Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 30 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 30 sehen. Die Sehnsuchtsergüsse des jüdischen Volkes, die am Tage des Unheils, dem 9. Ab besonders inbrünstig zum Ausdruck kommen, sind viel mehr als der Ausdruck einer nationalen Idee oder einer politischen Ideologie, sie sind der Ausdruck des mtssianischen Gedankens, der neben dem Monotheismus den Kern des jüdischen Glaubens bildet. Nuinsofern also, als der Wiederaufbau des Heiligen Landes dazu beiträgt, die absolute d. h. unpolitische, und autonome, d. h. durch sich selbst bestimmte messianische Idee ihrer Verwirklichung näherzubringen, kann dieser als ein Mittel hierzu, nie abo# als Selbstzweck angesehen werden. „D e n n der Glaube, das ist unser Jerusalem", sagt Stephan Zweig in seiner erschütternden Tragödie „Jeremias". Dies aber ist der Trost, welchen der große Prophet Jeremias den Verzweifelten spendete, die Hoffnung, die er den aus Jerusalem Vertriebenen1 mit auf den Weg gab und die auch uns aufrichten soll am Tage des Schmerzes und der Trauer: „Siehe, Tage kommen, spricht der Ewige, da schließe ich mit dem Hause Israel und dem Hause Judä einen neuen Bund, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloß, da ich sie aus dem Lande Aegypten führte, welchen Bund sie gebrochen, daß ich Ueberdruß an ihnen hatte, sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel schließen werde: Ich lege meiu£ Lehre in ihr Inneres und schreibesieaufihrHerzundichwerde ihnen zum Gott und sie mir zum Volke sein." (Jeremia Kap. 31, Vers 31 ff.) (geltes l ROTGASSE-1 Radikaler Zionismus. Von Dr. Hugo S p i e' g I e r. In diesem Blatte war bereits öfter davon die Rede, daß sich in- Berlin eine „Konferenzgemeinschaft radikaler Zionisten" konstituiert hat. Man möchte glauben, daß sich hier alle jene radikalen zionistischen Elemente, die es vor Sehnlsiucht nach Zion gar nicht mehr aushalten können, zsammengeschlossen hätten. Es stellt sich aber heraus, daß die neue Parteigruppe nicht aus Leuten besteht, die es sehr eilig haben* nach Palästina zu kommen, sondern im Gegenteil aus solchen Zionisten, die sich gar kein Gewissen daraus machen, aus kleinlichen Gründen den Aufbau „Alt-Neulands" gewaltsam zu verzögern. Es handelt sich nämlich um! eine Gruppe, die die vom Völkerbund verlangte Schaffung einer J e w i s h A g e n c y auf dem bevorstehenden Zionistenkongreß obstruieren möchte. Die Jewish Agency soll der vom Völkerbund eingesetzten Mandatarmacht über Palästina, d. i. England, in allen dieses Land betreffenden Verwaltungsfragen beratend zur Seite stehen. Die englische Regierung legt begreiflicherweise Wertdarauf, daß ein solches Komitee wirklich die Repräsentanz des Gesarntjudentums der Welt darstellt und nicht nur die Clique einer Partei, die in den meisten Ländern unter dien dortigen Judeni nur eine mehr oder weniger bedeutende Minderheit bildet. Anderseits hat der Uebergang Palästinas auis der Hand der zu jedem Aufbau unfähigen Türken in die Obhut jener europäischen Kulturmacht, die seit Jahrhunderten die glücklichste Hand bei der Verwaltung und Zivilisierung von Kolonialländern gezeigt hat, auch bei jenen Juden Interesse für die jüdische Kolonialisierung des gelobten Landes ausgelöst, die vor dieser gewaltigen Veränderung der Weltkarte den Zionismus als Utopie ablehnten. Hier seien' nochmals die Worte des Präsidenten 'des1 zionisti^- Feuilleton Judentum, Ehe, Frauen. Von Lic. theol. P. F i e b i g (Leipzig). 1. Es ist bekannt, daß es viele mustergültige jüdische Ehen gibt. Nicht mit Unrecht hat man gesagt, daß dem Juden ein ausgeprägter Familiensinn eigen ist. Für Nachkommenschaft zu sorgen, ist religiöse Pflicht (1. Mose 1,28). Die religiöse Belehrung der Kinder, namentlich der Söhne, wird im Schema Jisroel, dem Hauptbekenntnis, geboten. Unter den zehn Geboten der fünf Bücher Moses lautet das eine: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren." Die jüdische Religion reicht auch in das häusliche Leben hinein. Der Sabbat, der Passahabend, die Tischgemeinschaft usw. zeigen den Hausvater im häuslichen Kreise ausgestattet mit religiöser Würde, und die Frau und die ganze Familie hineingestellt in einen religiösen Zusammenhang, in ein Leben vor dem Angesicht Gottes. Streng sieht man darauf, daß der Vorbeter der Synagoge verheiratet ist, damit er nicht ins Gerede kommt. „Heiligung des göttlichen Namens" ist ein besonders wichtiger Begriff, der alles ausschließt, was etwa in den Augen von Nichtjuden anstößig sein könnte. Unzucht und Götzendienst werden auf eine Stufe gestellt, d. h. streng verabscheut. Es ist bekannt, wie gut es meist die jüdischen Ehefrauen haben, da der Mann mit aller Kraft für seine Frau und seine Familie sorgt, nüchtern ist und fleißig. Oftmals ist die Frau auch insofern die Gefährtin des Mannes, als sie sich an seiner Arbeit, -seinen geschäftlichen Sorgen beteiligt. In dieser wie in anderen Beziehungen sind natürlich jüdische Ehen verschieden, genau so verschieden wie christliche; 2. Es soll an dieser Stelle nicht auf alle die Probleme eingegangen werden, für die z. B. J. L e i p o 1 d t, Professor für neutestamentliche Wissenschaft an der Universität Leipzig, in seinem Buch „Jesus und die Frauen", Bilder aus der Sittengeschichte der alten Welt, 1921 (Leipzig, Quelle u. Meyer), auch hinsichtlich des Judentums jener Zeit eine reiche Sammlung von Belegstellen bietet. Es müßten da zu allseitig gerechter Würdigung viele Einzelheiten behandelt werden. Es seien hier nur folgende Grundzüge herausgehoben: a) Das Judentum betont die Ehe und verabscheut das Dirnentum,