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Die Wahrheit · 1925-07-24 · Heft 29 (24.7.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 29 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deotschösferreichische Wochenschrift ffir ionische Interessen MM dem DeiMatt: VerOffentlichongen Oer ..Union deatschösterreichischer Joden" Redaktion und Administration- Wien HeineslraOe 13. - Fernruf 42-2-15 XLI. Jährgang Wien, 24. Juli 1925 Nummer 29 Wiener Spaziergänge. Neben vielen Zuschriften aus unserem Leserkreise, die miit Bezug auf den Leitartikel der letzten Nummer „D i e J u d ei n p e s t" ihre berechtigte Empörung über das schamlose Treiben d'er Hakenkreuzler zum Ausdrucke bringen, haben wir auch einige Schreiben erhalten, welche uns allzu großen Pessimismus bezüglich der Folgen der neuesten Judenhetze vorwerfen und den Flugschriften und sonstigen „Kampfmitteln" der Hakenkreuzler geringere Bedeutung beimessen, als wir es getan haben. Teils um zu zeigen, daß dieser Vorwurf ein unberechtigter ist, teils auch, um gerade den in der Ferne weilenden Lesern ein Bild davon zu geben, wie es derzeit in der Hauptstadt der Republik Oesterreich aussieht, laden wir sie ein, wenigstens im Gedanken mit uns einen kurzen Spaziergang durch Wien zu machen, bei welchem wir sine ira et studio alle jene Tatsachen feststellen wollen, wie sie sich dem unbefangenen Auge eines objektiven Beobachters darbieten. Ueberschreitet man am späten Nachmittag, etwa von der Leopoldstadt kommend, den Franz Josefs- Kai bei der Schwedenbrücke, so tönt einem schon von weitem der Ruf entgegen: „Deutsche Arbeiterpresse", „Der Eiserne Besen", „Der Völkische Beobachter" usw. und ehe man sich's versieht, pflanzt sich ein mit einem Hitlerhemd bekleideter Hakenkreuz jünglting vor einem auf, hält einem so ein antisemitisches Hetzblatt drohend unter die Nase und bietet dieses demonstrativ zum Verkaufe an. Gewöhnlich sind die ZeitungsVerkäufer von mehreren Gesinnungsgenossen -flankiert, die sofort zur Stelle sSnid^ wenn es jemandem einfallen sollte, seinen Unmut über eine so unverschämte Belästigung auszudrücken. Stößt aber einmal so ein Frechling auf jemanden, der sich durch sein herausforderndes Benehmen nicht einschüchtern läßt, dann regnet es oft Ohrfeigen und Rippenstöße und es kommt zu einer regelrechten Keilerei, welcher erst das Einschreiten der Sicherheitswache ein Ende bereitet. Derartige Vorfälle ereignen sich jetzt täglich und stündlich und die Wache ist gezwungen, speziell vor dem von Juden; stark besuchten Cafe Silier einen ständigen Bereitschaftsdienst zu halten. Wer trägt seine Kosten? Geht man einige Schritte weiter, dann starren einem schon von ferne grelle und an auffallender Stelle angebrachte Plakate entgegen: Fünfzigtausend deutsche Arbeiter nach Amerika! Dreißigtausend Juden nach Wien! In diesen Hetzplakaten wird ausgeführt, daß viele Tausende deutscher Arbeiter Wien verlassen müssen (!), während 30.000 Juden im August nach Wien kommen, und schließlich wird zum Besuche einer „Massenversammlung" der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei aufgefordert, zu welcher „Juden keinen Zutritt haben". Da demnach unsere Glaubensgenossen keine Gelegenheit haben, sich aus „berufenem Munde" über die auf dem Plakate angeführten Tatsachen näher zu informieren, erlauben wir uns, an dieser Stelle einige kurze Erläuterungen hierzu zu geben. Was die 50.000 deutschen Arbeiter betrifft, welche aus Wien auswandern müssen (!), so liegt die Sache so, daß die österreichischen Delegierten auf der internationalen Arbeitskonferenz in Genf mit dem Direktor des amerikanischen Arbeitsamtes wegen einer außerordentlichen Einwanderungsbewilligung für 40.000 Spezialarbeiter verhandelt haben. Von einem Zwang zur Auswanderung zu sprechen, ist natürlich eine ebenso dumme wie gemeine Verdrehung der Tatsachen, zumal die Einwanderungserlaubnis für eine so große Anzahl von Arbeitern bei der bekannten Stellungnahme der amerikanischen Behörden zur Einwanderungsfrage unwahrscheinlich ist. Gewiß wäre es für viele ausgebildete Qualitätsarbeiter ein großes Glück, wenn sie, statt in Oesterreich feiern zu müssen, in Amerika lohnende Beschäftigung fänden, ebenso wie es für die österreichische Volkswirtschaft eine gewaltige Erleichterung wäre, wenn statt der unproduktiven Ausgaben für Arbeitslosenunterstützungen Kapitalien aus dem Auslande zuströmen würden, welche die wegen ihrer besonderen Tüchtigkeit geschätzten österreichischen Arbeiter zur Erhaltung ihrer Familien senden könnten. Das aber geht in den Kopf eines Hakenkreuzlers nicht hinein, vielmehr starrt er wie hypnotisiert auf die zweite Zeile des Plakates: „30.000 Juden nach Wien." Hierzu wäre folgendes zu bemerken: Erstens ist die Zahl der Juden, welche zum XIV. Zionistenkongreß im August nach Wien kommen werden — denn um diese handelt es sich natürlich — viel geringer, nach Angaben auf der letzten Pressekonferenz dürften es ungefähr 10.000 Besucher sein. Zweitens wird die Anwesenheit einer immerhin großen Zahl ausländischer Besucher nicht nur keinen Schaden, sondern sicherlich großen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen, da große Summen ausländischen Geldes in Wien verausgabt werden dürften und vor allem die Fremden- und Luxusindustrie einträgliche Beschäftigung finden wird. Daß viele Waren des Wiener Gewerbefleißes, die durch ihren Geschmack und ihre gediegene

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