Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 28 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite? der vornehmsten Menschen — als solcher galt Felix Mendelssohn — ist so ungeheuerlich und albern, daß selbst ein Antisemit sich schämen sollte, sie zu wiederholen. Eduard Hauslak, der zu den ersten Gegnern Wagners gehörte, wird dafür zum Judenstämmling gestempelt, obgleich seine arischchristliche Abstammung weitaus sicherer als die Wagners ist. Ludwig Speidel, der im Jahre 1876 die Bemerkung niederschrieb, Wagner soll dem semitischen Stamme angehören, wird als der „elende Speidel" zitiert. Aber nicht nur der „elende" Speidel, überhaupt die ersten, die Wagners Rassenreinheit in Zweifel zogen, waren Christen; macht nichts, diese Behauptung wird doch als „jüdisches System" gebrandmarkt. Ein Diener dieses „jüdischen Systems" war daher auch Gustav Freytag, der einmal nachwies, daß der Meister all die Eigenschaften, die er als „jüdische" verhöhnte, in hohem Maße selbst besessen. * * * Mit großer Genugtuung erinnert der antisemitische Wagner-Verehrer daran, daß die geneologischen Forschungen Otto Bournots „einwandfrei die germanische Abkunft" Wagners feststellten. „Selbst wenn Wagner wirklich Geyers Sohn gewesen wäre (Geyer hieß der Stiefvater Wagners), steht auch in dem Falle seine rein deutsche Abstammung außer jedem Zweifel." Man greift sich an den Kopf angesichts dieses Zynismus, dem die Behauptung, daß Richard Wagner einem ehebrecherischen Verhältnisse entsprochen, kein Wort der Empörung erpreßt, da einem echten Antisemiten nur die Rassenfrage von sittlicher Bedeutung erscheint. Und das will als patentierte Hüter teutonischer Sittlichkeit angesehen werden! Das sind die Leute, die den Kampf gegen die jüdische Unmoral sich zur Lebensaufgabe machen. * * Die Internationale Union der Völkerbundligen hat sich gelegentlich ihrer jüngsten Tagung in Warschau eingehend mit der Frage des Numerus clausus befaßt. Der Referent Professor Aulard stellte mit Bedauern fest, daß in Ungarn und noch „anderwärts" der Numerus clausus eingeführt, während glücklicherweise in Polen die Etablierung dieser Schmach ausgeschlossen sei. Die Leute, die bei uns daran arbeiten, daß Oesterreich der Ländergruppe „anderwärts" zugeteilt werde, bekennen sich stolz zu diesem Programm der Schmach. Wann aber wird bei uns ein Professor Aulard laut seine Stimme erheben? * * sfc Zwei des Mordes an Somogyi verdächtige Individuen, deren Namen in den ungarischen Zeitungen zu lesen waren, beziehen noch immer ungestört ihre Gehälter. Es wäre ja ganz in der Ordnung, daß solche Patrioten auf Staatskosten erhalten. werden, aber daß man sie just als Staatsdiener in Aemtern sitzen läßt, ist doch seltsam. # * Hundert eidbereite Zeugen sollen noch in dem gerichtlichen Ergänzungsverfahren vernommen werden, die sich plötzlich alle an Umstände erinnern, die Marffys Teilnahme an dem Verbrechen im Elisabethstädter Klub ausschließen. Und da sollten sich nicht endlich wenigstens zehn Zeugen finden, die bereit wären, unter Eid auszusagen, daß es nichtswürdige Juden waren, die nenn ihrer Glaubensgenossen opferten, um dann die Missetat den gehaßten Rassenschützlern in die Schuhe schieben zu können. In Budapest gibt es sicherlich noch mehr als hundert Menschen, die mit einem fabelhaften Gedächtnis begabt sind. Und da sollten sich auch einige daran erinnern, daß schon einer der größten Päpste angesichts eines furchtbaren Verbrechens eine ähnliche Beschuldigung ausgesprochen hat? Damals handelte es sich um Judenhasser, die ein christliches Kind abschlachteten, um Juden für die Tat verantwortlich zu machen. * * * Herr v. Ben-iczky ist nunmehr auch aus dem Nationalkasino ausgeschlossen worden, das damit nur dem Beispiele des Adelskasinos folgte. Alle lassen — vorläufig wenigstens — den unglücklichen Mann im Stich, der sitzen muß, weil er den Mut hatte, für das einzutreten, was auch andere für wahr hielten. Alle schließen ihn aus, nur Horthy macht eine Ausnahme: er hält ihn eingeschlossen. Ego. Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Rabbi Dr. Samuel Schulmann, der geistige Führer der Kongregation „Bet-EI" ist aus der Hochschule für jüdische Wissenschaft in Berlin hervorgegangen und saß Männern wie David Cassel, Joel Müller .und Hajjim St e i'iith a 1 zu Füßen. Steinthals ethische Persönlichkeit übt noch heute auf diesen seinen Jünger einen tiefen Eindruck aus. Schulmann ist ein Redner von bezwingender Gewalt. Seine tiefen-, gedankenreichen Predigten am Sabbat und Sonntag — er hält, wie die meisten Reformrabbiner in* Amerika, auch am Sonntag Gottesdienst ab — ziehen eine große Zuhörerschaft an sich. Schulmann, ist ein heftiger Gegner der nationalistischen Bestrebungen innerhalb des Judentums und in diesem Zusammenhange auch des Zionismus. Ich gab ihm in Punkto chauvinistischen Nationalismus Recht, sagte aber, daß der religiöse Nationalismus das Lebensprinzip des jüdischen Volkes ist. Es soll daher unser Bestreben sein, ein r eligiöses jüdisches Leben im Sinne unserer heiligen Ueberlieferungen inPalästinazu schaffen. Ich will an dieser Stelle auch einen Gedanken Schulmanns festhalten. Er sagte: „Die Religion h a t f ü r d i e Juden eine viel höhere Bedeutung als die Abstammung. Denn Judentum bedeutet das Bekenntnis zur jüdischen Religion. Auch unterliegt das Bekenntnis z u einer Religion der freien Wahl des Menschen, anders aber die Abstammung. Wenn ein Nichtjucfe sich für die jüdische Religion entscheidet und diese auch annimmt, so gilt er nach jüdischer Auffassung als vollkommener Jude und selbst dem eifrigsten jüdischen Nationalisten würde es nicht einfallen', ihm sein Judentum abzusprechen. Derselbe Nichtjude kann aber nicht zur jüdischen Nation übertreten, wenn er seinen früheren Glauben behält. Eine eigentümliche Gestalt im New Yorker Judentum ist der in Budapest geborene Dr. Stephan S. Wise. Als geistlicher Führer hat Rabbi Wise dem