Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 30 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064051--13846-3081374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Deutschösterreichische Wochenschrift ihr jüdische Interessen Mit dem Beiblatt: VeröMentlithnngen der .Union deutschösterrei<his<her Joden* Reöaktion und ADministration Wien II., Helnesiratte - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 31. Juli 1925 Nummer 30 Tischo b' Aw. Von Dr. Franz Josef Weiß. Bei uns Juden sind Geschichte und Religion enge miteinander verbunden. Wer daher das Wesen des mosaischen Glaubens erfassen will, muß das Schicksal jenes Volkes studieren, das sich zu ihm bekennt, ebenso wie derjenige, der die Geschichte der Kinder Israels nur mit dem Werkzeug der Geschichtsforschung erfassen wollte, niemals die in der Geschichte einzig dastehende Erscheinung wird begreifen können, daß ein Volk, gering an Zahl und ohne eigenes Land, trotz unerhörter Leiden und Entbehrungen große, starke und mächtige Völker überlebt hat. Mag es daher auch vom historischen Standpunkte aus zweifelhaft erscheinen, ob sich tatsächlich gerade die traurigsten Ereignisse, die das Schicksal unseres unglücklichen Volkes bestimmt haben, wie die Zerstörung des ersten Tempels durch Nebuzaradan, den Feldherrn Nebukadnezars, im Jahre 568 a. Chr., die Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus, den Sohn Vespasians, im Jahre 70 p. Chr., die Einnahme Bethars und das Ende des Bar Kochba-Aufstandes im Jahre 135 p. Chr., die Vertreibung der Juden aus Spanien, im Jahre 1492, an ein und demselben Tage abgespielt haben, mag es sich auch historisch nicht erweisen lassen, ob wirklich der neunte Tag des vierten Monates der unheilvollste und furchtbarste in der vieltausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes gewesen ist, er ist durch Jahrhunderte alte üeberlieferung zum erschütternden Sinnbild einer Tragik geworden, die ihresgleichen in der Geschichte nicht findet. Wer also nicht mit den Mitteln der historischen Kritik, sondern auf dem Wege der philosophischen Intuition, also gleichsam von einer höheren Warte aus, die jüdische Geschichte betrachtet, für den konkretisiert sich das Rätsel der Gleichzeitigkeit zu dem Wunder der Gleichartigkeit des Ablaufes der historischen Ereignisse, durch welche sich die düsteren Prophezeiungen Jeremias immer wieder von neuem an den schwergeprüften jüdischen Volke erfüllt haben: „Die Berge werden widerhallen vom Weinen und Jammern, über die Anger der Wüste wird das Klagelied ertönen, denn Jerusalem mache ich zum Steinhaufen, zur Wohnung der Wölfe und die Städte Judas zur Einöde. Ich zerstreue Israel unter die Völker, und sende hinter ihm das Schwert her, bis ich sie getilgt habe, spricht der Herr." (Jer. Kap. 9, Vers 9 ff.) Auch andere Völker haben Trauertage, wie z. B. die Franzosen den Tag von Sedan (2. September), die Deutschen den von Jena (14. Oktober), aber es wäre eine ganz falsche Auffassung, wollte man den 9. Ab, wie es leider geschieht, als einen nationalen Trauertag auffassen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Die politischen oder, wenn man will, „nationalen"* Niederlagen wurden regelmäßig zu Siegen, und zwar zu Siegen des Geistes über die Materie, zur Lieberwindung der historischpolitischen Verhältnisse durch die Macht des unerschütterlichen Glaubens, der dem jüdischen Volke Kraft und Trost gewährte in den Stunden der Not und Verzweiflung. Der äußere Niedergang hatte immer wieder einen inneren Aufschwung, eine religiöse Erneuerung zur Folge, ja er war sogar in der Regel der Ansporn zur Verinnerlichung und Vertiefung des Glaubens. Als die Nachricht einlief, daß Jerusalem gefallen und der Tempel ein Raub der Flammen geworden sei, da zerrissen Rabbi Jochanan Ben S a k k a i und seine Schüler ihre Kleider, streuten Asche auf ihr Haupt und trauerten um Zion, wie Kinder um ihre Mutter trauern. Aber Rabbi Jochanan gab sich nicht der tatenlosen Verzweiflung hin wie seine Schüler, sondern er erkannte ganz richtig, daß das Wesen des Judentums nicht an Tempel und Altar im Jerusalem gebunden sei, noch auch irgendwelche nationale oder politische Voraussetzungen erforderlich mache, sondern daß es etwas viel Höheres gebe als politische Macht und nationale Stärke, nämlich das durch keine Macht der Erde zerstörbare Gefühl der Verbundenheit durch Gott und die heilige Lehre. Er ging nach Jabneh, einem kleinen Städtchen Palästinas, und gründete dort — ein Lehrhaus. Je mehr sich daher die nationale Bande, die Israel ehemals verbanden, in der Diaspora lockerten, desto inniger wurde das Band, daß der gemeinsame Glaube an den einzig-einzigen Gott um die aus ihrer Heimat Vertriebenen schlang. „Das jüdische Volk, zerstreut von einem Ende der Welt bis zum anderen, hatte bald keine andere Nationalität als die — Thora", sagt Ernest Renan in „Origine de christianisme" (Band VI, Seite 247). Wenn daher in den Klageliedern um den Fall Zions die Sehnsucht nach Wiederherstellung des untergegangenen jüdischen Reiches besonders innig zum Ausdruck kommt, so wäre es falsch oder doch zumindest einseitig, diese Sehnsucht bloß als den Wunsch nach einer rein politischen und materiellen Restitution des einstigen jüdischen Reiches anzn-