Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 29 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 der Einheit und Gemeinsamkeit des Staatsvolkes jenen alten Schemen der Judenfrage nicht mehr gäbe, sich hier zeigen und betätigen würde. Es war jene! Zeit, die man in der uns in diesen Dingen angewöhnten Bescheidenheit die liberale Aera in Deutschland zii nennen pflegte. Gerade weil jene Entwicklung zu den modernen Formen des demokratischen Nationalstaates, wie er alle Kulturstätten ringsum beherrschte, von Deutschland ferngehalten werden sollte, wurde mit der Reaktion "gegen jene liberale Aera nun die neueste Phase des Antisemitismus in Deutschland entfesselt. Ich sage: neueste Phase. Sie; hat mehrere Unterphasen gehabt, aber im großen und ganzen ist es eine große Bewegung, die sich seit dem Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hier geltend macht. Und was der Deutsche tut, das tut .er mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, "wenn auch weniger mit politischer Geschicklichkeit. So wurde die antisemitische Bewegung, die Stimmung gegen das Judentum nicht nur auf Leidenschaften und Fanatismus gestützt, sondern auf eine wissenschaftliche Grundlage. Wir Deutsche dürfen allerdings mit Stolz bekennen: die wissenschaftlichen Väter dieser PseudoWissenschaft, die die Edelrasse des reinen Ariertums verkünden und die so viele Gläubige bei den Deutschen gefunden haben, waren keine Deutschen, weder Gobineau, noch Houston Steward Chamberlain. Ein Franzose und ein Engländer mußten die Deutschen ihre Rassenreinheit 1 e h r e n. Es ist in diesem Kreise nicht nötig, es ist wohl überhaupt vor vernünftigen Menschen nicht nötig, diese Lehre zu widerlegen. Was aber das Entscheidende unter dem Gesichtspunkt, den ich hier in den Mittelpunkt gestellt habe, ist: diese ganze Auffassung der Rassenlehre als politisches Fundament verkennt vollkommen, was ein Volk in nationalpolitischem Sinne ist, verkennt vollkommen die staatspolitische Bedeutung, das staatspolitische Wesen der Nation. Denn eine Nation ist keine Tierrasse, nicht eine Viehkoppel, sondern sie ist ein geistiges, ein geistig-sittliches Element, beruhend auf tausend verschiedenen Komponenten. Unter diesen tausenden von Komponenten spielen auch Abstammungs-, sogenannte Rassenverhältnisse eine gewisse, aber noch in keiner Weise wirklich klar ergründete Rolle. Aber nur eine unter tausend anderen, unendlich viel wichtigeren. Rassehunde, Rassepferde jawohl — aber was den Menschen vom Vieh trennt oder trennen sollte, ist nicht nur seine Sprache, sondern auch das Denken, aus dem diese Sprache resultiert und darauf sich aufbauend die ganze Kulturgemeinschaft und die weiteren physischen Merkmale. Es kommen dabei die scherzhaftesten Dinge vor. Wir wissen, daß der Jude verächtlich angesehen und nicht als Deutscher betrachtet wird, weil er ein Rundschädel ist, während der wahre Edeldeutsche ein Langschädel sein muß. Haben Sie einmal ein Bild von Luther gesehen? Einen ausgeprägteren Rundschädel kann man sich nicht vorstellen. Er wird wohl den Weg anderer Deutscher gehen, die als Juden entlarvt sind. Oder sehen Sie sich Goethe an: ebenfalls ein ausgeprägter Rundschädel. Dasselbe gilt von Kant, Schopenhauer und last not least auch von Bismarck, auch ein ausgeprägter Rundschädel! Trotzdem wird der Unsinn immer weiter geredet. (Schluß folgt.) Die gegenwärtige Lage der Juden in Polen*). Wir haben im vorhergehenden Artikel gesehen, daß die antisemitische Judenpolitik in Polen nur eine Folge des Sieges der Nationaldemokratie, also nichts als eine Begleiterscheinung des Sieges der Entente war, daß also das Schicksal der polnischen Juden auf den Schlachtfeldern in Flandern entschieden wnrde. Nun erhebt sich die Frage: Wie kommt es, daß die Juden in den Entente-Ländern, besonders in Amerika, die dort bei ihren Regierungen in so hohem Ansehen stehen und so viel für ihre europäischen Brüder getan, nichts untenommen haben, um rechtzeitig dem Ausbruch des Antisemitismus in Polen vorzubeugen? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir einen flüchtigen Blick auf das neueste Stadium der polnischen Judenfrage werfen. *) Siehe „Die Wahrheit" vom 3. Juli 1925, Nr. 26. Bekanntlich haben zwisciien der Regierung und den parlamentarischen Vertretern der Juden langwierige Verhandlungen stattgefunden, die nach den offiziellen Berichten zu einem „günstigen Resultat" geführt haben. Unlängst befragte icli darüber einen hohen polnischen Würdenträger, einen entschiedenen Gegner der antisemitischen Judenpolitik, der eben deswegen zusammen mit einer kleinen Schar von Gesinnungsgenossen kaltgestellt worden war. Er antwortete: „Das Ergebnis der Verhandlungen besteht darin, daß unsere Regierung euch Juden Palästina geschenkt hat." Das ist eine deutliche Anspielung auf den berühmten Brief des polnischen Außenministers Skrzynski an Herrn Nachum Sokolow. In Regierungskreisen hofft man, daß dieser Brief in Amerika den besten Eindruck gemacht, die Hindernisse der amerikanischen Anleihe aus dem Wege geräumt und dem Herrn Skrzynski die Arbeit auf seiner bevorstehenden Reise durch die Vereinigten Staaten bedeutend erleichtert haben wird .... Die Sache mit den leidigen Juden wäre erledigt und .... begraben. Indessen ist es nicht ausgeschlossen, daß es ganz anders kommt. So etwas ist nämlich schon dagewesen, und zwar erst im Herbst vorigen Jahres. Da schrieb — unter etwas milderen Umständen — der rumänische Außenminister Herrüuca an Herrn Sokolow einen Brief, der fast wörtlich genau so lautete wie der Brief des Herrn SKrzynski. Auch Herr Duca schenkte den Juden raiahtma. Aoer weder die Sache der Juden in Rumänien, noch die Sache der rumänischen Anleihe in Amerika war damit erledigt — obwohl, wie gesagt, die Umstände viel milder waren als in Polen. Es ist also möglich, daß die Yankees, ein verteufelt unromantisches und nüchternes Volk, sich auch diesmal sagen: Palästina kostet die polnische Regierung nicht einen Pfifferling, ihre Zustimmung wird nicht einem einzigen Immigranten auch nur einen Fußbreit Erde in Palästina verschaffen und ihr Widerstand keinen Araber davon zurückhalten, für gutes Geld seinen Acker an den jüdischen Siedler zu verkaufen. Im übrigen ist uns Palästina, Balfour, Mandat, National Home und der Zionismus absolut gleichgültig. Was wir wollen, ist einzig und allein sichere Geschäfte machen. Ist das aber ein sicheres Geschäft, wenn ein Kapitalist an ein Haus Geld verleiht, dessen Überhaupt mit den anderen Inwohnern, noch dazu mit einem wichtigen Teil der Inwohner in ewigem Streit liegt, der eine normale Abwicklung der Geschäfte hindert und zur Katastrophe führen kann? .... üb die amerikanischen Geldgeber auf diesen Gedanken kommen und, an ihn festhaltend, einen Druck auf die öffentliche Meinung in Polen zugunsten der Juden ausüben werden, ist zu einem sehr großen Teil von den führenden jüdischen Kreisen in den Vereinigten Staaten abhängig. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Kreise jetzt über die Lage und die wirklichen Bedürfnisse der Juden in Polen besser unterrichtet wären als in der Zeit während des Weltkrieges .... Eines unterliegt nämlich nicht dem geringsten Zweifel: Den amerikanischen Juden wäre es möglich gewesen, den Führern der Nationaldemokratie, Paderewski und Dmowski, die mit Leidenschaft um die Gunst Amerikas für Polen warben, die Giftzähne auszubrechen und zu bewirken, daß diese Gunst ihnen nur unter der Bedingung zuteil werde, daß sie ihrem antisemitischen Programm feierlichst und entschieden entsagen und offen das Programm ihrer Krakauer Rivalen annehmen. Die amerikanischen Juden taten nicht den geringsten Schritt nach dieser Richtung. Warum? Natürlich nicht etwa aus Trägheit und Bequemlichkeit oder gar aus Mangel an gutem Willen, sondern aus einem sehr einfachen Grunde: sie hatten von der wahren Lage der Dinge nicht die leiseste Ahnung! . . . . Nicht als ob es an Warnungen gefehlt hätte. Schreiber dieser Zeilen richtete gleich in den ersten Monaten des Krieges an den damals prominentesten Juden Amerikas den edlen und klugen Jacob H. Schiff, eine Denkschrift nach der anderen, in welchen er das Wesen und die Ziele der von Paderewski geführten und finanzierten Nationaldemokratie ausführlich darlegte; da es bekannt war, daß sich Paderewski der besonderen Freundschaft Wilsons erfreute und anderseits bekannt war, daß viele jüdische Persönlichkeiten, wie Schiff, Marshall, Frankfurter, Morgenthau, bei demselben Wilson hohes Ansehen und Einfluß genossen, so lag nichts näher, als daß diese Persönlichkeiten ihre Stellung dazu benützten, um Paderewski und seinen Anhang zu einer Frontänderung zu bewegen und durch die amerikanische Regierung auf die englische und franzöisische einzuwirken, daß sie die uneigeschränkte Gleichberechtigung der Juden im künftigen Polen nach österreichischem M u s t e r in ihr offizielles Programm aufnehmen und durch eine dahingehende unzweideutige, öffentliche Erklärung der Nationaldemokratie ein für allemal die Spitze abbrechen sollten. Für den Fall, daß dies nicht rechtzeitig geschehen würde, sagte Schreiber dieser Zeilen schwere Zeiten für die Juden voraus,