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Die Wahrheit · 1925-07-24 · Heft 29 (24.7.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 29 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite_2 DIE WAHRHEIT Nr. 29 Qualität ausgezeichnet sind, zahlreiche Abnehmer finden werden, ist höchstwahrscheinlich. Die Hakenkreuzler aber stellen die Sache so dar, als ob diese „30.000 Juden" zu dauerndem Aufenthalt oder gar zum „Ersatz für die ausgewanderten Arier" nach Wien kommen wollten. Wir wissen nicht, sind die Hakenkreuzler selbst so borniert, so einen Unsinn zu glauben oder halten sie die Wiener Bevölkerung für so unvernünftig, derartige Märchen für wahr zu halten. Ist das letztere der Fall, dann hätten wir wieder einen Beweis für die Art und Weise, in welcher die Nationalsozialisten den Kampf gegen die Juden führen, nämlich durch bewußte Irreführung des Volkes Unruhe und Haß zu erwecken. Nach Beendigung des Kongresses werden selbstverständlich sämtliche Delegierte Wien verlassen und hoffentlich keine schlechten Erinnerungen an ihren hiesigen Aufenthalt mitnehmen. Zahlreiche Menschen stehen nun vor diesen schändlichen Hetzplakaten und sind in. die Lektüre der antisemitischen Verdrehungen und Verleumdungen vertieft, welche leider manchmal nicht als solche erkannt werden und arge Verwirrung in innerlich weniger gefestigten Gemütern hervorrufen. Kaum jedoch hat man die öffentlich ausgestellten Produkte geistiger Beschränktheit oder moralischer Verworfenheit mit Ekel und Widerwillen gelesen, wird man in seinen traurigen Meditationen über das tiefe Niveau gewisser Mitmenschen durch lautes ohrenbetäubendes Geschrei aufgeschreckt: „Extraausgabeeeü" „Extraausgabeeeü" Besorgnisse und Befürchtungen befallen augenblicklich die Gemüter der ohnedies erregten Menge, erweckt doch dieser Ruf traurige Erinnerungen an die unselige Kriegszeit, an Massenmord und Menschenschlachten, an jene Zeit, wo furchtbare Leiden und unsägliche Trauer oftmals den Inhalt einer e i nzigen Extraausgabe ausmachten. „Was ist geschehen? Vielleicht ein großes Eisenbahnunglück?. Ein Attentat, das unabsehbare Folgen nach sich ziehen kann?" Rasch werden dem Ausrufer die Extraausgaben, die 10 Groschen pro Stück kosten, aus der Hand gerissen. Doch diese entpuppen sich bald als wüste antisemitische Hetzprodukte und zwar sind es Sonderabdrücke der „Deutschen Arbeiter- Presse", des unrühmlichst bekannten Hakenkreuzlerblattes, in welchem bereits in der Vorwoche publizierte Schmähartikel, Lügen und Verleumdungen abgedruckt sind. Mit Wut und Empörung wird jeder anständige Mensch — Jude und Nichtjude — dieses Erzeugnis der Lüge, des Hasses und der Gemeinheit, für welches ihm in bewußter Irreführung 10 Groschen herausgelockt wurden, vernichten, nachdem es ihm einen Abgrund menschlicher Entartung gezeigt hat. Es ist klar, daß ein solches Vorgehen dem Pressegesetze direkt ins Gesicht schlägt, welches bekanntlich vorschreibt, daß beim Verkauf von Presseprodukten, seien es Zeitungen, Extraausgaben oder sonstige Druckschriften, der Name der Zeitung, weichte als Herausgeber fungiert, genannt werden muß. Es ist klar, daß dieses Verschweigen des Herkunftsortes der „Extraausgabe" ein ganz gewöhnlicher Geschäftskniff ist, welcher dazu dient, neben den „politischen" auch rein „m a t er i e 11 e Erfolge" zu erringen. Der Inhalt der. „Extraausgabe" besteht nämlich größtenteils aus der in der letzten Nummer der „Wahrheit" besprochenen Schmähschrift „Die Judenpest", welche zum Preise von ein Groschen pro Stück von Wagner und Meyerbeer* (Schluß.) Im Jahre 1842 schreibt Wagner: „Die Erscheinung der Musik Meyerbeers, zumal in seinem letzten Werke ,Die Hugenotten', hat eine so feste und abgerundete Konsistenz gewonnen, daß endlich die Aufgabe entstanden ist, dieser Musik ihren Standpunkt in der Geschichte der Musik anzuweisen. Der Versuch sei hiermit getan, das noch frisch Lebende in die Geschichte einzureihen. Betrachten wir die Erscheinung Meyerbeers, so werden wir sowohl ihrer Tendenz als zumal auch ihren äußeren Zügen nach unwillkürlich an Händel und Gluck erinnert, und selbst ein wesentlicher Teil in der Richtung und Bildung Mozarts scheint sich hier wiederholt zu haben. Vor allen Dingen ist nie aus dem Auge zu verlieren, daß jene Deutsche waren, wie dieser es ist; denn in jenem elenden, denationalisierten Zustande Deutschlands ist zumal der Grund der äußeren Schicksale. Verhältnisse, Züge jener Kunsterscheinuiigen zu iinden, die mit ihrer inneren Bedeutung sehr zusammenhingen." „So neu und frisch auch noch die Siege sind, die den Namen Meyerbeer zu einem der glänzenden am musikalischen Himmel erhoben, so schnell haben sie doch auch die zivilisierte Welt durchdrungen und erobert; sie haben selbst da, wo sie noch kein zivilisiertes Terrain vorfanden, den Boden geebnet, um sich die Tempel darauf errichten zu lassen, in denen man die göttliche Kunst zum ersten Male feierte, die diese Siege verherrlichen." „Meyerbeer, durch eine vortreffliche Erziehung sowie durch eine allseitige, wissenschaftliche und künstlerische Ausbildung beizeiten in den Stand gesetzt, sich Meister des technischen Teiles seiner Kunst zu fühlen, lernte gewiß früher und schärfer, als es selbst bei anderen der Fall war, erkennen, was ihm sein Mutterland versage und was er von außen her zu erobern habe, um in dem Vollgenuß seiner Kunst schwelgen zu können. In frühester Jugend hatte er bereits Italien gesehen, er hatte es gehört; sein glücklicher Sinn hatte vollkommen die Schönheit der Formen begriffen, die, mögen sie nun auch in dem neueren Italien eine zu sinnliche Richtung bekommen haben, einem wahrhaft künstlerischen Gemüt doch immer noch nirgends üppiger sich zeigen, als eben in jenem glücklichen Lande." „Der sonderbar eigentümliche Zug der Deutschen, hat gewiß auch Meyerbeer belastet; der dadurch verursachte Kampf fesselte seinen Genius, und man muß annehmen, daß er auf demselben Zunkte war, auf dem viele verkümmern. Aber Meyerbeer war so deutlich, daß er bald in die Fußtapfen seiner alten deutschen Vorfahren geriet; diese zogen mit der vollen Kraft des Nordens über die Alpen und eroberten sich das schöne Italien, Meyerbeer ging nach Italien, er machte selbst die üppigen Söhne des Südens in seinen Tönen schwelgen, und dies war sein erster Sieg. Muß es nicht mit Stolz erfüllen, sich nicht nur das fremde Schöne zu eigen machen zu können, sondern selbst die, denen wir es entnehmen, sich der Veredlung desselben erfreuen lassen zu können? Aber selbst damit sehen wir den deutschen Genius sich noch nicht begnügen, in diesem Siege wollte er ja erst nur noch lernen. Die verschwimmenden, unbestimmten Nebel des Spiritualismus haben sich zu Formen schönen, warmen Fleißes gestaltet, das reine, keusche, deutsche Blut fließt aber in seinen Adern; die Gestalt des Mannes ist fertig und tadellos — nun kann er schaffen und Taten für die Ewigkeit verrichten." „Daß Meyerbeer hier noch nicht stehen blieb und sich behaglich in die Schatten seines Ruhmes streckte — das ist es, was ihn vollkommen machen mußte." „Es war nun aber Meyerbeer, der diese Manier erweiterte, ja, der sie dann zu einer allgemein gültigen klassischen Schreibart erhob. Von gewissen gebräuchlichen und populären Rhythmen und Melismen hat er die moderne Schreibart zu einem grandios einfachen Stil geführt, der den unendlichen Vorzug besitzt, daß er seine Basis in den Herzen und Ohren des Volkes hat — und nicht bloß als eine raffinierte Erfindung

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