Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 29 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064050--13837-3081364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 29__________________ __D1E_WAHRHE1T.____ Seite 9 herumzuwerfen usw. Ich gebe ja gerne zu, daß man ihr Verhalten nur in ziemlich höflichen Worten tadelte, aber es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie selbst diese unwillig zurückweisen würden. Diese von jugendlicher Begeisterung entflammten Jünglinge dürfen mit gutem Recht geltend machen, daß sie keine Ahnung davon haben, etwas Unschickliches oder gar Sträfliches zu begehen, wenn sie den Herren und Damen, deren Nase ihnen mißfällt, dies auf ihre Weise bekannt geben. Werden sie denn in ihrer Presse hierzu nicht nur ermutigt, sondern geradezu aufgefordert? Und ist es nicht ganz logisch, daß diese Jünglinge in der Meinung, die hakenkreuzlerischen Zeitungen müßten ja konfisziert werden, wenn sie zu ungesetzlichen Handlungen auffordern, zu Schlußfolgerungen gelangen, die vielen Stadtparkbesuchern peinlich sein mögen, deren Richtigkeit aber 'wirklich nicht zu bestreiten ist. Ich fühle mich wirklich ganz frei von, hakenkreuzlerischen Sympathien, aber ich gestehe, daß diese Logik etwas Bestechendes hat. Wenn man ungestraft zum Dreinschlagen animieren kann, warum soll man denn nicht dreinschlagen dürfen? * Ganz im Geiste dieser Logik scheinen mir auch die im hakenkreuzlerischen Solde stehenden Burschen zu handeln, die Tag für Tag die Aufgabe haben, die Titel der blutrünstigen antisemitischen Zeitungen just jüdischen Kaffeehausgästen und Passanten in die Ohren zu brüllen. Wo ist der Kretin, der ernstlich die Behauptung wagen würde, daß die freie Kolportage auch das Recht zur unverhüllten, umzweMfeutiigen Provokation rönvoilvilere? Wird die Fortsetzung dieses provokatorischen Treibens geduldet, dann wird man es wieder vom hakenkreuzlerischen Standpunkte nur logisch finden, daß sich in den antisemitischen Kreisen die Meinung bildet, der Jude müßte es sich schweigend gefallen lassen, wenn bezahlte Burschen ihm z. B. höhnisch ein Blatt aufdrängen wollen, in welchem die Ankunft von „30.000 Saujuden" angekündigt wird. # Auszug aus der Rede, die ein Verteidiger des wegen des Flugblattes „Die Judenpest" angeklagten cand. med vet. A. B a u e r hfelt: „Man macht Balte r den Vorwurf, er habe gegen die Mitglieder einer staatlich anerkannten Konfession zu Feindseligkeiten aufgereizt. Die Absicht hierzu mag 'er gehabt haben. Das ist klar. Das leugne ich nicht. Aber ebenso klar ist, daß hier die Schrift eines Unzurechnungsfähigen vorliegt. Die Unsittlichkeit aller Juden wird in dem Flugblatt hauptsächlich mit einem Vorfall begründet, der sich anfangs dieses Jahres in Salzburg in dem Hause des Juden W. abspielte. Ein Dienstmädchen hatte bei der Polizei über die grauenhaften Unsittlichkeiten Klagen geführt, deren Opfer sie angeblich in dem jüdischen Hause geworden. Bei Gericht wurde der Jude — freigesprochen. Das Mädchen hatte gelogen, ob sie eine Erpresserin oder eine Hysterikerin war, erfahren wir nicht; der Verfasser der „Judenpest" hat für das Urteil des Richters, wohlgemerkt des arisch-christlichen Richters, die Erklärung, dlaß W. „siich's mit seinem Oelde leisten konnte, von mit allen Galizianer-Salben geschmierten Hebräer-Freunderln verteidigt zu werden". Ist Bauer, der keine Ahnung hat, daß er mit dieser Verleumdung nur den — Richter trifft, als zurechnungsfähig zu betrachten? Aber noch mehr: B. sagt im weiteren, „daß dieser Salzburger Vorfall kein einzeln dastehendes Ereignis und durchaus keine zufällige Ausnahme darstellt". Also ein Fall, der, wie B. selber schrieb, mit dem Freispruch des B,esclroldiiigten endete, soll ntoch dazu denen, in seiner Verallgemeinerung alle Juden zu besudeln, denn, so schreibt B., „Bestialitäten dieser Art gehören in jüdischen Kreisen zu selbstverständlichen Gepflogenheiten". Das ist nicht die Logik eines normalen Kopfes, zu solchen Folgerungen kann nur ein unzurechnungsfähiger Mensch gelangen, ein Mensch, der vor das Forum des Psychiaters und nicht des Stra'frichters gehört.__ Ego. Vom Bukowinaer Zentralverband. Der Wiener Zentralverband der Bukowinaer berief für Donnerstag abends in den Sitzungssaal der Handelskammer eine Versammlung seiner Mitglieder ein, die den Zweck hatte, gegen die von der Regierung geplanten Novellierungen der Gesetze über Staats- und Heimatszugehörigkeit sowie des Mietengesetzes Protest einzulegen. Die Versammlung, zu der die Vertreter der meisten ausländischen Staaten durch Abgesandte erschienen waren, war stark besucht. Vorsitzender des Verbandes Herr A. M. Ehrlich begrüßte die Versammlung und die Ehrengäste und wies in seiner Ansprache auf das Wirrwarr hin, daß nacl\ den Friedensverträgen in bezug auf Staatsbürgerschaft in Oesterreich Platz gegriffen hat. Dies fühlen insbesondere die Bukowinaer, die in erster Linie für das alte Oesterreich, aber auch für Deutschland Gut und Blut geopfert haben. Redner "-edachte der Bemühungen und Anstrengungen der „Union deutschösterreichischer Juden" in der Optionsfrage und erklärte, man wolle den armen Petenten aus der Bukowina, denen man kein Heimatsrecht gewähren will, noch das Dach über dem Haupte wegnehmen. Herr Ehrlich richtete zum Schlüsse an alle durch die neuen Gesetzesbestimmungen ins Mitleid Gezogenen die Aufforderung, unentwegt für die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte einzutreten. Als nächster Redner ergriff der Präsident der ..Union deutschösterreichischer Juden" und Vizepräsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Jakob 0 r n s t e i n das Wort. Redner befaßte sich eingehend mit dem famosen Artikel 80 des Vertrages von St. Germain, der bei den österreichischen Behörden leider eine vielleicht willkürliche, jedenfalls aber unannehmbare Auffassung und Auslegung gefunden habe. Er wies auf den sonderbaren Ukas des Ministers Dr. Waber und die Erkenntnisse des Verwaltungsgerichtshofes hin: der erstere verlangte bei den Optionsanmeldungen die Vorlage des Taufscheines, der letztere wies alle Beschwerden ab mit dem Hinweise darauf, daß den Beschwerdeführern das Recht zustehe, um Wiederaufnahme des Verfahrens anzusuchen. Hunderte von Ausländern haben diesen Weg eingeschlagen, doch liegen die betreffenden Gesuche seit zwei Jahre, -otz wiederholter Urgenzen seitens der ..Union"leitung noc>. immer unerledigt bei den zuständigen Behörden. Dr. Ornsteir wendete sich in seinen Ausführungen gegen den Mißbrauch des Ausdruckes ..Rasse" und schloß unter lebhaftem Applaus die Versammlung mit der Versicherung, daß seitens der „Union." kein Weg unbetreten bleiben werde, den in ihren Rechten schwerverletzten Glaubensgenossen endlich zum Siege zu verhelfen. Rechtsanwalt Dr. Reiß unterzog die dem Nationalrate vorgelegten Gesetzentwürfe einer sachlichen Kritik und bemängelte insbesondere die Tatsache, daß in den Entwürfen nicht klar ausgedrückt wird, wer eigentlich österreichischer Staatsbürger sei, weiters daß daselbst die Bestimmung fehle, daß Staatsverträge nur in dem Falle die neuzuschaffenden Gesetze aufheben können, wenn sie in Oesterreich vorschriftsmäßig kundgemacht worden seien. Rechtsanwalt Dr. Kornfeld befaßte sich ebenfalls mit den Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes und wies nach, daß diese mit einzelnen Artikeln des Friedensvertrages im Widerspruche stehen. Als letzter Redner sprach Gemeinderat Dr. PI a seh k es, der in längerer Rede auf die Eigentümlichkeit hinwies, daß in Oesterreich Gesetze oft nur zu dem Zwecke geschaffen werden, um den Juden Unannehmlichkeiten zu bereiten. Doch schneidet m:.'n sich damit fast regelmäßig selbst ins Fleisch. Schließlich gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher das Ende des Staatsbürgerrechtschaos raschest gefordert wird.