Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 30 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 30 eingewanderte Violinvirtuse Alfred G r ü n f e 1 d hat es sogar noch in eigener Person dazu gebracht, hier geradezu als Repräsentant künstlerischen Wienertums gefeiert zu werden. Und der sprichwörtliche Typus des durchgefallenen Studenten aus Europa, der in Amerika zunächst Liftboy und später vielleicht Fabrikant größten Stils wird, muß den Umgestaltungsprozeß sogar mehrmals durchmachen. Dieser vollzieht sich unter dem Einfluß des äußeren Milieus ganz von selbst. Eine Judengeneration, die in einem freien Judenstaate aufwächst, wird sich ganz gewiß äußerlich und innerlich von dem gedrückten Typus des Oolusjudentums unterscheiden. Die naive Ansicht der „radikalen" Zionisten, daß dieser Unterschied nur durch eine „t h e o r e t i s c h e Schul u n g vor der Emi g r a t i o n" zu erreichen ist, widerspricht aller geschichtlichen Erfahrung. Das neugegründete Rom wäre, trotz der Anziehungskraft, die es als Freistätte kriminell Verfolgter auf alle ausüben mußte, denen anderwärts der Boden zu heiß geworden war, vermutlich unbevöikert geblieben, wenn man von den dort Zuflucht Suchenden ein Examen über ihre moralische Fähigkeit verlangt hätte, die Väter künftiger Welteroberer zu werden... Die ganze Weltgeschichte kennt überhaupt nur ein einziges Beispiel für die nationalkulturelle Umschulung eines Volkes, bevor es das Ziel seiner Wanderung erreichte. Dieses Beispiel, das auch unseren „radikalen" Zionisten vorgeschwebt haben mag, ist der 40jährige Zug der Kinder Israels durch die Wüste. Es fragt sich aber sehr, ob dieses Vorbild heute nachzuahmen ist. Denn erstlich haben die heutigen Juden in allen Ländern schon mehr als 40 Jahre Emanzipation hinter sich, die es ihnen doch schon ermöglichten, die seelischen Spuren des Ghetto-Mizraims zu verwischen. Zweitens scheint mir der pädagogische Erfolg der biblischen Wüstenwanderung nicht ganz den Erwartungen des Führers entsprochen zu haben. Denn der Götzendienst koninte während dieser Zeit aus den Seelen der Juden nicht restlos ausgerottet werden und das goldene Kalb, das den Zorn Moses' entfachte, als er zum erstenmal von Sinai herabstieg, spielt bekanntlich noch im Buch der Könige eine verhängnisvolle Rolle. Heute ist es aber zum Glück doch schon erledigt und das Problem des modernen Zionismus1 ist nicht das der Reinigung der mosaischen Lehre von heidnischen Beimengsein, sondern ein soziales. Die wirtschaftlichen Formen, in dienen sich das jüdische Leben im Lande der Väter abspielen wird, können sich aber erst an Ort und Stelle herauskristallisieren. Wenn der Ackerbau das menschenwürdigste Dasein in Palästina gewährleisten wird, dann werden die jüdischen Kolonisten Ackerbau treiben. Wird sich aber die Arbeit in den städtischen Betrieben der Industrie und des Handels lohnender erweisen, diann wird sich das jüdische Leben in1 den Städten konzentrieren und das wird sich auch durch noch so sorgfältigste Vorschulung der Chaluzim auf die Dauer nicht zu verhindern sein. Klagt doch die durchaus arische Agrikultur Europas gleichfalls' über die wachsende Anziehungskraft der Städte auf die Landbevölkerung. Und doch ist diese „bodenständig" und ncht von jahrhundertelangem Ghettoleben angekränkelt. Dazu kommt, daß die „radikalen" Zionisten sehr wenig Fähigkeit gezeigt haben, das europäische Judentum nationalkulturell und wirtschaftlich umzuschulen. Es ist kein Moses unter ihnen und wenn sie mit diesem erlauchten Ahnherrn des Zionismus überhaupt etwas gemeinsam haben, so ist es höchstens das, daß auch sie niemals nach Zion kommen werden... Sie sonnen sich viel lieber im Glänze ihrer lokalen Führerrollen. Leider hat neuesten Meldungen aus London zufolge die „radikale" Opposition insofern einen Erfolg zu verzeichnen, als sie das Zugeständnis erhielt, daß die durch Nichtnationalisten verstärkte Jewish Agency nur provisorischen Charakter tragen soll. Das heißt, die der jüdischnationalen Vereinsmeierei und Politik abholden Juden erhalten zwar die Erlaubnis, ihr Scherflein für den Aufbau Palästinas beizutragen, dann aber, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, können sie in Ungnaden wieder entlassen werden. Es fragt sich nur, ob die Geduld der Nichtnationalisten, die ja von den Jüdischnationalen immer verhöhnt wird, auch diese. Belastungsprobe ertragen wird oder ob es sich nicht schon bei dieser Gelegenheit zeigen wird1, wie verhängnisvoll es sich gestalten kann, wenn man den „radikalen Zionisten" nachgibt. Wenn der Zionismus praktische Erfolge erzielen will, wird er gut tun, die Theorien der „radikalen" Opposition ad acta zu legen, die aus Prestigegründen die überwiegende Mehrheit der am Wiederaufbau Palästinas interessierten Juden von der Mitarbeit an diesem erhabenen Werke ausschließen, möchten. Die Stellung der Juden im deutschen Reich. Rede des Reichministea-s a. D., Professor Dr. Hugo P r e u ß. (Schluß.) An solchen Schwächeerscheinungen krankt unser deutsches national-staatliches Leben. Es ist das nicht verwunderlich nach den Jahrhunderten seiner Geschichte, nicht verwunderlich nach den unglückseligen Umständen und Verhältnissen, unter denen es in sein neues, staatliches Stadium eingetreten ist. Alle jene Rückfälligkeiten in den Gedanken, daß jenes in seiner inneren Morschheit hilflos Zusammengebrochene, weil es einst mächtig und glänzend war, doch das Bessere gewesen sei, alle jene Veilletäten toben sich nun in Feindschaft gegen den werdenden einheitlichen modernen deutschen Nationalstaat auch wieder in den neuen Paroxismen des Antisemitismus aus. Und doch gibt'es für Deutschlands Lage keine Rettung als die Konsolidierung des modernen Nationalstaates, düe Ueberwindung all jener trennenden und zerreißenden Klassen-, Kasten-, Konfessions-, Rassen-, Pseudorassen-Gegensätze, die die alten Mächte im Interesse ihres divide et impera wieder aufzuhetzen und aufzupeitschen suchen. Deutschland kann nicht existieren, wenn es nicht unendlich später als alle anderen großen Völker und nach einer Erfahrung furchtbarster Schmerzen eingeht in den großen Weg der modernen national-staatlichen demokratischen Entwicklung. Das ist die Einheit des staatlichen Volkes, der Staatsnation. Insofern haben wir deutsche Juden, wie ich zu Anfang andeutete, einen hohen deutschen national-politischen Beruf, teils als Objekt, teils als Subjekt. Als Objekt insofern, als, wie ich vorhin schon sagte, es ein Barometerzeichen für den Stand der politischen Entwicklung Deutschlands, von der sein Heil oder Unheil abhängt, ist, daß die sogenannte Judenfrage aus der Mitte des politischen Lebens in Deutschland verschwindet. Und aktiv, indem wir in nationaler politischer Tätigkeit und Betätigung dazu beizutragen haben, dieses Ziel nach Möglichkeit zu erreichen.