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Die Wahrheit · 1925-07-30 · Heft 30 (30.7.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 30 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite 5 Man wird sagen: sollen wir uns assimilieren? Wie kann man so antisemitisch sein, eine solche Forderung aufzustellen? Wem soll ich mich assimilieren? Bin ich ein minderer Deutscher als irgend ein anderer? Es gibt Landsleute, denen mich zu assimilieren ich entschieden ablehne. Aber diese ganze Voraussetzung: der Jude soll sich dem Deutschen assimilieren, macht eine falsche Prämisse, nämlich die, daß das zwei verschiedene Wesen wären. Den Deutschen, der nicht irgendwie sonst noch bestimmt wäre als Jude oder Protestant oder Katholik oder Norddeutscher oder Süddeutscher oder Handwerker oder Bauer oder Arbeiter, den gibt es ebensowenig, wie es den Baum kat exochen gibt, der weder Buche noch Eiche noch Tanne noch irgendeine sonstige Art von Baum, sondern nur schlechthin Baum ist. Das gibt es nicht. Aber von diesen verschiedenen Erscheinungen der einheitlichen deutschen Staats- und Kulturnation ist der Jude nicht etwas anderes als irgendein anderes dieser Elemente. Er ist einig mit dem Vaterlandsgefühl, und er hat im übrigen deshalb auch gar nicht nötig, sich nationalgesinnter Jude zu bekennen! (Bezieht sich auf die Naumannsche Bewegung nationaldeutscher Juden. D. Red.) Das wäre genau so, als ob man sich als nicht wuchernder Jude oder als nicht perverser Mitmensch besonders bekennen wollte.. Ich muß sagen, ich habe mir oft den Kopf zerbrochen, wie es überhaupt denkbar ist, daß jemand, der als Deutscher geboren, der aufgewachsen ist in seiner ganzen Familie, in seinem ganzen Denken, in seinem ganzen Leben und Treiben innerhalb eines Volkes, nicht national gesinnt sein? Es kann sein, daß er es einmal sagt, und dann muß man ihm eben sagen: du weißt nicht, was du redest; denn selbst, wenn du es nicht wolltest, du kannst es ja gar nicht sein. Vielleicht wenn man auswandert und lange Jahre unter anderer Kultur und Sprache und Umgebungsverhältnissen lebt, dann mag es sein, daß man da einwurzelt, und auch das immer noch nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne große Schmerzen und Schwierigkeiten. Es ist aber das Mittel der Herrschaft der reaktionären Kräfte, alles, was ihnen nicht dienlich ist, als antinational zu verschreien. Bald sind es gewisse soziale Klassen und Stände, bald sind es Konfessionen und Religionen, denn schließlich y. ■„■■ cie Katholiken doch wohl noch nicht eine Rasse. Und das in einer Lage des Vaterlandes, wo in der Tat die Rettung nur durch den einheitlichen nationalen Geist und die einheitliche nationale Gesinnung denkbar ist. Man sagt dem Juden: bessere dich, gehe in dich! Ja, wenn du schlecht bist bessere dich. Gewöhnlich wird man es nicht tun, wenn man wirklich schlecht ist, aber ob man dabei Jude oder Christ ist, ist meines Erachtens gänzlich gleichgültig. Lassen wir uns — und das ist eine Pflicht, 'die wir dem deutschen Volk und seiner nationalen Entwicklung gegenüber haben — nicht ein solches falsches Rassensolidaritätsgefühl einreden. Fühlen wir uns nicht verpflichtet, jeden jüdischen Schuft zu decken. Fühlen wir uns aber auch nicht haftbar dafür, daß es auch jüdische Lumpen gibt. Diese ganze Art des Denkens ist auf den Rassenwahnsinn aufgezogen und aufgepfropft. Gewiß, man sagt sich: der Jude soll sich nicht vordrängen. Kein Mensch soll sich vordrängen. Der Christ auch nicht. Aber er soll, was er für die Oeffentlichkeit leisten kann, nicht ungeleistet lassen, aus Angst, man könnte ihm nachsagen, er dränge sich vor. Und was noch wichtiger sein mag: die verehrten Glaubensgenossen sollen ihn nicht an den Rockschössen zurückziehen aus Angst, sie könnten davon Unannehmlichkeiten haben, wenn er den anderen nicht gefällt. Da muß man denn auch ein offenes Wort über das Verhalten der politischen Parteien sagen. Daß die rechtsgewandten politischen Parteien mit dem Antisemitismus mehr oder minder liebäugeln, das ist unschön, ist eine Versündigung am deutschen Vaterlande, aber er ist vom parteitaktischen Standpunkt aus begreiflich. Denn, mein Gott, sie haben wirklich so gar nichts Propagandistisches. Womit sollen sie Begeisterung, Eifer, heiliges Feuer erregen? Geht es nicht mit dem heiligen, geht es mit dem unheiligen Feuer. Es ist für einen geistig nicht all zu reich ausgestatteten Agitator eine kaum abzuweisende Versuchung, eine große Versammlung zu jubelndem Beifall fortzureißen, wenn er nur einfach das Wort „Jude" ausspricht. Nun aber die Parteien, die ihn wollen und die natürlich nicht antisemitisch sind. Sie sind es nicht in verschiedenen Abstufungen, aber darüber will ich nicht reden. Aber auch manche, die es ganz gewiß nicht sind, und auch nicht sein können, ja die sogar in ihren Programmen und Kundgebungen mit sehr schönen einwandfreien Erklärungen sich dagegen wenden, die es ja bekämpfen müssen — denn sie werden von der anderen Seite als Judenpartei bekämpft — sind vielfach ebenso tapfer, wie es die Juden in der Selbstverteidigung sind. Sie werden ganz sicher niemals erklären, daß sie einen Juden nicht in die erste Reihe stellen. Aber sie werden alles tun, um es zu vermeiden. Man braucht das nicht mit moralischen Werturteilen zu betrachten. Viele der Leute meinen das beste dabei, aber was sie tun, ist nicht das Beste. Es hat nämlich glücklich jetzt schon dahin geführt, daß ihre eigenen Gegner drei Viertel dessen, was sie im Falle ihres Sieges hätten erreichen können, ohne diesen Sieg erreicht zu haben. Ja, sie haben in weitem Maße das innere Mark und die Kraft der modernen fortschrittlichen Parteien geknickt, ausgesogen, wiederum nicht nur wegen der paar Juden. Das ist auch wieder nur Barometer und Symptom. Sie sind verstrickt worden in eine eigene innere Unwahrhaftigkeit, in einen Widerspruch ihres Handels mit ihren Grundsätzen. Dergleichen können sich rückschrittliche Parteien leisten. Aber nicht fortschrittliche Parteien. Ich habe immer erklärt und erkläre: mir ist es vollkommen gleichgültig, ob ein Jude oder zwei oder drei oder vier oder wer weiß wieviele Juden da sind; aber unerträglich ist, wenn jemand, der dienen kann, an der geeigneten Stelle nicht dienen darf der Sache unserer nationalen Konsolidierung und unseres Fortschritts, weil er Jude ist und weil man nicht einmal wagt zu sagen: deshalb, weil er Jude ist Vielleicht wäre es in ihrem engsten Interesse vorteilhaft — und es gibt manche werte Glaubensgenossen, die das meinen — wenn sie sich um politische Dinge möglichst gar | nicht kümmern, wenn sie ihren geschäftlichen und sonstigen Interessen leben, nach außen keinen Anstoß erregen usw. Ich glaube, es würde ihnen vielleicht ein Weilchen besser gehen, sie würden sich manche Unannehmlichkeiten ersparen. Aber was den Juden bereitet wird in Völkern und Staaten, denen der moderne Nationalstaat fremd blieb, das sollten sie zur Genüge erfahren haben. Sie arbeiten für sich, indem sie für diesen nationalen Staat arbeiten, und das Ziel mag sein, was schon vor vier Jahrhunderten einer der klarsten deutschen Köpfe, Johannes Reuchlin, ausgesprochen hat, wenn er sagte: „Daß Christen und Juden, wir und sie eines einigen römischen Reiches Mitbürger sind und bei einem Bürgerrecht auf Burgfrieden sitzen." Nicht mehr eines heiligen römischen" Reiches, sondern eines einigen deutschen Reiches in Wahrheit gleichberechtigte Glieder und Bürger in nationalpolitischer Gemeinschaft. Die Beeinflussung Nervenleidender als seelsorgerische Funktion des Rabbiners. Von Bezirksrabbiner Dr, Beermann, Heilbronn. Die praktische Theologie des Judentums ist Neuland. Kann man doch immer noch gerade in gut jüdischen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen die Verbindung des Begriffes Seeelsorge mit dem Rabbinerberufe wahrnehmen. Als ob nicht das Hirtenamt eine gemeinjüdische Idee (vgl. Ezechiel 33) ist und mannigfache Stellen des rabbinischen Schrifttums die Verantwortung des Führers für die ihm anvertraute Schar ganz im Sinne jener suchenden Liebe feiern, die Ezechiel predigt, den man den Vater des Rabbinertums genannt hat Wenn heute der Arzt mehr und mehr zum Erzieher und Seelenführer seiner Nervenkranken wird und sie zum guten Teile als Seelenkranke behandelt, dann soll der Geistliche nicht übersehen, daß seine Seelsorgerarbeit nicht nur dem Heile, sondern auch der Heilung siecher und wunder Seelen diene. Er muß den Arzt verständnisvoll zu ergänzen suchen dadurch, daß er dem Angefochtenen ein Lebensziel zeigt und eine neue Lebensauffassung gibt die geeignet ist, der schwachen Seele Halt und Haltung zu verleihen. Zwischen ausgesprochener Geisteskrankheit und völliger seelischer Gesundheit gibt es ein großes mit mannigfachen Erscheinungen sich darbietendes Zwischengebiet. Es wird gut sein, daß der Seelsorger sich durch einschlägige Schriften über die psychopatischen Minderwertigkeiten belehrt; dabei bedenke er aber, daß das Entscheidende seiner Wirksamkeit der Wille und die Gesinnung in ihm ist, die gewaltige Liebesmacht einer reinen starken Seele, die sich verständnisvoll herniederneigt zum leidvollen Gemüte, um ihm Erhebung und Erleuchtung zu bringen. Osers schlichtes und schönes Wort ist da zu beherzigen: „Suche die Geheimnisse des Gemütes nicht wie ein Naturforscher zu ergründen, sondern wie ein Liebender". Jene tragende Moses-Geduld ist da vonnöten —

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