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Die Wahrheit · 1925-07-24 · Heft 29 (24.7.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 29 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 29 daß allein schon diese Erfahrungen, nennen wir es des Antibochismus, im Lande der Boches den Antisemitismus hätten unmöglich machen sollen. Daß es nicht der Fall gewesen ist, wissen wir alle. Aber auch dieser Antisemitismus stellt wieder eine besondere Beziehung her und stellt eine besondere nationalpolitische Bedeutung der Juden in Deutschland hervor. Es leben knapp 600.000 Juden unter den 60 Millionen nichtiüdischen Deutschen, also knapp 1 Prozent. Nun könnte man ja sagen, da die Geschichte nicht sentimental ist: was kommt es auf das Schicksal dieses einen Prozent an? Möge mit ihnen werden, was da will, darüber können die anderen 99 Prozent zur Tagesordnung übergehen. Nein, das können sie eben nicht. Denn mit dieser Frage des einen Prozent werden diel 99 Prozent nicht fertig. Diese Frage färbt ab auf alle politischen Verhältnisse, Verbindungen und Gegensätze in unserem deutschen Vaterland. Gewiß, Antisemitismus in verschiedenen Gestalten und Formen gibt es mehr oder minder überall, und das ist begreiflich nach den geschichtlichen Erlebnissen und Erfahrungen und Gewohnheiten so vieler^ Jahrhunderte. Aber in keinem modernen Kulturlande steht, sagen wir mal, die politische Mentalität des Antisemitismus in seinem Pro und Contra so im 'Mittelpunkt politischen Lebens wie in Deutschland. Wie erklärt sich das? Der Antisemitismus, nicht als gesellschaftliche oder individuelle Erscheinung, aber als politisches Machtmittel und politisch wichtige Erscheinung, ist in demselben Maße überall zurückgetreten, wie sich der moderne Nationalstaat in seiner heutigen, in seiner politisch-demokratischen Form und Gestaltung entwickelt und konsolidiert hat. Man kann geradezu sagen: es ist ein Symptom, das wie ein historisch politisches Barometer anzeigt, wo die sogenannte Judenfrage_eine großö Rolle spielt Wo der Antisemitismus im öffentlichen Leben überwiegt und bedeutungsvoll ist, da ist die Entwicklung des Nationalstaates noch nicht vollendet, da ist der moderne nationale und demokratische Staat noch im Entwicklungsstadium steckengeblieben. Und so ist es in Deutschland. Das wird ja auf allen Gassen herumgeschrien:1 die Verfassung von Weimar hat den modernen demokratischen Nationalstaat zur Grundlage nach dem Zusammenbruch * der. politischen , Organisation des deutschen Volkes gemachtSie hat damit angeknüpft an Bestrebungen, Wünsche, Gedanken der besten Deutschen vergangener Generationen. Und laut hallte in allen Gassen, anknüpfend' an die sehr sekundäre Tatsache, daß es mir, einem Juden, vergönnt war, etwas mitzuarbeiten an der Gestaltung dieser neuen Verfassung: ein undeutsches Werk, eine Judenverfassung. Undeutsch, weil sie deutsch-national ist,, weil sie den deutschen Nationalstaat organisiert Und wie wenig undeutsch sie ist, wie echt deutsch sie ist, das zeigt sich an ihren Schwächen noch mehr als an( ihren Vorzügen. Denn die Einheit des Nationalstaates hat sie trotz Zusammenbruch und sogenannter Revolution nicht schaffen können, so deutsch ist sie. Ich sage, wo der moderne Nationalstaat sich konsolidiert und entwickelt hatte, da hat er selbstverständlich seinem innersten geistigen Wesen nach, weil er eine Einheit der Ueberzeugung, des Willens, der Kultur, der Sprache, des Denkens ist, alle im Volke lebenden, mit ihm lebenden, in seiner Kultur lebenden, in seiner Sprache sprechenden und denkenden Elemente, gleichgültig, welches Glaubens, welcher engeren Natur und. Art, zu einer Einheit verbunden. Deutschlands Unglück in seiner geschichtlichen Entwicklung war der Gegensatz zwischen seiner staatlichen Entfaltung rnd seiner nationalen Einheit Staatliches Wesen in Deutschland hat sich durch die Jahrhunderte im Gegensatz zur nationalen Einheit, im Gegensatz zu jener Konsolidierung der kulturellen Einheit der Nation entwickelt in Gestalt der landesfürstlichen Obrigkeit, ihres Heeres und Beamtentums. Was es an staatlichem Wesen) in Deutschland durch die Jahrhunderte gab, hat sich an diese patrimoniale Obrigkeit angesetzt Das war der Gegensatz zu einer nationalen Entwicklung und Konsolidierung des Gemeinwesens und Gemeinlebens des Volkes von unten herauf. Es war ein obrigkeitliches Regiment von oben nach unten patrimonialer Art mit Ausschließungen allerlei Art. Es fehlte jenes Fluidum einer nationalen Gemeinsamkeit des ganzen öffentlichen Lebens. Daher Schranken nach allen Seiten, Klassenbildung überall. Und wie sollte man da nicht, wo einer den anderen nach Möglichkeit auszuschließen suchte, in patrimonialer Enge, vor allen Dingen den Juden ausschließen? Ja, mehr als das: die Gegensätzlichkeit zum Juden war fast eine unwillkürliche Aeußerung! des Festhaltens an den überkommenen Formen der Obrigkeit, des Adels, der Patrimonialität und Feudalität Ein sehr charakteristisches Symptom: als im! Zusammenschluß dieser deutschen obrigkeitlichen, landesstaatlichen Verhältnisse mit dem durch die große Revolution regenerierten Frankreich auch der Staat Friedrich des Großen zusammengebrochen war, und nun jene Stein- Hardenbergsche Reformen die (erste Grundlage, einer Entwicklung legen wollten und nur sehr zum Teil legen konnten, deren Ziele die moderne national-staatliche Entwicklung sein mußte, da rief der streitfrohe) Junker von der Marwitz-jenes berühmte Wort: die Reformer wollten aus dem alten königlichen Preußen einen neumodischen Judenstaat machen. Also so um das Jahr 1810 herum! Nun stellen Sie sich das vor! Von politisch-jüdischen Einflüssen konnte damals, wo die Emanzipation noch kaum auf dem Papier in ihren Anfängen erlassen war, keine Rede sein, Barmat-Skandale konnte man nicht auf die Beine bringen. Was sich der sonst gar nicht dumme, im Gegenteil sehr kluge und sehr energische Herr v. d. Marwitz unter „neumodischem Judenstaat" gedacht hat? Was er sich überhaupt unter neumodischem Staat gedacht hat, kann ich mir sehr wohl denken. Das sah man drüben in Frankreich. Und das Epiteton ornans „Jude" wurde damals schon zugefügt ohne Sinn und Verstand, nur um etwas verächtlich zu machen. Denn was war denn bis dahin, namentlich in Preußen von Juden im öffentlichen Leben hervorgetreten? Ich wüßte nur die einzige Tatsache, daß ein Jude diej Frechheit gehabt hatte, ein besserer deutscher Schriftsteller zu sein als Friedrich der Großef Qas war Moses Mendelsohn. Sonst wüßte ich nicht, daß! die Juden sich bis dahin politisch lästig gemacht hätten. Aber das ist bereits bezeichnend. Jeder Versuch, jeder Anlauf in die Bahn der modernen demokratischen) nationalstaatlichen Entwicklung das deutsche Volk hineinzuführen, ruft selbstverständlich den wütenden Widerstand aller alten Mächte und Kräfte hervor, und sie rufen schon bei den ersten Anfängen, wo, wie gesagt, alle jene Gründe oder Vorwände, die man neuerdings dafür hervorgesucht hat, unmöglich schon zu erbringen waren, doch immer wieder antisemitische Regungen, das Wort „Jude" zur Hilfe. Man kann am letzten Ende allerdings nicht erwarten, daß die Gegner einer dem Volke als ganzem günstigen Entwicklung sagen werden: dich .wollen wir nicht, dich Volk wollen wir in Untertänigkeit halten. Nein, da liegt die Argumentation näher, zu sagen: du edler Deutscher hast eine arische Abneigung gegen Freiheit, gegen Demokratie, gegen nationale Selbständigkeit, das sind fremde Erfindungen, das ist fremdes Gift, das dir eingeflößt werden soll von den Fremden, die unter dir leben, den Juden. Und dann hat es noch den weiteren demagogischen Vorteil, auch denn [Untertan, den man in vollster Untertänigkeit halten will, dem1 Landbewohner, den man in der Abhängigkeit von dem Grundherrn halten will, wie das ja damals im Anfang des 19. Jahrhunderts der Kern des Kampfes war,! immer sagen zu können: du bist noch nicht der Unterste auf der menschlichen Rangleiter, du hast noch einen unter dir, das ist der Jude. Es ist kein Zufall, daß die nationale staatliche Bildung alle in gleicher Kultur, gleicher Sprache, d. h. im wahren Volkstum verbundenen Elemente und damit auch das jüdische Element mit heranzieht, daß immer da, wo die§e Strömungen zeitweise Erfolg hatten, auch auf deutschem Boden jüdische Männer im) politischen Leben eine Rolle und regelmäßig eine im nationalen deutschen Sinne überaus ehrenvolle Rolle gespielt haben. Ich brauche nur an die Tage von 1848 zu erinnern an Simson, Gabriel Rieß er und viele andere — ich will sagen manche andere, viele ist zu viel gesagt Denn die Möglichkeit, auch in günstigster Zeit eine führende politische Rolle zu spielen, war für den Juden immer eine sehr beschränkte. Aber sie war möglich und lag in der Natur der Dinge, in der ganzen Art jener Strömung und Bewegung, die eben das kulturell und politisch Gemeinsame im Volke in den Vordergrund brachte. Und immer wieder erfolgte der Gegenstoß der reaktionären Mächte unter Anrufung der blinden Leidenschaften des Antisemitismus. Nun, Sie wissen, daß, als die Errichtung des deutschen Kaiserreichs durch die Siege der preußischen Waffen und die Staatskunst Bismarcks geschehen war und man eine Zeitlang sich in der Hoffnung wiegte, daß nun die Bahn frei sei, auf der Deutschland die) national-staatliche Entwicklung im modernen Sinn und im Geiste der übrigen großen ' Länder erreichen werde, es eine Zeitlang schien, als ob auch die Wirkung national-staatlicher Entwicklung, daß es innerhalb

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