Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 27 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 27 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage Auch der Anschluß verludet?! In früheren Nummern berichteten wir wiederholt von der „Botschaft der Hermannssöhne, Ostern 1925" und von der Eingabe ihres Hauptmachers, eines Herrn Robert F. Eskau an sämtliche deutsche Staatsanwaltschaften, worin ein strafrechtliches Einschreiten gegen alle Rabbiner wegen der „Staatsfeindlichkeit der jüdischen Lehre" beantragt wird. Das Echo selbst in den völkischen Zeitungen ist ein für die „Hermannssöhne" recht betrübliches: Sie werden nur von einigen wenigen ultraradikalen Blättern ernst genommen, die übrigen schweigen. Nun versenden die ..Hermannssöhne" kostenlos Werbebriefe. Der Hermannsbrief Nr. 1 behandelt unter der Ueberschrift „Oesterreich und — der Erdenkrieg" die A n s c h 1 u ß f r a g e, die — hört, hört! - „jüdischerseits groß angeblasen wurde, weil dies ein „Riesengewinn für Wallstreet und das gesamte Judentum'1 sei, das jetzt „als Rasse" den geeinten „Weltfeind", das „germanisch-arische Volk konzentrisch vernichten könne." Es ist ein Skandal, wenn, solche Behauptungen innerhalb Deutschlands verbreitet werden dürfen, wo nur Frankreich Interesse an solchen Schmierereien haben kann. Man möchte den deutschen Außenminister, und die von den „Hermannssöhnen" bereits mobil geinachte Staatsanwaltschaft fragen, ob sie in einem solchen Treiben nicht Landesverrat erblicken. Daß der bekannte Hakenkreuzler Ehrhardt die Anschlußbewegung fördert, wird ihm als „einseitige Höflingspolitik im Interesse der Dynastien Habsburg und Wittelsbach" ausgelegt. Rom — ist das zweite Angriffsobjekt der „Hennannssöhne". Sie wollen scheinbar auch hierin die politischen Erben Hermanns des Cheruskers sein. Natürlich ist Rom der Spießgeselle beim ..Anblasen der Anschlußbewegung"! Denn — so heißt es im Hermannsbrief Nr. 1: „Durch den Anschluß Oesterreichs entsteht ein großer katholischer Süden und mag man noch so sehr die Augen vor der römischen Gefahr verschließen: der heute vorsichtig und verschwiegen geführte Kulturkampf wird dann lichterloh aufflammen und Formen annehmen, die uns an die schwärzeste Zeit der Religionskriege erinnern werden. Das zu hindern, wird den gerecht denkenden Teilen der deutschen Bevölkerung in Süd und Nord nicht möglich sein, denn Judenblätter und römische Blätter werden wetteifern in wildester Aufpeitschung der Volksseele." Vorläufig aber besorgen diese „wildeste Aufpeitschung der Volksseele" die „Hermannssöhne", die einen politisch, menschlich, sittlich und religiös verwerflichen Kampf in das deutsche Volk tragen mit ihrem Kampfruf: ..Gegen Juda und Rom!" Allerdings, daß die Streiter dieses Kampfes sich „Hermannssöhne" nennen, ist eine Beleidigung des Cheruskerfürsten; Arminius hatte den Kampf im offenen ehrlichen Kriege geführt mit ehrlichen Waffen, unter Einsatz von Leib und Leben, die „Hermannssöhne" aber? Henry Ford als Bankier. Unzählige Male haben die Völkischen behauptet, daß das Bankwesen eine jüdische Institution und das Zinsnehmen das Hauptwerkzeug der „jüdischen Ausbeutung sei"; das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei hat den „Kampf gegen die jüdische Zinsknechtschaft" als einen Hauptpunkt in ihr Programm aufgenommen. Nun ist die völkische Lehre neuerdings durch einen Hauptantisemiten mißachtet worden: der amerikanische Großindustrielle Henry Ford, dessen Werk — er hat es wenigstens unter seinem Namen in die Welt gehen lassen — „Der internationale Jude", von Th. Fritsch ins Deutsche übersetzt und von den Antisemiten massenweise verbreitet wurde, hat zwei eigene Bankfirmen, nämlich die Guardian Trust Co. of Detroit und die Guardian Detroit in Newyork gegründet; die Eröffnung weiterer Zweigstellen soll bevorstehen. — Daß wir diese Nachricht ausgerechnet dem „Volk. Beobachter", dem Münchener Kampfblatt der Nationalsozialisten, entnehmen können, ist uns eine besondere Freude; Abgeblitzt. Unter dieser Ueberschrift erzählt das Isr. Farn. BI. einen Briefwechsel zwischen einem Rezensenten und einem Verleger. Der Rezensent: Erbitte zur Besprechung in „Tannenberg" oder „Berliner Adelsblatt", eventuell auch in der „Deutschen Zeitung Chicago", Feuchtwanger, Leben Eduards II. Ist Verfasser jüdischer Abkunft? Ergebenst Kurd. v. Strantz. Der Verleger: Sehr geehrter Herr! In Beantwortung Ihrer Karte vom 15. Mai 1925 bezüglich Feuchtwanger: Leben Eduards II. bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, daß unser Verlag nicht die Gepflogenheit hat, von seinen Autoren Taufscheine zu verlangen. Hochachtungsvoll Gustav Kiepenheuer. Merkwürdige Interessenvertretung. Ein „Organ für jüdische Interessen", welches von der Zionistensektion für den VI. bis VIII. Bezirk herausgegeben wird und den Namett ,»D i e Brücke" führt, hat an Gastwirte und Hotelbesitzer In österreichischen Kurorten und Sommerfrischen ein sehr merkwürdiges Rundschreiben gerichtet, dem wir folgendes entnehmen: „Der Aufforderung zahlreicher Leser unseres Blattes entsprechend, werden wir ständig ein Verzeichnis jener Orte bringen, wo jüdische Gäste gerne gesehen sind, und ein Verzeichnis solcher Orte, wo sie unerwünscht sind. Wollen Sie uns gefl. postwendend mitteilet^ Iii welcher Rubrik Ihr Ort veröffentlicht werden soll. Sollten wir nicht innerhalb acht Tagen in den Besitz Ihrer w. Antwort gelangen, so nehmen wir an, daß dies eine stillschweigende Ablehnung jüdischer Gäste ist und werden Ihren Ort in dem zweiten Verzeichnis bringen." Auch wir haben immer den Standpunkt vertreten, daß Juden Orte meiden sollen, in welchen sie nicht gerne gesehen sind und veröffentlichen bereits seit Wochen zu diesem Zwecke fortlaufend die Namen jener wenigen Ortschaften, welche durch Gemeinderatsbeschluß oder auf andere Art sich öffentlich als ..judenrein" bekennen. Das Vorgehen der „Brücke" Jedoch halten wir —- gelinde gesagt — für geschmacklos und glauben nicht, daß dasselbe den „jüdischen Interessen" dienlich sein kann, welche genanntes zionistisches Parterblatt so stolz auf seine Fahne geschrieben hat. Ja, nicht einmal seinen engeren Parteigenossen „in den westlichen Bezirken" dürfte damit gedient sein, wenn auch jene Gastwirte und Hotelbesitzer in den österreichischen Alpenländern abgestoßen und verletzt werden^ die aUt erholungsb'Jlürftigen iStäditer ohne Unterschied der Konfessio1 gerne als Gäste begrüßen würden. Der Vollzugsausschuß des Tiroler Landesverkehrsrates hat in seiner Sitzung vom 8. d. M. — selbstverständlich — den Beschluß gefaßt, den. Tiroler Interessenten zu empfehlen, das Rundschreiben nicht zu beantworten. Da vermutlich auch aus anderen österreichischen Bundesländern ähnliche „Antworten" eingelangt sein dürften, bringt das „Organ für jüdische InteressenT zwar nicht die angekündigte Liste „judenfeindlicher" Sommerfrischen, sondern begnügt sich, im R e k 1 a m e t e i 1 ..iudenfreundliche" Kurorte und Sommerfrischen, Gastwirtschaften und Hotels anzuzeigen. Das Traurige an der Sache ist leider, daß es überall Antisemiten gibt, die förmlich darauf lauern. Taktlosigkeiten eines einzelnen Juden oder jüdischen Organs der ganzen Judenheit in die Schuhe zu schieben, wie dies im vorliegenden Falle ein Berliner Hetzblatt getan hat. Dies ist auch der Grund, warum wir es für notwendig hielten, uns gegen eine solche „Interessenvertretung" entschieden zur Wehr zu setzen. Ausschreitungen völkischer Studenten kl Stuttgart. Wüste Szenen haben am 3. Juli Tübinger Studenten wegen eines Vortrags des Pazifisten Dr. Oumbel aufgeführt. Dr. Gumbel, Privatdozent in Heidelberg, ist den deutschnationalen Studenten verhaßt wegen seines bekannten Buches „Vier Jahre M o r d". Schon am Tage vor dem Vortrag wurde Dr. Gumbel durch einen öffentlichen Anschlag für den Fall seines Auftretens bedroht. Als der Versammlungssaal geöffnet wurde, drangen Studenten vom ..Hochschulring deutscher Art" ein und machten jnit Trillerpfeifen einen derartigen Lärm, daß die Polizei die Versammlung schloß, obwohl die Ruhestörer von den anwesenden Reichsbannerleuten bereits an die Luft befördert worden waren. Die von der ..Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Studenten" einberufenen Versammlungsteilnehmer griffen dann auf den Rat des leitenden Polizeibeamten ein, um Dr. Gumbel die Gelegenheit zu geben, seinen Vortrag über „Deutschland und Frankreich" in geschlossener Versammlung zu halten. Aber kaum hatte Dr. Gumbel die Hälfte seiner Rede gehalten, als von den Studenten ein Bombardement auf die Fensterscheiben mit Steinen eröffnet wurde. Auch die aus dem Saale Flüchtenden wurden mit einem Steinhagel empfangen und es entwickelte sich eine Prügelei, die erst durch das Eingreifen einer Abteilung Tübinger Reichswehr und der Feuerwehr verhindert werden konnte. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Der Meineid. Zu den schwersten und gemeinsten Beschuldigungen, die die Antisemiten gegen das Judentum erheben, gehört der Vorwurf, daß es den Juden von seiten der Religion gestattet sei, falsche Eide zu schwören. Trotzdem nicht der geringste Anhaltspunkt für diese ebenso böswillige als haltlose Anschuldigung vorliegt — stellt doch das dritte und neunte Gebot ausdrücklich den Meineid als schwerere Sünde gi gen Gott hin — wird sie von den Judenfeinden immer und immer wieder aufs neue erhoben. Ein besonders lauter Rufer