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Die Wahrheit · 1925-07-24 · Heft 29 (24.7.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 29 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 3 der nationalsozialistischen Partei verkauft, dem ahnungslosiem Passanten aber unter dem Decknamen einer Extraausgabe um das Zehnfache dieses Betrages angehängt wird. Auch dies entspricht nicht dem Preßgesetze. Inzwischen ist es Abend geworden und man beschließt, sich von den Mühen und Sorgen eines schwülen Sommertages ein wenig in der frischen Luft zu erholen. Müde, und abgespannt sitzt man vor dem Kursalon im Stadtpark, trinkt seinen Schwarzen oder ißt ein Gefrorenes und lauscht den Weisen eines Strauß'schen Walzers „An der schönen blauen Donau". Die Gedanken aber weilen nicht an den Ufern der blauen Donau, sondern schweifen in die Ferne, zu den Lieben, die das Glück haben, an den Gestaden der Adria oder in den Bergen Tirols die heißesten Wochen des Sommers zu verbringen . . . Auf einmal ein s'ahrilller Pfiff, mehrere Kommandtorufe erschallen und mit einem Male stürmt eine wilde Horde von halbwüchsigen Burschen mit den Rufen „Nieder mit den Juden", „Hinaus mit den Juden" gegen die ahnungslosen Gäste des Kursalon-Kaffeehauses. Von allen Seiten kommen die Hakenkreuzler herbei, deren Zahl inzwischen auf weit über hundert angewachsen ist, und hauen rücksichtslos auf die Besucher des Restaurants mit Stöcken und Knütteln ein und bewerfen mit Sesseln, Tischplatten, Gläsern, Geschirr und Tassen das Publikum ohne Unterschied des Geschlechtes, der „Rasse" und der Konfession. In Angst und Schrecken flüchten die Kaffeehausbesucher. Man hört Schmerzensrufe der angegriffenen Frauen, die sich beeilen, aus dem Bereich der Wurfgeschosse zu entkommen. Ein Teil der Besucher jedoch setzt sich gegen die frechen Angreifer zur Wehr und es kommt zu stüreines neuerungssüchtigen Kopfes vague und ohne Grund und Boden in der Luft herumschwimmt." „Mit vortrefflicher Taktik wählte Meyerbeer auf seinem neuen Terrain die Sujets seiner Werke; hier war es eine Volkssage, die in dem Munde des Volkes lebte, dort ein erschütterndes Stück seiner Geschichte; denn nehmen wir an, daß ein nationaler Schwung bei Werken größerer Art unerläßlich ist, so mußte Meyerbeer diesen Impuls aus der Nationalität des Volkes entnehmen, das in dieser Periode die vernehmlichste Sympathie der Welt genoß. Das, was Meyerbeer nun aber auf diesen Grund baute, war nicht eine Huldigung einer Nationaleitelkeit, sondern die Erhebung derselben zum Gefühl der Universalität." „Meyerbeer schrieb Weltgeschichte, Geschichte der Herzen und Empfindungen, er zerschlug die Schranken der Nationalvorurteile, vernichtete die beengenden Grenzen der Sprachidiome, er schriebe Taten der Musik, Musik, wie sie vor ihm Händel, Gluck und Mozart schrieben, und diese waren Deutsche, und Meyerbeer ist ein Deutscher." „Er hat sein deutsches Erbteil bewahrt, die Naivität der Empfindung, die Keuschheit der Empfindung. Diese jungfräulich verschönten Züge tiefen Gemütes sind die Poesie, das Genie Meyerbeers; er hat ein unbeflecktes Gewissen, ein liebenswürdiges Bewußtsein bewahrt, das neben den riesigsten Produktionen oft selbst raffinierter Erfindungen in keuschen Strahlen erglänzt und sich bescheiden als den tiefen Brunnen erkennen läßt, aus dem alle jene imposanten Wogen des königlichen Meeres geschöpft wurden." „Ist nicht jener fast heftige Drang nach religiösen Ergüssen in Meyerbeers Werken eine auffallende Kundmachung dieser tief-innerlichen Intention des Meisters? Und ist nicht das gerade ein Zug, der seine deutsche Geburt so rührend in unser Gedächtnis ruft?" „Es ist auch nicht mehr nötig, große, gelehrte und ritualmäßige Messen und Oratorien zu schreiben, wir haben durch diesen Sohn Deutschlands erfahren, wie auf der Bühne Religion gepredigt werden kann, wenn unter diesen Massen von Pracht und Leidenschaft ein so edler, einfacher und jungfräulicher mischen Raufszenen, die erst nach dem Einschreiten der Polizei ein Ende finden. Ergebnis: Zahlreiche mehr oder weniger schwer Verletzte, 12 arretierte Hakenkreuzler, 100 Millionen Schaden undi Gefährdung des guten Rufes von Wien. Voll Zorn und Erbitterung verläßt mian 'dlie Stätte der „Erholung" und lange noch zittert in einem die Erregung nach über die zahlreichen Exzesse, in welchen sich ein hemmungsloser Radauantisemitismus austobt. Wir sind mit unserem Spaziergang zu Ende und es scheint uns überflüssig, weitere Erörterungen an die Erlebnisse und Eindrücke, die wir auf demselben empfangen haben, anzuschließen. Eine unabweisbare Frage jedoch bedrückt uns und so wollen wir unsere Ausführungen mit derselben beschließen: Wie lange noch wird dieses wüste H akenkreuzlertum eine friedliche Stadt durch wahre Orgien von Roheit und GemeinheitdauerndinAufregungversetzen? Offener Brief an den Herrn Polizeipräsidenten von Wien. Hochverehrter Herr Präsident! Gestatten Sie mi»r, aus dem Umista'nidle, daß ich am Freitag abends vergangener Woche arglos mit zwei Damen im Stadtpark spazierengehend, ohne jede Ursache einen Schlag mit einem Gummiknüttel über den Kopf erhielt, die Berechtigung abzuleiten, in aller Bescheidenheit an Sie als den obersten Chef der Wiener Sicherheitsbehörde diese Zeilen zu richten. Sinn erhalten blieb, wie er in Meyerbeer als der Quell aller seiner berauschenden Schöpfungen zugrunde liegt." ,.Bei den Franzosen erhielt die Rossinische Richtung Charakter und gewann durch Nationaltätigkeit ein windigeres Ansehen. Zu welcher Höhe die Franzosen diese Periode führten, haben wir schon berührt, und es bleibt nur noch übrig, vollkommen inne zu werden, daß sie durch Meyerbeer als auf ihrem höchsten Punkt angelangt und bis zu universeller Bedeutung betrachtet werden müßte." „Dies anzunehmen, berechtigen uns ferner auch alle äußeren Merkmale der Meyerbeerschen Musik: der Stil, der anfänglich unter dem Einfluß verschiedener Schulen rang, hat sich zur edlen, idealen Selbständigkeit erhoben, frei von den Schwächen der einzelnen Manieren und doch alle ihre Vorzüge < ereinigend. Die riesenhafte, fast schon erdrückende Ausdehnung der Formen haben die reinsten und wohltuendsten Verhältnisse gewonnen: ja, besonders ist dies ein Punkt, in dem sich die Meisterschaft Meyerbeers fast am auffallendsten herausstellt: diese Besonnenheit, ja Kaltblütigkeit in der Anlage und Anordnung charakterisiert Meyerbeer vor allem und erhebt ihn somit von vornherein auf den objektiven und einzig richtigen Standpunkt, von welchem aus eine solche Fülle von Massen, wie wir sie in seinen Werken finden, klar geordnet und zur Anschauung gebracht werden kann. Um diesen Ausspruch auf das tätigste zu bekräftigen, führe ich hier vor allem das Großartigste an, was in diesem Betreffe nur je geleistet worden ist, dies ist die berühmte Verschwörungsszene des vierten Aktes der ..Hugenotten". Wer staunt nicht über die Anlage und Durchführung dieses Riesenstückes! Wie ist es dem Komponisten möglich geworden, bei der erstaunlichen Ausdehnung dieser Nummer eine fortwährende Steigerung zu unterhalten, die nie erschlafft und die nach einem Gewühle der' rasendsten Leidenschaften zum Schluß endlich auf dem äußersten Punkt, wie auf dem Ideal des Fanatismus angelaugt!" „Und hier sehe man die Einfachheit der Mittel, die Meverbeer anwendet, um sein Ziel zu erreichen. Wie klar und einfach, edel und gehalten ist jenes Hauptthema, mit dem die Nummer beginnt und schließt: wie besonnen und würdig läßt der Meister den Strom anschwellen, den er keineswegs in

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