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Die Wahrheit · 1925-07-17 · Heft 28 (17.7.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 28 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 28 nur durch wissenschaftliche Argumente ausgetragen werden können. Zu allen Zeiten hat man, wie uns die Geschichte zeigt, die Juden für alles Unglück, das gerade ein Volk getroffen hat, verantwortlich gemacht und die unerhörtesten Beschuldigungen gegen ein armes, verfolgtes und gehetztes Volk immer dann erhöbe*!, wenn das Gewissen seiner Peiniger allzu schwer bedrückt war: Sie hätten die Brunnien vergiftet, idlie Hostien geschändet, die Kinder gemordet u. s. f. Scheiterhaufen und Blutbäder, Verfolgungen und Bedrückungen isimd die traurigen Marksteine in der Geschichte des jüdischen Volkes. Daran hat sich leider trotz aller Kultur, trotz allen Fortschrittes nicht viel geändert, wenn auch die Verfolgungsmethoden nicht mehr so barbarisch sind wie ehemals. Und gerade die Tatsache, daß sich in Mitte desjenigen Volkes, das an der Spitze der menschlichen Kultur schreiten will, Abgründe geistigen und seelischen Tiefstandies öffnen, wie sie uns aus obigem Flugblatt entgegenstarren, muß jeden Freund des deutschen Volkes mit tiefer Trauer erfüllen. Mögen diejenigen, denen das Wohl insbesondere der Jugend am Herzen liegt, die Gefahr erkennen, welche darin liegt, daß durch solche und ähnliche Flugschriften die Seele der Jugend vergiftet wird. Aber auch wir Juden dürfen die Gefahren nicht unterschätzen, die dadurch heraufbeschworen werden, daß solche haßstrotzende Flugschriften massenhaft und halb geschenkt (1 Groschen das Stück) im Volke verbreitet werden. Wird doch am Schlüsse dieses Pamphlets direkt zum Pogrom aufgefordert: „Deutsche Männer, deutsche Frauen und Mädchen! Selbst dann, wenn Juda kein anderes Verbrechen Ich wünsche Jedem gleiches Glück; Ich gäb' es selbst nicht weiter: Doch denke ich zehn Jahr zurück, So macht' ich's doch gescheuter. Zwei Jahre vergingen, bevor alle Hoffnungen Wagners sich erfüllten, die er auf seine Freundschaft mit Meyerbeer gesetzt hatte. Im Jahre 1842 wurden „Rienzi" und „Holländer" in Berlin zur Aufführung angenommen und aus dem gleichen Jahre stammt diese Aeußerung Wagners über Meyerbeer. Zweimal also hat sich Wagner mit dem Problem Meyerbeer beschäftigt, einmal in dem soeben erwähnten Aufsatz Wagners aus dem Jahre 1842, das zweitemal in seiner bekannten Broschüre „Das Judentum ' in der Musik" aus dem Jahre 1850, deren Gedankengänge in aller Kürze bereits am Anfange dieses Aufsatzes bis zu dem Punkte wiedergegeben waren, da Wagner von dem andern „weit und breit berühmten Tonsetzer unserer Tage" zu sprechen beginnt. Nur wenige Jahre liegen so zwischen diesen beiden Aeußerungen, und doch scheint keine Brücke von der einen zur anderen zu führen. Wer das Urteil von 1842 mit dem von 1850 vergleicht, der wird die Wandlung innerhalb . eines Zeitraumes von nur acht Jahren schwer verstehen. (Schluß folgt.) auf dem Kerbholz hätte, als unsere Moral in den Kot gezerrt, unsere Frauen geschäridert und unsere Ehre bespien zu (haben, verdient es schon, mit der Rache und dem Fluche der Deutschen beladen zu werden. . . ., Vergeßt nicht, deutsche Not und Schande sind groß. Wir stehen 'unmittelbar an der Pforte des Unterganges!" Wahrlich, die Not und Schande ist sehr groß! Denn solche Auswüchse, wie wir sie hier mit Schaudern erblicken, sind dlais Zeichen schwerer •seelischer Not, dlie. allerdings — Gott sei 's gedankt! — nur etoen kleinen Teil, des deutschen Volkes befallen hat, aber dennoch eine Schande und Schmach für die Gesamtheit des 'deutschen Volkes darstellen. Doch wir! wollen hoffen, daß sich die „Pforten des Unterganges" hinter diesen Auswüchsen der Gemeinheit wieder schließen werden! Der „Fall Leasing". Von Landrabbiner Dr. S. Freund (Hannover). Vor einigen Jahren bot ein Drama Arthur Schnitzlers Anlaß zu manchen Erörterungen, die weitab von der Linie literarischer Würdigung lagen. Professor Bernhardi, ärztlicher Leiter eines Krankenhauses in Wien, will einem Mädchen, das seiner letzten Stunde entgegendämmert, diese Stunde leicht und freundlich gestalten, indem er es bei seinem Wahn beläßt, es würde bald genesen und mit dem Geliebten vereinigt. Ein von der Krankenschwester benachrichtigter Geistlicher erscheint, um der Sterbenden die letzte Wegzehrung zu reichen. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem Pflichtbewußtsein des Arztes und dem des Geistlichen, der schließlich damit endet, daß Bernhardi der gegen ihn entfachten Hetze weicht und sein Amt aufgibt. An dieses Schauspiel schloß sich damals eine ausgiebige literarische Debatte, warum der Dichter den Helden des Dramas gerade zu einem Juden gestaltet. Derselbe Konflikt hätte sich ergeben, wenn der Professor beispielsweise Protestant gewesen wäre, und durch das Hineinwerfen der antisemitischen Frage wird dieses interessante Problem, anstatt in seiner Schärfe hervorzutreten, verwirrt und verzerrt, verbogen und verwässert. Die Frage wurde damals verschieden beantwortet. Der „Hammer" hatte schnell seine Lösung zur Hand. Wäre Bernhardi kein Jude gewesen, dann wäre es nicht zu dem Konflikt gekommen, da ihm sein natürlicher Takt und sein ethisches Empfinden schon den rechten Weg gezeigt hätte, der ihn aus der heiklen Situation herausführt. Von literarischer Seite wurde geltend gemacht, daß es Schnitzlers dichterische Art sei, die Probleme durch Häufung verschiedener Momente möglichst zu verschärfen. Die Wahrheit lag, wie mir scheint, auf. einem anderen Blatt: Nicht für die Schürzung des Knotens braucht der Dichter den Juden, sondern für die Lösung. Der Konflikt wäre derselbei gewesen, (auch wenn der Professor kein Jude gewesen wäre; aber er hätte nimmermehr dieselben Folgen gezeitigt. Die Gegner hätten ihren Groll verwahrt unä. bei passender Gelegenheit zur Entfaltung gebracht. So

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