach ihrem Vorbild entstandenen Londoner und Wiener Gesellschaften richtete sich also darauf, den Ostjuden politische Gleichberechtigung zu verschaffen und sie zu zivilisieren, um sie auf dieselbe Höhe zu bringen, auf die ihre westlichen Brüder seit Jahrzehnten standen. Man üoersah dabei, daß die Lebensbedingungen der beiden Gruppen grundverschieden waren. Die Ostjuden wohnten in wirtschaftlich rückständigen Ländern, in denen zum Teil die primitive Frage der Bauernbefreiung noch nicht ganz gelöst war, sie bildeten in diesen Ländern kompakte, zusammengedrängte Volksmassen, unter denen das Massenelend mit seinen ämtlichen Begleiterscheinungen herrschte und die von der Massenpsychologie beherrscht wurden; im Westen bildeten die Juden eine sehr dünn gesäte Gesellschaft, lauter wohlsituierter Mittelstand mit sehr zahlreichen Gipfeln, die in die Plutokratie hinaufragten. Was die Ostjuden brauchten, war ökonomische Gleichberechtigung, eine Ausrüstung für den wirtschaftliehen Kampf ums Dasein. Erst wenn sie diese hatten, konnte ihnen die politische Gleichberechtigung von Nutzen sein. Die Juden brauchten Aufklärung, Weltwissen, Kenntnis von Technik und Handwerk — man brachte ihnen religiösen Freisinn. Abraham Geiger empfahl Ende der sechziger Jahre als das beste Mittel gegen das Elend der rumänischen Juden das Studium der neuesten Ergebnisse der Bibel- und Talmudkntik, und die Pariser Juden schickten nach Bukarest und Jassy elegante französische Prediger, die geistreiche Sermons hielten und den Gottesdienst modernisierten, so daß man hoffen durfte, die rumänischen Gewalthaber würden sich endlich erweichen lassen und einsehen, daß die so zivilisierten und *) Siehe „Die Wahrheit", Nr. 26 und Nr. 29. freisinnigen Juden der Gleichberechtigung würdig seien. Eine Schar von tüchtigen Industrielehrern und Handwerksmeistern hätte man hinsenden sollen, anstatt der freisinnigen Theologen, Lehrbücher für den Zeichenunterricht, für Handfertigkeit und für kaufmännische Buchhaltung hätte ihnen mehr genützt, als die ganze Bibel- und Talmudkritik. Was den Juden am meisten nottat, war eine körperliche Ertüchtigung. Das Leben im Ghetto, die sitzende Lebensweise der meisten, das Elend hatten ihre Muskelkrait heruntergebracht, so daß sie zu größerer körperlicher Anstrengung unfähig geworden waren und rein physisch im Kampfe ums Dasein zurückstanden. Turnen und Leibesübungen hätten da eine weit größere Bedeutung iür den Fortschritt als retormierter Gottesdienst Jahrzehnte lang kämpfen die Westjuden einen schweren Kampf gegen die Regierungen Rumäniens, um den dortigen Juden das ihnen (durch Tücke und nichtswürdige üesetzesverdrehung) geraubte Recht wieder zu gewinnen, als Hausierer mit dem Warenkasten auf dem Kücken im Lande herumzureisen und als Schankwirte auf den Dörfern Branntwein an die Bauern zu verschleißen. Warum hat man sich nicht gefragt: Sollen diese Juden ewig als Hausierer und Schankwirte ihr Dasein fristen? Wäre es nicht angezeigt, wenigstens den folgenden Generationen den Weg zu produktiven unabhängigen Erwerbsquellen, wie Handwerk und Gewerbe, zu erschließen? (Von Acker- und Gartenbau konnte damals in Rumänien nicht die Rede sein.) Man legte aoer in erster Reihe Gewicht auf den Kampf ums Recht. Die reale wirtschaftliche Seite fand wenig Beachtung. In seinem Buche „Rumänien und seine Juden ", welches im Jahre 1918 so viel Aufsehen erregte, schildert Benjamin begel den heroischen Kampf der Westjuden für die Emanzipation ihrer Brüder in Rumänien, der auf dem Berliner Kongreß mit einem glänzenden Sieg endete. (Die andere Hälfte aes Buches ist leider noch immer in den Jahrgängen von „ust und West" begraben.) Es wirkt mit erschütternder l ragik, zu sehen, wie sogleich nach diesem Sieg, der in oer ganzen Judenheit als Triumph des Rechtes und des humanitätsgedankens gefeiert wurde, das graue Elend und die Rechtlosigkeit der rumänischen Juden erstreckt, anüngens bis in die letzten Jahre andauerten und zum großen Teil nb'ch immer bestehen, sich stufenweise zur höchsten Höhe steigerten und eine eiternde Wunde am Körper der Gesamt judenheit bildeten. Die ganze 12 jährige Arbeit so vieler hervorragender, hochbegabter und unermüdlicher Männer war vergebens gewesen . . . Man hatte die ganze Kraft darauf verwendet, das Dach des Gebäudes, die politische Gleichberechtigung, aufzumnren und hat darüber das Fundament, die wirtschaftliche ürundlage vernachlässigt. Das Dach mußte natürlich einstürzen . . . Die abstrakte Denkweise des ganzen Zeitalters und die daraus entspringende Weltfremdheit und UnKenntnis aer realen Lebensbedingungen und Forderungen rächten sich an zwei Generationen. Jetzt steht am Steuerruder der Pariser Alliance Jacques B i g a r t, ein Mann von eiserner Energie, weitem Bück und reicher Lebenserfahrung. Aber in Sachen der polnischen Juden könnte die Alliance schwerlich einschreiten, ohne sich in einen Gegensatz zur französischen Regierung zu bringen, üie mit der polnischen verbündet ist und keinen Anlaß hat, sich um das Wohl und Wehe der polnischen Juden zu kummern. Dafür könnte die mit der Alliance durch Personal- Union verbundene ICA für wirtschaftlichen, Aufbau der kommenden Generation der Juden in Polen sehr viel tun, vorausgesetzt, daß die politischen Zustände keine unübersteiglichen nindernisse in den Weg stellen würdea Von den jüdischen Körperschaften in den Vereinigten Staaten dagegen dari man erwarten, daß sie sowohl in wirtschaftlicher als in politischer Beziehung ihren Brüdern in Polen zu nilfe eilen werden, da die amerikanische Regierung Polen völlig neutral und unadhängig gegenübersteht. Wir haben im vorigei Artikel gesehen, daß, wenn dies bisher nicht der Fall gewesen ist. die Ursache davon in dem Fehlen objektiver Kenntnis der tatsächlichen Lage bestand. Vielleicht darf man hoffen, daß in dieser Hinsicht eine Aenderung eintritt. Einer der führenden Geister unter den amerikanischen Juden, der immer mehr in den Vordergrund tritt und immer mehr Licht auf sich konzentriert, ist der Rev. Dr. Stephen S. Wise, der an der Spitze des von ihm geschaffenen American Jewish Congress steht Im Gegensatz zu dem greisen und ehrwürdigen Louis Marshall, dem Oberhaupt des American Jewish Committee, repräsentiert Dr. Wise einen ganz modernen Typus, Er ist nicht mehr der S c h't a d 1 a n im alten Sinne des Wortes, der krait seiner ge-

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