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Die Wahrheit · 1925-07-10 · Heft 27 (10.7.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 27 (10.7.1925)
Date
1925-07-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 27 im Streite gegen die Juden war stets der in München erscheinende „Völkische Kurier", ein antisemitisches Hetzblatt ärgster Sorte, welches als Organ Adolf Hitlers selbst die übrigen Antisemitenblätter wie z. B. den „Miesbacher Anzeiger" weit überflügelt hatte. Der „Völkische Kurier" wurde nicht müde, obige Beschuldigung gegen das Judentum im allgemeinen und die Juden im einzelnen zu erheben. Nunmehr erfahren wir, daß der frühere Geschäftsführer genannter Zeitung, Ehrenberger, wegen Meineides zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verur teilt wurde. Und dies kam so: Anläßlich eines 'Ehrenbeleidigungsprozesses bestritt Ehrenberger unter Eid, ein gegen Hitler gerichtetes Flugblatt verfaßt zu haben. Nachdem ihm nunmehr nachgewiesen werden konnte, daß er tatsächlich (offenbar zu einer Zeit, wo er noch im Dienste Hitlers, bzw. des „Völkischen Kuriers" gestanden war) insgeheim gegen seinen damaligen Chef konspiriert hatte (fürwahr ein wackerer deutscher Mann!) und er somit der falschen Zeugenaussage überführt wurde, verurteilte ihn das Schwurgericht wegen dieses und noch eines anderen Meineides zu dieser schweren Zuchthausstrafe. Wir können daher dem „Michel" (vom 5. Heuert), so wenig wir auch sonst mit der Tendenz dieses völkischen Blattes einverstanden sind, vollkommen beipflichten, wenn er in seiner Rubrik „Geistige Hiebe zum Denken und Deuten" auch folgenden „Hieb" austeilt: ..Hoch über allem Wissen der Wahrheit steht die Wahrhaftigkeit, das heißt der Wille und die Fähigkeit, wahr zu sein und die Wahrheit zu praktischer Geltung; zu bringen." (E. Dühring, „Sache, Leben und Feinde".) Wir wünschen, daß dieser Hieb sein Ziel nicht verfehlen möge! Zum „Denken und Deuten" aber geben derlei Geschehnisse wahrlich Anlaß! Aus den Erinnerungen eines Achtzigjährigen. In der amerikanischen Monatsschrift „The Atlantic Monthly" finden sich die Erinnerungen eines 80jährigen Mannes, welche zeigen, in welchem Ausmaße sich das Weltbild innerhalb einer relativ kurzen Spanne Zeit geändert hat. Der alte Mann berichtet unter anderem folgende Erinnerungen aus seinem Leben: „Ich habe," so sagt er, „gesehen: Die europäische Revolution des Jahres 1848; Frankreich, wie es aus einer Republik zu einem Kaiserreich wurde und dann die Kommune durchmachte, um wieder eine Republik zu werden; den Aufstieg und den Sturz Preußens: ein geeinigtes Italien; die Geburt eines neuen Deutschland und eines neuen Rußland; England, das aus den vereinigten Königreichen Großbritannien und Irland unter Disraeli zu einem Imperium wurde; die Befreiung der russischen Leibeigenen; die Emanzipation der Juden; das Ende der Negersklaverei in Amerika; das Frauenstimmrecht; den Bau der großen Eisenbahnen; die Entdeckung des Erdöls; Motore, Automobile und Luftschiffe, das Ueberseekabel; Kochs Lehre vom Bazillus; Röntgenstrahlen, Radium, Schutzimpfung und Anästhisierungsmethoden in der Medizin; den Weg vom Ochsen vor dem Pflug zum Traktor; angewandte Elektrizität; den Darwinismus mit den daraus folgenden Denkrevolutionen und die Einsteinsche Relativitätstheorie; ein neues ständig wachsendes Gefühl für die Friedensfrage und die Erziehung zum Internationalismus." Die evangelische Kirche und die völkische Bewegung. Daß der Kampf gegen Judentum und Altes Testament, den die Deutsehvölkischen alier Schattierungen auf ihre Fahnen geschrieben haben, schließlich auch das Christentum selbst, das ja auf dem Judentum aufgebaut ist, in eine schwere Krise bringen müßte, Ixaben wir oft in unserem Blatte betont und die Folgen vorausgesagt, welche ein wüster Rassenantisemitismus für die christliche Religion nach sich ziehen muß. Denn abgesehen davon, daß, jeglicher Menschenhaß den Lehren des Christentums direkt ins Gesicht schlagen würde, wäre er umso verwerflicher gegenüber jenem Volke, aus dessen Mitte der Stifter dieser Religion nach der Ueberlieferung der Evangelien hervorgegangen ist. Spät, sehr spät sind die Vertreter der evangelischen Kirche zu der Erkenntnis der bösen Folgen des Antisemitismus in ethischer und religiöser Beziehung gekommen, nachdem bereits hervorragende katholische Theologen den Antisemitismus vom Standpunkte des Christentums entschieden abgelehnt haben.' Immerhin zeigt die Rede, welche Professor Hickmann, M. d. L., Leipzig, auf der Tagung des Volkskirchlichen Laienbundes in Leipzig gehalten hat, deutlich, daß sich auch die evangelische Kirche der Gefahren, die ihr durch die antisemitische Bewegung drohen, bewußt wird. Der Rede, welche das Thema: „Die evangelische Kirche in den Geistesströmungen der Gegenwart" behandelt, entnehmen wir folgende bemerkenswerte Stellen: „Die Kirche muß sich für den Freiheitskampf der deutschen Seele verantwortlich wissen und verhüten, daß die Kämpfer für diesen Freiheitskampf in die Barbarei des Rassenhasses und des. Rass c n s t o'l z e s verfallen. Mit den Kräften sittlichen Lebens muß die Kirche den Kampf durchdringen. Der Feind ist für die evangelische Kirche nicht der persönliche Jude, nicht eine Rasse als solche. So hat die Kirche die innere Erneuerung des deutschen Volkstums als ihre eigene Sache zu erkennen und der völkischen Selbstbesinnung Ziel und Wege zu weisen. Im Mittelpunkte bleibt doch das religiöse Problem. Es gibt kein Volk, dessen Seele nicht die Religion wäre. Der völkische Anspruch auf Seelengemeinschaft zwischen Christentum und Germanentum widerspricht der geschichtlichen Grundlage des Christentums, dem eigenartig christlichen Lebensideal und dem christlichen Menschheitsgedanken. Ein weiter Kreis der völkischen Bewegung beschränkt den Angriff auf das Alte Testament und läßt im übrigen das Christentum bestehen, weil man vorgibt, es sei arischer Natur. Aber keine geschichtliche Fälschung reißt das Christentum vom Alten Testament und Jesus vom Israelitischen Volke los. Mit dem Alten Testament stürzt auch die Religion des Neuen Testaments zusammen. Der Kirche erwächst die Pflicht, das Verständnis ihrer Geschichte energisch anzubahnen. Die Absage an die geschichtliche Grundlage der Religion ist nur durch unzureichende Geschichtsbildung zu verstehen." Schöne Worte. Vor kurzem weilte der rumänische Kronprinz in Czernowitz. Er wurde von Abordnungen der Stadt und des Landes, darunter auch jüdischen, begrüßt. Im Rahmen einer Huldigung der Vereinigungen für Kultur und Sport hielten der Präsident des Turnvereines „Makkabi" und der Vorsitzende des hebräischen Kulturvereines „Safah Ibriah" Ansprachen an den Thronfolger. Der Thronfolger erwiderte u. a.: „Nach der Durchführung der Vereinigung des ganzen Landes ist es Pflicht aller Kulturfaktoren, uns mit den Bewohnern der anderen Sprache und des anderen Glaubens in ein gutes Einvernehmen zu bringen und die Seelenvereinigung des ganzen Reiches herbeizuführen. Ich bin hierhergekommen, nicht um Huldigungen entgegegenzunchmen, sondern um an Sie zu appellieren: Helfen Sie mir bei meinem Werke!" Judenreine Sommerfrischen. In Kötschach im Gai 11a 1 e, Kärnten, sind „Nichtarier unerwünscht", wie aus einem Stempel auf einem Briefe hervorgeht, den ein dortiger Gasthofbesitzer an eine — christliche Wiener Dame auf ihre Anfrage bezüglich einer Sommerwohnung gerichtet hat. Auf Grund unserer Informationen können wir aber auch allen Ariern den Aufenthalt in diesem jeglichen Komforts entbehrenden Nest nicht empfehlen. Jephtas Tochter! Auf blumiger Wiese im Frühlingslicht, Da ruht sie mit leuchtendem Angesicht. „Wie bin ich jung und sehnsuchtdurchglüht, Es lockt das Leben, von Rosen umblüht. Und kehret der Vater aus feindlichem Land, Dann schmückt man mich bald mit dem Hochzeitsgewand." . Und überwältigt vom winkenden Glück Sinkt sie in bräutliche Träume zurück. Durch die Bäume aber streicht seufzend der Wind, Als weint eine Mutter und schluchzt um ihr Kind. Und klagt: bei des Frühlings Wiederkehr Die schönste Blume, sie blüht dann nicht mehr. Beate Baumgarten.

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