Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 28 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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DIE WAHKHEiT Nr. 28 Judentum einen geradezu herzlosen Stoß versetzt, indem er statt des Sabbat, des Bundeszeichens des jüdischen Volkes mit seinem Gotte, des seit Beginn unserer Geschichte geheiligten Tages, den Sonntag als Feiertag einführte. Fast aüle Reformgemeinden feiern den Sabbat und halten an diesem Tage Gottesdienste ab, führten jedoch auch den Sonntagsgottesdienst ein, aber nur, um auch jenen Juden, die am Saibbatgottesdienst nicht teilnehmen können, die Gegenheit zu einem Gottesdienst zu geben. Wise hingegen hat den Sabbat gänzlich aus seiner Würde verbannt. Sonntag hält er im „Carnego Hall" „Gottesdienst" ab. Ich habe mir einen solchen am 6. Jänner angesehen. Er wurde mit einem Konzert eingeleitet und einige Partien kamen zum Vortrag. Hierauf stimmte ein Chor „Schema Israel!" in hebräischer Sprache an. Dann wieder folgte ein stilles Gebet der Gemeinde, worauf der Chor „Heilig- Heilig" in englischer Sprache sang. Darauf hielt Rabbi Wise einen Predigt „What Men Life by", die erste Serie zu einer längeren Abhandlung, die er mehrere Wochen nacheinander zum Gegenstand seiner Sonnatgspredigten machte. Zum Schlüsse wurde, ebenso im Englischen, das „Olenu" angestimmt, dem die Gemeinde stehend zuhörte. Der Gottesdienst machte auf mich einen lächerlichtraurigen Eindruck. Hingegen muß man vor dem Volksmanne Wise große Achtung bekunden. Er ist eine der interessantesten Persönlichkeiten des amerikanischen Judentums, der seine ganze Beredsamkeit und seine ganze persönliche Autorität in den Dienst des Judentums stellt. Die meisten Rabbiner halten am Freitag abends in den Gotteshäusern Diskussionen ab, in welchen die Hauptprobleme des Judentums, die ästhetischen wie die politischen, von der hoben Warte der Wissenschaft behandelt werden und jedem, auch dem geistig nicht Hochstehenden die tiefsten Quellen religiöser Erkenntnis — jeder nach seiner Auffassung und seinem Begreifen — erschlossen und die Zuhörer, Männer und Frauen — auch die Jugend ist vertreten — an die ewigen Werte des Judentums und die unzerstörbaren Schätze unserer Vergangenheit erinnert werden. Ich wohnte einer solchen Diskussion im Hunts Point Jewish Center in der Bronx bei und fand an diesem Abend einen wirklichen „Oneg Sabbat". Der Rabbiner des im Neubau begriffenen Gotteshauses, Dr. Israel E1 f e n b e i n, ein geborener Buczaczer, der als Knabe nach New York kam und zu den talmudkundigsten Rabbinern New Yorks gehört, erteilte einem jungen Kollegen, G o 1 d b e r g, das Wort und der sprach mit großer Begeisterung über seine Auffassungen vom Judentum. Rabbi Elfenbein anwortete ihm und gab seinen Anschauungen Ausdruck. Ich bewunderte, wie die Zuhörerschaft den Ausführungen so aufrichtig lauschte. Nach der Aussprache wurden mehrere Lieder und, wenn ich mich gut erinnere, auch „Jigdal" angestimmt und die Versammelten sangen mit. An solchen Abenden wird zu den letzten Strömungen des Geisteslebens Stellung genommen und sogar die wichtigsten Neuerscheinungen in der Literatur und Kunst, soweit sie für das Judentum in irgend einer Weise in Betracht kommen, finden Berücksichtigung. (Fortsetzung folgt.) iU Wahrheiten vom Tage |§ Großdeutsch und kleindeutsch. Am 18. August, also am Tage der Eröffnung des XIV. Zionistenkongresses, hätte ein „Deutscher Tag" in Wien abgehalten werden sollen und es wäre ursprünglich gar nicht einzusehen gewesen, warum beide Veranstaltungen nicht zu gleicher Zeit hätten stattfinden können. Denn wo in aller Welt besteht ein Gegensatz zwischen den Bestrebungen der Zionisten, das durch Jahrtausende verödete Palästina wieder zu besiedeln, und dem durchaus verständlichen Bemühen nationalgesinnter Deutscher, die durch ein ungerechtes Diktat voneinander getrennten Volksgenossen wenigstens zu einer geistigen und kulturellen Einheit wieder zusammenzufassen. Und selbst im Falle, daß irgend welche politische Gegensätze vorhanden wären, warum sollte es nicht möglich sein, dieselben in würdiger Form auszutragen? Warum sollten sich Menschen, 'die ähnliche Ideale in Wien vereint, wenn sie auch verschiedener Weltanschauung sein mögen, Menschen, die in gewissem Sinne sogar als Leidensgefährten bezeichnet werden können, sich nicht jene gegenseitige Achtung entgegenbringen, die ihre Anschauungen verdienen? Da aber begann von seiten einiger antisemitischer Hetzer ein wüster Kampf gegen die Abhaltung des Zionistenkongresses, der von den meisten völkisch eingestellten Zeitungen in der unverantwortlichsten Weise geschürt wurde. In Versammlungen und durch Flugschriften wurde direkt zur Störung des Kongresses, der als „eine Schmach für das deutsche Wien" bezeichnet wurde, aufgefordert und es bemächtigte sich eine gewisse Erregung der völkischen Kreise, welche über die Ziele des Kongresses absichtlich falsch unterrichtet und direkt zu Gewalttaten aufgereizt wurden. Unter diesen Umständen wäre es allerdings nicht ausgeschlossen, daß die gleichzeitige Abhaltung beider Veranstaltungen zu störenden Zwischenfällen hätte führen können. Es war daher nur ein Gebot der Klugheit, wenn die Einberufer des „Deutschen Tag" diese für den 18. August anberaumte Tagung „mit Rücksicht auf die Erregung völkischer und antisemitischer Kreise wegen des für die gleiche Zeit festgesetzten Zionistenkongresses" abgesagt und die kompetenten Regierungsstellen hiervon verständigt haben. Dagegen haben die Nationalsozialisten ihren Parteitag, welcher im Vorjahre in Salzburg stattgefunden hat, für dieses Jahr nach Wien, und zwar gerade für den 16. und 17. August einberufen. Während also die zum überwiegenden Teil den Großdeutschen, also der Regierung nahestehenden Veranstalter des „Deutschen Tag" auf die zwar vollständig grundlose, aber leider vorhandene Erregung der völkischen Kreise Rücksicht genommen haben, wird von den Nationalsozialisten diese Rücksicht nicht nur nicht bekundet, sondern es wird die vorhandene Erregung in nationaler Kurzsichtigkeit rücksichtslos für parteipolitische Zwecke ausgebeutet. Die Inquisition des XX. Jahrhunderts. Die drei von der T s c h e k a zum Tode verurteilten deutschen Studenten Kindermann, Wolscht und Dittmar sind zu langjährigen Gefängnisstrafen begnadigt worden, welche sie im Innern Rußlands abbüßen müssen. Wer die Gefängnisse der Räterepublik kennt, weiß, daß dies soviel wie eine Begnadigung zu langsamem, aber umso qualvollerem Tode ist. Trotz aller Bemühungen der Sowjetjustiz konnte den jungen Deutschen keine Verfehlung nachgewiesen werden, die eine so schwere Strafe auch nur im geringsten rechtfertigen würde. Der einzige Belastungszeuge war der dritte mitangeklagte Balte von Dittmar, welcher sich schon früher als „Informator" der Sowjet-Union in Wien betätigt und nebenbei auch für andere Regierungen Spitzeldienste geleistet hatte. Wie unglaubwürdig die Angaben dieses „Zeugen" sind, geht schon daraus hervor, daß er behauptete, daß Kindermann, der ein Jude ist, Mitglied der Organisation Consul sei, einer extrem antisemitischen Vereinigung, welcher bekanntlich die Mörder Rathenaus angehörten. Soweit ist es also mit einer Regierung gekommen, deren Ziel es ist, den Sozialismus und die Menschenliebe auf Erden zu verwirklichen! Entrüstung und Abscheu muß alle ergreifen, denen ein menschliches Herz in der Brust schlägt, bei dem Gedanken an eine solche Justiz, welche der Inquisition des Mittelalters in keiner Weise nachsteht, und gerade alle wahrhaft jüdisch fühlenden Menschen werden sich der internationalen Protestaktion gegen das Moskauer Urteil anschließen, wodurch am deutlichsten gezeigt werden kann, daß das von den Antisemiten erfundene Märchen vom „jüdischen Bolschewismus" eine ebenso böswillige wie gemeine Verleumdung darstellt. Wir protestieren nicht etwa bloß aus dem Grunde .gegen die russische Schandjustiz, weil einer der ver-