Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 29 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 DIE WAHRHEIT Seite 11 ihm kam, um die Schuld einzufordern, wies er sie mit groben Woten ab und wollte vom Zahlen nichts wissen. Da erfuhr der Ratenhändler eines Tages, daß sein Schuldner die Absicht habe, sich durch Abreise von Wien den Mahnungen seiner Gläubiger — er war nämlich auch anderen Leuten Geld schuldig — zu entziehen. Nun ließ ihm Rischeles den bereits ausgestellten Reisepaß wieder wegnehme» und bestand darauf, daß ihm Kleibel vor seiner AbreiÄ wenigstens einen Teil der schuldigen Summe bezahle. Da kaufte sich Kleibel eine Pistole, begab sich zu seinem Gläubiger und schoß ihn nach einem kurzen Wortwechsel mit zwei gutgezielten Schüssen nieder. Auf diesem einfachen Wege glaubte er' sich einer Geldschuld am besten entledigen zu können und hat statt dessen eine unauslöschliche Blutschuld auf sich geladen. Er hatte eine Frau und sieben Kinder ihres Ernährers beraubt und wurde von den Geschworenen wegen „Sinnesverwirrung" .zur Zeit der Tat freigesprochen. So geschehen in Wien im Jahre des Herrn 1925. Wie sie lügen. Das antisemitische Hetzblatt „Der Sturm" berichtet vor kurzem unter dem. blutrünstigen Titel: „Christenmorde durch Juden": „Anläßlich der Gemeindewahlen in der Stadt Oran (französisch Algier) überfielen jüdische Trupps ahnungslose Christen auf der Straße und ermordeten 52 Christen. Zahlreiche christlich© Geschäfte wurden geplündert. Mit welcher Grausamkeit die Angehörigen des auserwählten Volkes vorgingen, beweist die Tatsache, daß sie mit Schächtmessern den Christen den Bauch aufschlitzen und sie dann auf die Straße warfen. Wie auf Befehl wird dieser Mord in der Presse totgeschwiegen. Die Pariser Regierung sucht den Vorfall zu vertuschne. Bemerkenswert ist, daß der Kolonialminister und der Innenminister dem auserwählen Volke angehören." Wie verhält es sich nun mit dieser Sensationsmeldung in Wirklichkeit? Hat die Presse tatsächlich den Mord „totgeschwiegen"? Ach nein, sie brachte eine kurze Meldung über „antisemitische Gärung" in Oran. Die „antisemitische Gärung" aber war ein echter, vonden lokalen Behörden planmäßig organisierter Pogrom. Das Hauptblatt des französischen Linksblocks, der „Quotidien", berichtet darüber unter dem bezeichnenden Titel: „Der Bürgermeister von Oran, Dr. Molle, bereitet den Juden eine Bartholomäusnacht" Dr. Molle— ein eifriger Anhänger des französischen Nationalen Blocks — ist seit 1921 Bürgermeiser von Oran. Von ihm wurde ein „Lateinischer Bund" ins Leben gerufen mit dem Ziel, „die Wahlpläne des jüdischen Blocks zu durchkreuzen" und selbstverständlich „die lateinischen Rassen von der Judenherrschaft zu befreien". Zugleich eröffnete das Organ des Bürgermeisters, „Le Petit Oranais". eine wüste Judenhetze. Der Bürgermeister selbst schrieb Artikel über Artikel gegen die „verfluchte Rasse, die eine nationale und internationale Gefahr bildet". Je näher der Tag der Gemeinderatswahlen kam, desto heftiger wurde die Hetze. Der Bürgermeister tritt auch als Dichter hervor, und Oran bekam seine eigene „Borkumhymne" — „die lateinische Marseillaise". Sie endet mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß „die Kinder des lateinischen Volkes sich zu verteidigen verstehen und die verfluchte Rasse herausjagen werden". Einige Tage vor den Wahlen wurden von dem Nationalblock angebliche „Judenaufrufe" verteilt: „Es lebe das Judentum! Es lebe Berenger! (Der Kandidat des Linksblocks)." Der Herr Bürgermeister unterschrieb einen Aufruf, der „für die Stadtbeamten und die Gemeindepolizei" bestimmt war: „Die Judenkanaille verhöhnt dich! . . . Die Gefahr ist nahe. Ich beschwöre dich: Denke, an deine Frau, an deine Kinder, an dich selbst!" Und am Tage der Wahlen sah man auf den Häusern folgende Plakate: „Stadt Oran. Gemeinderatswahlen. 3. Mai 1925. Lateinische Brüder! Achtung! Seid bereit zur jüdischen Bartholomäusnacht nach dem Tage unseres Triumphes!" Der Nationalblock hat gesiegt. Dr. Molle wurde wiedergewählt. Das würde das Signal zum' Pogrom. Sieben Juden "Wurden getötet, fünfzig verletzt. Die jüdischen Bezirke wurden geplündert Die Polizei wagte nicht, gegen den Bürgermeister, ihren Chef, aufzutreten. Sie unterstützte die Pogromisten, stellt der „Quotidien" fest Und damit ist auch die Lüge des „Sturm" festgestellt Der Riffkrieg und die Juden Marokkos. Der auf den Berberhügem im französischen und spanischen Marokko sich abspielende Kampf zwischen den Riffkabylen und den französischen und spanischen Heeren hat, wie von französischen Blättern gemeldet wird, auch die fünfundzwanzigtausend dort lebenden Juden in die Gefahr gebracht, durch die religiös fanatischen Mohammedaner umgebracht za werden; denn in dem von dem Führer der Riffkabylen, Abdel-Krim, verkündeten Heiligen Krieg ist das Leben aller „Ungläubigen" für verwirkt anzusehen. Wenn Abd-el-Krim selbst den Juden auch nicht feindselig gegenübersteht, so muß er den lokalen Oberhäuptern, den Saids, doch ihren eigenen; Willen lassen. Diese verlangen als Entgelt dafür, daß man die Juden duldet und leben läßt eine bestimmte jährliche Geldsumme, so daß jeder Riffjude nicht nur Untertan Abd-el-Krims ist sondern unter dem besonderen Schutze eines Saids steht Der Said hat die Pflicht, jüdisches Leben und Eigentum und sogar jüdische Ehre zu schützen, — und was noch mehr ist, er muß den Juden bei Angriffen durch andere Juden verteidigen. Die Ursache für solche Streitigkeiten ist in den meisten Fällen das Nichtanerkeimenwollen der einen Gruppe, nämlich des Kohanim oder der Israeliten, durch die anderen. Die Kohanim glauben, nicht nur die wahren, sondern auch die besseren Juden zu sein, während die Israeliten dies nicht anerkennen wollen. So entstehen fast täglich Reibereien, die zu allgemeinen Kämpfen auf beiden Seiten führen, die durch die Schutzsaids geschlichtet werden. Die Anzahl der Juden im Riff beträgt wie eingangs bemerkt wurde, ungefähr zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend, von denen die meisten Sephardim sind, Abkömmlinge der vertriebenen spanischen Juden. Die Israeliten, die die Ueberzahl darstellen, sind alle Sephardim, die Kohanim dagegen nicht In der Beobachtung der rituellen Gebete sind beide orthodox. Die ökonomische Lage der Riffjuden ist nicht schlecht Sie sind ausgezeichnete Kaufleute und beherrschen ganz den lokalen Karawanenverkebr, aber sie tragen niemals ihren Reichtum zur Schau. Der reichste der Riffjuden kleidet sich wie ein Armer und lebt auch so, denn der Reichtum würde nicht nur den Neid der wilden Riffkabylen erregen und so sein Leben in Gefahr bringen, er müßte auch eine viel höhere Geldsumme als Schutzgeld an den Said zahlen. Das jüdische Zentrum im Riff ist die Stadt Debda. Viele Juden sind auch in Mellila, unter spanischem Schutz, zu finden. Die spanischen Machthaber in Mellila sind sehr judenfreundlich und die spanische Regierung hat den Juden die spanische Staatsbürgerschaft zuerkannt Spanien unterstützt auch eine jüdische Schule in Mellila. Daher sind viele Juden angesichts des drohenden Sieges Abd-el-Krims zn den spanischen Streitmächten übergegangen. Kürzlich sind auch einige Riffjuden nach Spanien ausgewandert So sind jetzt nur wenig Juden in den durch den Sieg Abd-el-Krims verödeten Gebieten vorhanden, aber doch sind es noch ungefähr 20.00& die man aber als franzosenfreundlich im Verdacht hat und die jetzt vielfach ohne ihre Schutzsaids sind. Und das bedeutet vogelfrei sein, denn so kann jeder den anderen töten, ohne sich vor Gericht verantworten zu müssen. Wenn der Krieg zwischen den Riffkabylen und den Franzosen noch lange dauern sollte, werden die jüdischen Bewohner sehr darunter zu leiden haben und ausgerottet werden. Wenn es den Riffkabylen gelänge* sich Fez, der Hauptstadt Marokkos, zu bemächtigen, dann würde sicherlich auch die jüdische Gemeinde in Fez, eine der ältesten in Nordafrika, von den wilden Riffstämmen vertrieben werden. Die Juden würden die «rste Zielscheibe des siegreichen Riffheeres sein. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß die Riffkabylen jemals Fez einnehmen werden, denn dann wäre Frankreich gezwungen, sich ganz aus Nordafrika zurückzuziehen, was einen vollständigen Rückzug aus ganz Nordafrika bedeuten! würde. Und die Franzosen werden sich kaum von Abd-el- Krim aus Nordafrika vertreiben lassen. (gelles 1ROTGA5SE-1 TAG MAYER Kleider-» Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Defailverkanf: Wien n, Glockengasse 24 Wien II., TaborstraÖe 44