Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 30 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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gelte 6 «ji 1)IE WAHRHEIT Nr. 30 Raascner jissa haomen et hajonek —, dfe mit Hirtentreue den Verirrten umhegt. Wo das Krankhafte anfängt, ist schwer zu sagen. Die Grenze versphwimmt Die Unzulänglichen, entstammen oft durch Alkoholmißbrauch, Geschlechtskrankheiten und Irrsinn entarteten Familien. Maiji muß also das Milieu und das Haus seiner Seelsorgepfleglinge kennenlernen, um eine richtige Einschätzung von Sonderbarkeiten, die auffallen, vornehmen zu können. Da sind die Psych asthenischen oder Seelenschwachen, bei denen seltsam schiefe Urteile neben kindlicher Auffassung der Dinge, merklicher Willensschwäche und flachen Gefühls erscheinen, die zuweilen den Eindruck Stumpfsinniger, dann wieder den zielloser und zerfahrener Menschen machen, die sich schwer in Zucht und Ordnung fügen. Ihnen stehen die mäßig geistesschwachen, debilen Elemente nahe, die im Beruf noch leidlich leistungsfähig sind, im Leben aber schnell und gründlich versagen, jeder üblen Beeinflussung sich erschließen, der Verführung zum Opfer fallen und unstet und haltlos ein Spielball eigener Launen und fremder Willkür werden. Förster hat entschieden recht, daß das Wesen aller wahren Erziehung darin besteht, die Einzelpersönlichkeit mit ihrer Eigenart so zu bearbeiten, daß sie sich in die allgemeingültige sittliche Weltordnung hineinbaut. Hinaus aus der Befangenheit in die eigene Unzulänglichkeit. Das ist vor allem denen gegenüber am Platze, die pathologisch irgendwie gehemmt oder gefährdet sind. Ihr leidenschaftliches und ichsüchtiges Wesen bedarf in erhöhtem Maße eines Gegengewichtes durch lebhafte Eindrücke von der Majestät objektiv geltender Gesetze. Eine feste Lebensordnung mit fühlbarem ethischen Hintergrund wäre für unsere Zerfahrenen und Zerrissenen ein nicht zu unterschätzender Heilfaktor. So wird der Rabbbiner die Befolgung der Religionssätze mit ihrer strengen Regelung und Entwirrung aller Daseinsäußerungen in den Dienst der Psychotherapie stellen. Man wird vor allem sich mühen, die rechte Selbstachtung zu wecken. Das religiöse Motiv von dem unendlichen Wert jeder Menschenseele vor Gott muß zur vollen Wirksamkeit gebracht werden. Man muß einem solchen Schwachen geflissentlich Achtung und Vertrauen entgegenbringen und auch die Umgebung und den Verkehr in diesem Sinne belehren. Man muß an die irgendwie wertvollen Interessen, die vorhanden sind, anknüpfen, etwa Neigung zur Musik, Sammeleifer, Freundlichkeit gegen Tiere und von da aus am inneren Menschen weiterbauen — es steckt tiefe Weisheit in dem Satze Kants: „Man kann niemanden besser machen als mit dem Rechte des Guten, das in ihm ist" — und daneben Locandaires Ausspruch im Bewußtsein behalten : „In jeder Menschenseele lebt ein Heiliger und Verbrecher". Diesen Heiligen, die Alten nannten ihn jezer hatob, den Trieb zum Guten, den gilt es zu Hilfe zu rufen. Für das Krankheitsbild des Epileptischen sind nicht die Krämpfe, sondern das gereizte, leidenschaftliche, zornwütige, wie im Rausche sich vollziehende Affektleben kennzeichnend. Bei den schwachen Stadien dieser Krankheit läß sich durch Willensstärkung einige Besserung erzielen. Vor allem gilt es, einem solchen Schwachen das Gefühl zu nehmen, als sei jeder Versuch, einen inneren Kampf gegen den bösen Dämon aufzunehmen, von vornherein aussichtslos. Diesen intelligenten Krankhaften gilt es klarzumachen: Es ist nicht an dem, daß unser Wille nur ein Ergebnis der körperlichen Disposition sei, ein bloßer Durchgangspunkt von Naturwirkungen. Man wird wohl die tatsächliche Abhängigkeit unseres Willens von Motiven aufzeigen, aber auf diesem Grunde der Bedingtheit unsere innere Unabhängigkeit um so heller aufleuchten lassen, die darin besteht, die geeigneten Motive zur endgültigen Entschlußbildung in uns aufzuhäufen. Man lasse ruhig die furchtbare Wirkung ererbter schlimmer Anlage gelten* man stelle aber daneben, was planmäßige Selbsterziehung zu ihrer Verdrängung vermag. Pochhammers schöne Gleichnis zur Veranschaulichung des in der Seele wirksamen Zwanges und der aus dem Ewigen stammenden freien Kraft trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist wie beim Segelboot; hier treibt nicht nur das Wasser, sondern auch der Wind, ein Bild der überirdischen Kraft Es wird sich also um Steigerung der Selbstdisziplin handeln, um Vertiefung des Schuld- und Verantwortlichkeitsgefühls, um die religiösen Werte der Reue und Buße. In uns lebt eine Welt des Gewissens: higgid lecha adam mah tob („Gott hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist") Allen Antrieben der Tiefen und Anlagen des Schlimmen gegenüber ist auf die Kraft aus der Höhe hinzuweisen, und diese soll durch planmäßige Askese und Selbstbeherrschung gepflegt werden. Ueber die Hysterie, zu deren Symptomen neben hochgradiger Beeinflußbarkeit, ausgeprägter Selbstsucht und Lügenhaftigkeit, zuweilen auch Schlauheit und Gewandtheit gehören, sei hier nur ein kurzes Wort gesagt. Lähmungen und körperliche Störungen aller Art, wie Erblindungen, vermag sie hervoi zurufen, Die Suggestion vermag hier Wunder. Auch die Suggtstionskräfte des Gebetes. Ich selbst habe folgenden Fall erlebt. Ein junges Mädchen zeigt nach einer Marschüberanstrengung alle Symptome der Hüftenlahmheit mit Verkürzung des rechten Beines. Anatomische Untersuchung, Röntgenaufnahme, ergeben völlige Intaktheit. Monatelang trotz oder wegen aller möglichen Heilversuche kein Erfolg. Da versammelten wir uns um das Bett der Kranken. Ich spreche, tief ergriffen vom Mitgefühl mit der Leidenden, ein schlichtes, inniges Gebet. Kaum hatte ich das Amen gesprochen, sagt die Leidende: „Mein Bein wird länger", erhob sich und ging normal. Ueber die Psychoanalyse wird sich der Geistliche genau informieren. In seinem Umgang mit Hysterischen sei er besonders darauf bedacht, Ernst und Strenge, Festigkeit und Milde, Teilnahme und Zurückhaltung in Weisheit und Takt miteinander zu vereinen. Er wecke Vertrauen, meide aber . Vertraulichkeit und versäume ja nicht, eine Verständigung mit dem Arzt über etwaige Maßnahmen herbeizuführen. Zum Schlüsse eine Bemerkung über die Neürotiker. Sie sind Menschen ohne rechtes Lebenszentrum; oft sind sie mit ihrem Berufe unzufrieden; sie wechseln ihn oft und launisch, bis sie schließlich scheitern; sie sind leidenschaftliche Glücksucher. Ihnen muß man zeigen: Glücklich sein, heißt glücklich machen. „Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück." Zu sehr mit dem eigenen Ich beschäftigt, sind sie anzuleiten, sich der Wirklichkeit anzupassen, jene problematischen Naturen, die nach Goethes Wort keiner Lage genügen und denen keine Lage genügt. Ihnen ist die Kunst der Dankbarkeit beizubringen, und mit Platen ist ihnen klarzumachen, daß im Leben das Vergessen nicht die letze Tugend ist. Ihre innere Ungeduld und Unruhe stammt aus einem nagenden und quälenden Schuldgefühl. Hier gilt es, die versöhnende und verzeihende Liebeskraft der Religion zur Entfaltung zu bringen und ihnen die Quellen der Beruhigung und des Seelenfriedens zu erschließ en. Gott legt die Last nach der Kraft auf. Darum nicht verzagen! Zumeist sind es gar nicht wirkliche Vergehen und große Untaten, die diese Kranken bedrücken. Der kleinste Schritt vom Wege, winzige Gedankensünden erscheinen ihrem empfindlichen Gewissen als schweres Unrecht, dem auch furchtbares Leid folgen müsse. Die kleinste Lüge und die geringste Unredlichkeit lasten mit Zentnergewicht auf ihrer feinfühligen Seele und malen ihnen die schlimmsten Folgen vor die Phantasie. So werden diese Bedauernswerten von Angst und Zweifel hin und her geworfen, und dabei bezieht sich das Schuldgefühl des Neurotikers zumeist auf. das, was er hätte machen können; es ist sein Triebleben, das er unterdrückt hat, Neigungen, die er vergewaltigte, die im Unterbewußtsein arbeiten^ Hier gilt es, volles Vertrauen zur rückhaltlosen Aussprache zu gewinnen. Es gelingt dann, dem Kranken zu zeigen, daß seine Angst unbegründet ist und die einzelnen Vorstellungen sich psychologisch erklären. Ich habe häufig eine sichtbare und anhaltende Beruhigung als Folge eines solchen Seelensorgegesprächs wahrgenommen. Die Neurose gibt sich öfters auch in störender Willensschwäche kund. Der Kranke ist zu keinem Entschluß fähig. Ich habe da oft zu einer Kriegslist gegriffen. Ich erklärte einem Neurotiker: zu irgendeiner charitativen Tätigkeit sei mir die Mitwirkung seiner Person unentbehrlich, und spannte ihn fest in den Dienst, und zu meiner Freude konnte ich währnehmen, wie von dieser Tätigkeit her allmählich seine Willenskraft wuchs und der Heilprozeß sich einleitete. Judenreine Sommerfrischen. Der Gemeinderat von St.. Johann im Pongau hat im vergangenen Jahre beschlossen, daß an Juden keine Sommerwohnungen vermietet werden dürfen. Der Besitzer des „Pongauer Hof" jedoch hat im „Salzburger Volksblatt" mitgeteilt, daß er sich diesem gesetzwidrigen Beschlüsse nicht anschließe.