Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 29 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8 Ölt WAHRHEIT Nr. 29 auch wenn die Nationaldemokratie nicht die Oberhand behalten würde; weil sie ja auch dann einen sehr wichtigen Faktor im Staatsleben gebildet hätte .... Allein die Warnungen und Ermahnungen des Schreibers hatten nicht die geringste Wirkung. Schreiber dieser Zeilen bekleidet nämlich keine hohe Würde und keine prominente Stellung. Sein Name hat keinen „Klang". Und so wurden seine Denkschriften von den hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten Amerikas wahrscheinlich gar nicht gelesen. in einem etwas späteren Zeiträume konnte Schreiber dieser Zeilen abermals dieselbe Erfahrung machen, diesmal auf wirtschaftlichem Gebiete. Seit einem Vierteljahrhundert studierte er mit heißem Bemühen die ökonomische und soziale Lage der Juden in Osteuropa. In einer langen Reihe großer und kleiner Abhandlungen in hebräischer, jüdischer, deutscher und polnischer Sprache hatte er an Hand von statistischen, soziologischen und historischen Tatsachen den Beweis geführt, daß die Judenfrage in diesen Ländern, der Kern und das schmerzlichste Stück der allgemeinen Judenfrage, wirtschaftlicher Natur ist und nur auf wirtschaftlichem Wege gelöst werden kann, nämlich durch Zurückführung der großen jüdischen Volksmassen zur Urproduktion, von der die Juden im Laufe der Jahrhunderte verdrängt worden waren und von der die eine mächst in Betracht kommende Hälfte das Handwerk ausrichte, das veredelte, vervollkommnete Handwerk beruhend auf unmittelbarer Herstellung von Gütern aus Rohstoffen. Das war eine Arbeit, die zunächst riesige Mittel erforderte und nur unter außergewöhnlichen Umständen in Angriff genommen werden konnte. Aber, einmal in größerem Maßstab begonnen, könnte diese Arbeit der Umschichtung der jüdischen Bevölkerung sozusagen automatisch immer größere Kreise in ihren Bann ziehen, um schließlich zu einer grundsätzlichen Umwälzung in der Lage der gesamten Ostjuden zu führen. All die Zeit hatte Schreiber dieser Zeilen keine Hoffnung, seine Ideen verwirklicht zu.sehen, da die ICA, die einzige solchen Plänen zugängliche jüdische Organisation, nicht in der Lage war, die hierfür nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Als jedoch im Jahre 1915 die Hilfstätigkeit der amerikanischen Juden für ihre osteuropäischen Brüder großartige Dimensionen und feste Formen annahm, richtete Schreiber dieser Zeilen ausführliche, auf statistische Zahlen und sozialhistorische Tatsachen gestützte Denkschriften an die Leiter des Joint, vornehmlich an Herrn Felix M. W a r b u r g, und schlug folgendes vor: Die amerikanischen Gelder sollen hauptsächlich zur Umschichtung der Massen, nämlich zur Erziehung der Jugend zum Handwerk (und im Rahmen der Möglichkeit auch zum Acker- und Gartenbau) und erst in zweiter Reihe zur Linderung der momentanen Not verwendet werden; sodann solle die amerikanische Hilfstätigkeit sich vor jeglicher Parteipolitik in welcher Form immer strengstens fernhalten, vor allen Dingen zu ihren lokalen Organen und Vertrauensmännern keilte Parteipolitiker ernennen. Schreiber dieser Zeilen wurde, besonders was den ersten Punkt anbetrifft, von zahlreichen Persönlichkeiten im Lande eifrig unterstützt, die aus der unmittelbaren Lebensbeobachtung heraus oftmals in dem gleichen Sinne ihre Stimme erhoben. Aber gerade das Gegenteil von all dem geschah. Die vielen Dollarmillionen — es sollen deren über 50 gewesen sein, eine Summe, die vielleicht nie wieder für jüdische Zwecke zur Verfügung stehen wird — wurden zum weitaus größten Teil dazu verwendet, die Bevölkerung zu Almosennehmern zu erziehen. Vertrauensmänner des Joint waren mit wenigen Ausnahmen Parteigrößen und ehemalige Parteifunktionäre, wodurch eine äußerst fragwürdige Wirtschaft entstand — namentlich in Wien wüßte man viel darüber zu erzählen —, für Parteizwecke wurden schwere Gelder verausgabt, die man für Handwerkerschulen hätte verwenden sollen. Die Politik trat noch auf eine andere verhängnisvolle Weise an den Tag: Die vom Joint nach Polen gesandten „philantropists" und „social-workers" waren russische Juden, von einem großrussischen Patriotismus beseelt, den auf polnischem Boden zu betätigen sie für ihre Pflicht hielten, wodurch bei den Polen die allgemeine Meinung entstand, die Juden der ganzen Welt, hauptsächlich Amerikas hätten sich verschworen, um ihre Befreiung zu verhindern. Schon der russische Vorname Boris, den der Hauptdirektor des amerikanischen Hilfswerkes führte, mußte auf die Polen wie eine Herausforderung wirken. Diese Amerikaner sprachen untereinander russisch, das den Polen in der Seele verhaßt war, und legten bei jeder Gelegenheit eine offene Mißachtung der polnischen Sprache an den Tag. Noch im Jahre 1919, als Prof. Israel Friedländer in Begleitung des Dr. Cantor amerikanische Hilfsgelder nach Europa brachte — beide fanden später in der Ukraine ein so tragisches Ende — hielt er es für notwendig, in Kopenhagen vor versammeltem Journalistenvolk eine flammende Rede voller kindlicher Naivität im Sinne eines großrussischen Patriotismus zu halten, wodurch er sowohl Polen als Ukrainer gegen die Juden in Harnisch brachte. Erst jetzt, sechs Jahre nach Beendigung des Krieges, schreitet man in Polen an die Arbeit der Umschichtung unter Beihilfe des Joint, der aber nur mehr kärgliche Ueberreste seiner ehemals so reichen Mittel zur Verfügung stellen kann; überdies hat man in dem Keren Hajessod eine gefährliche Konkurrenz ... Dieser Mangel an Verständnis für die wirklichen Bedürfnisse der Ostjuden und sogar für die Imponderabilien ihres politischen Lebens, bei aller herzlichen Teilnahme mit ihrem Schicksal und aller hingebenden Opferwilligkeit entspringt der unter den Juden im allgemeinen herrschenden Unkenntnis ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Lage, am tiefsten aber ist die Unkenntnis unter den Westjuden in bezug auf die Ostjuden, Das war übrigens von Anbeginn so. Wir besitzen seit mehr als hundert Jahren eine sorgsam und allseitig abgebaute Wissenschaft des Judentums und eine erstaunlich reichhaltige Literatur und Publizistik, betreffend alle Gebiete unserer Altertumskunde, Geschichte, Philosophie, Theologie und alle anderen erhabenen Gefilde des Lebens; dagegen kann man auf den Fingern diejenigen Publikationen aufzählen, die sich mit dem wirtschaftlichen und materiellen Leben der Juden in der Vergangenheit und besonders in der Gegenwart befassen — und die meisten sind von Nichtjuden verfaßt . . . Unsere Vorkämpfer und Führer, die Männer, die sich mit unseren öffentlichen Angelegenheiten befassen, sind naturgemäß unsere modernen Rabbiner. Ebeno sind es beispielsweise bei den Polen ihre Geistlichen. Nur ist der Unterschied folgender: Die polnischen Pfarrer sind durchaus in allen wirtschaftlichen Fragen versiert. Man sagte häufig, jeder polnische Pfarrer ist ein fertiger Volksbankdirektor oder Gewerkschaftsleiter. In dem ganzen Gebiet Polens, welches vormals zu Preußen gehörte, waren es in erster und letzter Reihe die Pfarrer, die das großartige Netz von wirtschaftlichen Organisationen schufen, die das Volk gegen die preußischen Ausrottungsbestrebungen aufrecht erhielten. Die katholischen Pfarrer haben die wirtschaftliche Regeneration auch in Russisch-Polen durchgeführt. Unsere modernen Rabbiner dagegen sind, von ihrem Fach abgesehen, in Plato und Aristoteles ,im Koran und im Gesetzbuch des Hammurabi sehr bewandert, aber die Fragen des wirtschaftlichen Lebens und Kampfes liegen ihm himmelfern. Auf wirtschaftlichem Gebiete steht die jüdische Masse vollkommen führerlos da! Der Begründer der Wissenschaft des Judentums, Leopold Zunz, hat zwar in seinem 1818 entworfenen Plan den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Juden in Vergangenheit und Gegenwart einen breiten Raum gewidmet. Allein in der Folge hat sich die Forschung fast ausschließlich dem weiten und fruchtbaren Gebiet der philologisch-historischen Untersuchung und Kritik, der auf die Ideen und das Geistesleben bezüglichen Urkunden zugewandt. Darüber wurde das Gebiet des wirtschaftlichen und sozialen Lebens ganz vernachlässigt, und so erleben wir denn folgende merkwürdige Erscheinung. Wir haben in Europa und Amerika zehn Anstalten für die Wissenschaft des Judentums, die meisten darunter sind nach Anlage und Betrieb den deutschen Universitäten nachgebildet und ihre Lehrkräfte sind Männer von europäischem Ruf. Vielfach bekleiden sie auch ein Lehramt an einer Universität. Diese Anstalten verfolgen den Zweck, die Wissenschaft an sich zu pflegen und zu entwickeln, sodann aber Rabbiner, Prediger und Lehrer, also praktische Führer des Volkes auszubilden. Und an keiner einzigen dieser Lehranstalten wird ein Kursus über Wirtschafts- und soziale Fragen der Juden vorgetragen! Braucht man sich da zu wundern, daß über diesen Gegenstand unter uns tiefste Unkenntnis herrscht? Wieviel Unheil diese Unkenntnis bisher schon angerichtet hat, werden wir im nächsten Artikel ersehen. Glossen. Man hat es den hakenkreuzlerischen Jünglingen verübelt, daß sie nun schon zum drittenmal innerhalb kurzer Zeit im Wiener Stadtpark ihre Theorien praktisch verwerteten. Es wurde ihnen gesagt, daß es doch nicht hübsch sei, hordenweise über wehrlose Männer, um»! Fmaiuen herzufallen, si'e mit Stöcken zu mißhandeln, mit Sesseln und Gläsern