Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 28 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28 DIE WAHRHEIT Sehe 3 werden an Leib und Seele zugrunde g e r i' c h t e t." Auch für diese ganz unglaubliche Beschuldigung bringt der Verfasser dieser abscheulichen Schmähschrift keinen einzigen Beweis, obwohl es sich angeblich um „viele Tausende deutscher Mädchen" handelt. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß sich einmal auch ein jüdischer Chef einer Angestellten gegenüber ungehörig benommen hat, dennoch aber wäre eine Beschuldigung aller jüdischen Chefs ob eines solchen Vorfalles eine ebensolche böswillige Gemeinheit, wie wenn man aus dem Falle Haarmann, Denke, Angerstein analoge Schlüsse für „Arier" ableiten wollte. Doch der Verfasser dürfte kaum irgendwelchen Vernunftgründen zugänglich sein. Denn in geradezu krankhaftem! Hasse gegen das Judentum läßt er sich in der erwähnten Schmähschrift zu folgenden haarsträubenden Aeußerungen hinreißen: „Noch einige Jahrzehnte Frauen- und Mädchenschändung durch entartetes Hebräergelichter, noch länger diese systematische Demoralisation und planmäßige Verseuchung unseres Blutes, und — das deutsche Volk hat aufgehört zu sein." Sittliche Verrohung und moralische Verwilderung sind leider Folgeerscheinungen des in grenzenloser Leichtfertigkeit heraufbeschworenen Weltkrieges, welcher seinerzeit gerade von den nationalistischen Hetzern als „d a s S t a h 1 b a d d e r Volke r" gepriesen wurde. Wenn das deutsche Volk daher irgend jemand für die jetzigen traurigen Zustände verantwortlich machen will, dann sind es wohl nur die Kriegshetzer iim eigenen Lager, welche gemeinsam mit Gleichgesinnten bei den übrigen am Krieg beteiligten Völkern» am Ausbrach des Menschenmordens schuld tragen. Daß der unglückliche Ausgang des Krieges für die Mittelmächte und die schweren wirtschaftlichen und politischen! Krisen nach dem Kriege die Demoralisation im deutschen Volke stärker hervortreten ließen, als es bei anderen kriegführenden Völkern der Fall ist, kann allerdings nicht bestritten werden. Die gleichsam über Nacht gekommene Freiheit hat in vielen moralisch weniger gefestigten und durch den Krieg verwiSdlerten jügendliefoen Gemütern einel ainge Verwirrung der sittlichen Begriffe gezeitigt, Genußsucht unidi das Streben nach mühelosem Gewinn hat iein übriges getan, um die Bande der Ethik und Moral in eisneam Tele der männlichen und leider aiueh weiblücihen Jugend zu lockern. Auch cßas Hakenikreuzlertum, das derzeit in deutschen Laniden sein Uniwesien treibt, ist ein Beweis für die schwere seeiMsche Erschütterung, in welcher sich das deutsche Volk befindet, da, wie uns die Geschichte lehrt, Antilsemiitisimius und Rassenhaß ausgesprochene Vteirfal'lsersoheinungen sind. Doch es wäre sicherlich zuviel verlangt, wollte man von einem Studenten der Tierheilkunde einen tieferen Einblick im die komplizierten Verhältnisse «dies menschlichen Seelenlebens fordern, eine klare Erkenntnis des weitgehenden Zusammenhanges zwischen dien Vorgängen in der Einzelseele und den sozialen Erscheinungn. Er wird das Urteil über diesie ungemein schwierigen Probleme wohl Berufeneren überlassen und vor allem zur Einsicht gelangen müssen, daß Weltan&cbauuingsfragen nie und nimmter durch öde Schiimpfworte und abgedroschene Phrasen, sondern kripts, wiederum von des Meisters eigener Hand geschrieben; wer aber diese folgenden Zeilen liest, wird ermessen können, welche Hoffnungen Wagner auf dieses Glück setzte, mit Herrn Meyerbeer näher bekannt zu sein. Die Niederschrift lautet: „Dienstag, 23. Juni. In dieser trüben, bangen Zeit fühle ich endlich recht lebhaft das Bedürfnis, mir ein ausführliches Tagebuch zu halten, und ich hoffe von der Aufzeichnung der mich am meisten bewältigenden Gemütszustände und der darin entstehenden Reflexionen dieselbe Labung für mein Wesen, wie Thränen dem gepreßten Gerzen es sind . . . Minna erinnerte mich, daß sie eben für Brot das letzte Geld würde wegschicken müssen, und so weiter.--Montag, den 29. Juni. Was den künftigen Monat werden soll, weiß ich nicht; habe ich bisher Angst gehabt, so faßt mich nun bald Verzweiflung und so weiter. — Dienstag, den 30. Juni—4. August. Nun ist es aus, das schöne Lied, Das Lied von meiner Jugend. Die ich geliebt, ist nun mein Weib, Ein Weib voll Güt' und Tugend. Archiv der Familie Wagner in Bayreuth, ohne daß diese es bisher weiteren Kreisen bekanntgegeben hätte. In der Mitte der Achtzigerjahre ungefähr ist dieses Originalmanuskript in Berlin durch das bekannte Antiquariat Liepmannsohn versteigert worden und in seinem damaligen Versteigerungskatalog veröffentlichte Liepmannsohn Auszüge daraus. Auf der Rückseite dieses Manuskripts von Wagners eigener Hand, das überschrieben ist „Paris 1840" und das tagebuchartige Aufzeichnungen enthält, befindet sich der Entwurf zu einem Briefe an den damaligen Intendanten der königlichen Hoftheater zu Berlin, Grafen Redern. Da heißt es unter anderem (es handelt sich um den „.Fliegenden Holländer"): „Nicht leugnen kann ich, daß, indem ich dieses Gesuch ausspreche, dieses mit der leicht begreiflichen Befangenheit geschieht, in welche mich der Umstand versetzt, daß Ew. Exzellenz mein Name sowie meine Fähigkeiten bis jetzt höchst wahrscheinlich noch völlig unbekannt sein werden. Um diesem Uebelstande einigermaßen abzuhelfen, hatte ich bereits in meinem früheren Schreiben mir die Freiheit genommen, Ew. Exzellenz auf die gütige Nachfrage bei Herrn Meyerbeer hinzuweisen, dem ich das Glück habe, näher bekannt zu sein." Von Wagners Lebensverhältnissen in Paris um 1840 erzählt die andere Seite dieses Manus- Ein gutes, tugendhaftes Weib Ist eine gute Gabe; Sie ist mir mehr als Zeitvertreib, Sie ist mir all meine Habe.