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Die Wahrheit · 1925-07-30 · Heft 30 (30.7.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 30 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 DIE WAHRHEIT Sek© 3 sehen Aktionskomitees, Herrn Oberrabbiner Prof. Dr. H. P. Chajes, wiederholt: „Anläßlich der Eröffn..un g der Universität in Jerusalem hat es sich gezeigt, daß tatsächlich das ganze J ui d e n ts u m m i t d e m Aufbau Palästinas geht, a u c h j e n e Teile, d i e a u s r e 1 i g i ö s e n, sozialen und politischen Gründen 'der zionistischen Organisation nicht angehöre n." Der Redner zog aus dieser Erkenntnis auch gleich die Konsequenz, daß die Frage, wie man solche Menschen ausschließlich für den Palästinaaufbau organisatorisch erfassen könne, das Hauptproblem des Zionistenkong r e s s e s sein müßte. Und so wie der Wiener Oberrabbiner sind auch die übrigen bedeutenderen Zionistenführer, vor allem der geniale Präsident der Weltorganisation, Professor Dr. Chaim W e i z m a n n, für die Heranziehungaller Juden zu dem Werke, das seinesgleichen im der 'ganzen Weltgeschichte nicht findet. Aber diese geistig und moralisch hervorragenden Männer, die über geachtete soziale Positionen zu politischen Führerrollen gelangt sind, haben jene Parteigenossen gegen sich, die durch angemaßte politische Führerrollen geachtete soziale Positionen zu ergattern suchen. Die berufenen Führer des national orientierten Judentums stoßen auf den W iderstand der jüdischnationalen Berufspolitiker. Da ist einmal ein Herr Soloweit-schik, dem seine „Weltanschauung" sogar schon zu einem regelrechten M i n i s t e r p o r t e f e u i 11 e „für jüdische Angelegenheiten" in Litauen verholfen hat. Dann ein Herr Grünbaum, der sich mit der bescheideneren, aber immerhin einflußreichen Stellung eines1 polnischen Sejmdeputierten begnügen muß, und schließlich Herr Stricker, der einmal Mitglied b) Ehelosigkeit, Mönchtum sind unjüdisch. c) Kinderreichtum ist Ehre, Kinderlosigkeit Schande. d) Die Durchdringung des Familienlebens mit religiösem Leben, jüdischer Religionsunterricht ist Pflicht. e) Pflicht der Kinder ist, die .Eltern zu ehren. f) Der Mann ist der Frau übergeorndet, auch der eigentliche Träger der Religion. 3. Im protestantischen Christentum wirken, im Anschluß an das Neue Testament, diese Grundzüge und Tendenzen des Judentums nach. Griechisch ist die Herabsetzung der Ehe, die Verherrlichung des Hetärentums, die Ehelosigkeit, Ausschweifung und Askese, Mönchtum. In der Abwehr alles dessen nimmt das Christentum jüdische Tendenzen auf. Man sieht das auch in der verschiedenen Stellung zur Nacktheit, worin das Judentum und das Christentum anders denkt als das Griechentum (vgl. die jüdischen Vorschriften über Nacktheit und Gebet, zum Beispiel in Tosephtatraktat Berakhoth). In dem Kampf um den Religionsunterricht steht das fromme Judentum auf dem Standpunkt der Forderung von Schulen mit jüdischem Religionsunterricht, am besten von rein jüdischen Schulen. Auch der Protestantismus bewahrt im kirchlichen Leben, soweit es der österreichischen Nationalversammlung gewesen ist — einmal und wahrscheinlich nicht wieder. Er zittert um seine politische Geltung — oder was der von weiten Schichten des Wiener Judentums wiederholt Abgelehnte so nennt — und fürchtet vor allem die Konkurrenz jener Zionisten, die, um ihr politisches Ideal zu verwirklichen, alle zur Mitarbeitrufen, die guten Willens sind, während das streitbare Häuflein der Berufspolitiker nur dein Bierzipf, das erhabene Symbol früh geübter Vereinsmeierei, als Legitimation für die Kandidatur in die Jewish Agency gelten lassen will. Durch eine Verwischung der Partei-Unterschiede innerhalb des Judentums sehen die abgetakelten Minister und Parlamentarier ihr Lebenswerk bedroht, das auf die Errichtung und Festigung von Scheidemauern zielte, weil man in einem kleinen Teile — je kleiner, desto besser — leichter eine Rolle zu spielen vermag als in der ungeteilten Gesamtheit. Darum müssen die großzügigen Führer von der „radikalen" Opposition folgende Belehrrng entgegennehmen: „Zionismus bedeutet nicht die Ueberführung jüdischer Emigranten nach Palästina, sondern hat eine seiner stärksten Wurzeln in dem Willen zur fundamentalen Umgestaltung des jüdischen Lebens, ebensosehr in seiner national-kulturellen wie auch in seinen wirtschaftlichen Formen." Das klängt sehr schön und bestechend. Wer sich aber vom schönen Klang nicht bestehen läßt, erkennt, daß hier künstlich ein Gegensatz konstruiert wird, der keiner ist. Denn es gibt keine Emigration, die nicht den Willen des Auswanderers — er sei Jude oder Christ — zur fundamentalen Umgestaltung seines Lehens zur Voraussetzung hat. Der Ostjude, der aus dem polnischen „Gäßchen" in ein westeuropäisches Kulturzentrum übersiedelt, assimiliert sich in der Regel schon in der zweiten Generation. Der aus einer kleinen mährischen Kehilla nach Wien sich dabei um das geistliche Amt handelt, die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts, und hat im Traugelübde im Anschluß an das Neue Testament die Formel: „ihm (das heißt dem Manne) Untertan sein in dem Herrn". Dabei ist hier, wie auch sonst in Bezug auf die Stellung der Frau, erkennbar, daß jüdische Ueberlieferungen über Polygamie und Stellung der Frau innerhalb des religiösen Lebens, auch über Ehescheidung, im Christentum zugunsten der) Monogamie, der religiösen Gleichstellung der Frau und des Verbotes der Ehescheidung eine „Erschwerung" (rabbinisch zu reden) erfahren haben. Innerhalb der christlichen Kulturwelt vermag sich aber das Judentum leicht, seinen Grundsätzen der Vermeidung der „Entweihung des göttlichen Namens" und dem Satz: „Dina d'malkhutha dina", das heißt „Staatsgesetz ist Gesetz", entsprechend, und' entsprechend obigen Grundtendenzen, den in der christlichen Welt geltenden Staatsgesetzen und Grundsätzen zwanglos einzuordnen. Schon die Betonung der Ehe und der Kindererziehung, vor allem auch das Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", weist in eine Richtung, die in mustergültigem, innigem, monomanischem Ehe- und Familienleben unserer jüdischen Zeit- und Volksgenossen Tatsache ist.

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