Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 27 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sei te 8 DIE WAHRHEIT Nr. 26 lesen wir unter anderem: „Ich habe immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt.. Was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Neid, auf die schändlichsten Instinkte. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz, ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Untersclüed: Canaille bleibt Canaille und der Antisemitisinus ist die Gesinnung der Canaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert." So charakterisiert Mommsen den Antisemitismus. Hierzu wäre vielleicht nur eines zu bemerken: Vor den Augen des großen Geschichtsschreibers des alten Rom entstanden die längst entschwundenen Jahrhunderte, wie wenn sie neues Leben gewonnen hätten. Sollte er nicht mit dem richtigen Blick die Menschen seiner Zeit erfaßt und begriffen haben? Die Juden können es sich gesagt sein lassen, daß das Judentum in der alten Welt ein „Ferment der nationalen Dekomposition" gewesen; mögen dafür die Antisemiten aus dem Spiegel, den ihnen Mommsen vorhielt, erkennen, was sie in der Gegenwart sind. Die Hoffnung, der der große Historiker vor nur dreißig Jahren Ausdruck verliehen, daß die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes in Oesterreich wie in Deutschland sich von selber aufraffen und den faulen Stoff aus sich werfen werde, hat sich bisher nicht erfüllt. Der Wahn, der, wie einer der besten Deutschen klagte, die ganze deutsche Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen, ist nicht geschwunden, sondern erfaßt in der Tat gleich einer Epidemie immer noch weitere Kreise. Vorläufig liefern die Antisemiten immer nur noch reichlichere Belege für die Behauptung Mominsens, daß „wer Gründien und Argumenten zugänglich ist, ja überhaupt gar kein Antisemit sein kann". Wäre es anders, dann hätten die antisemitischen Hetzblätter und Hetzredner längst aufgehört mit der frechen Lüge, die Juden allein seien es, die in Ungarn schuld an dem blutigen roten Terror und in Rußland an den Greueln des Bolschewismus gewesen, um die besten Geschäfte zu machen. Abgesehen von den unwiderleglichen Beweisen, daß die überwiegende Mehrzahl der blutrünstigen Terroristen aus Nichtjuden sich rekrutierte, ist es festgestellt, daß in Ungarn wie in Rußland zahllose Juden Opfer der Schreckensherrschaft waren. Aber was hilft das? Die Lüge, die Juden sind an allem schuld, wird weiter mit glänzendem Erfolg fruktifiziert. * * # Ein völkischer Literarhistoriker, der sich mit Stolz einen Jünger Bartels nennt, will in einer jüngst erschienenen umfangreichen Arbeit den Beweis erbringen, daß die Juden kein Verständnis für Gottfried Keller haben können. Soll man gegenüber dieser überwältigend komischen Behauptung daran erinnern, daß zum Beispiel gerade Berthold Auerbach es gewesen, der als einer der ersten auf die große Bedeutung Kellers hingewiesen hat? Dieser „völkische" Kritiker ist auf dem besten Weg, die Glanzleistung seines Meisters Bartels zu übertreffen, der vor vielen Jahren, in der Meinung, Hermann Bahr sei ein Jude, aus dessen Schriften nachwies, so könne nur der typische Vertreter des jüdischen Geistes schreiben. * * * Einen weitaus weniger heiteren Eindruck läßt die Lektüre einer schwunghaft kolportierten antisemitischen Broschüre zurück, in der die Juden samt und sonders als „Schweine in Menschengestalt" bezeichnet werden. Man darf ruhig behaupten, daß der „Autor" dieses geistigen Exkrementes von allen Menschen ohne Unterschied der Konfession, die sich auch nur des primitivsten Reiiüichkeitsgefühles erfreuen, gemieden werden sollte. Es ist aber dafür gesorgt, daß der Mann doch nicht ganz vereinsamt leben müßte, vielmehr, dank seinem bürgerlichen Berufe, den für ihn passenden Verkehr finden würde. Er studiert nännich, wie aus dem Titelblatte der Broschüre ersichtlich ist, die Tierheilkunde. Darf ein deutscher Hochschullehrer, unter dem Eindrucke des großen Weltkrieges stehend, dem fünfzehn Millionen blühende Menschenleben zum Opfer gefallen, sich als Pazifist bekennen? Die Tübinger „völkischen" Universitätshörer haben diese frage mit einem kräftigen, durch treffende Steinwürfe unterstützten Nein beantwortet. Sie haben es dem Dr. Gumbel, der ein Buch unter dem Titel „Vier Jahre Mord" veröffentlichte, nicht nur unmöglich gemacht, einen öffentlichen Vortrag zu halten, sondern haben auch eine geschlossene Versammlung, in der er sprechen sollte, gesprengt. Ob die pazifistisch gesinnten Hörer, die samt dem Vortragenden in die Flucht gejagt wurden, dürch diese Argumentierung von der Heilsbotschaft des Krieges überzeugt wurden, ist nicht wahrscheinlich. Aber Professor Gumbel wird sich wohl die Lektion, die ihm die Studenten vom „Hochschulring deutscher Art" erteilten, merken. Diese „völkischen" Studenten, die in bewunderungswürdigem Idealismus selbst auf das eigene Studieren verzichten, um1 die Erziehung ihrer Lehrer zu vollenden, werden ihr hehres Ziel erreichen. Der Oberleutnant Hugo Lederer simuliert Wahnsinn. Er war lange Zeit einer der besten Offiziere Horthys, bis er das Malheur hatte, wegen eines kleinen Raubmordes verurteilt zu werden, nachdem er früher das Glück hatte, wegen seiner Massenmorde „in patriotischem Ueberschwang" ungestraft zu bleiben. Der Wahnsinn des Oberleutnants Lederer ist übrigens keine Originalleistung, nur eine Kopie. Auch Marffy hatte eine Zeitlang Wahnsinn simuliert, bis er so vernünftig wurde, sich zu sagen, daß er das vielleicht gar nicht nötig habe. Vielleicht geschieht aber den paar gefährdeten Rassenschützlern Unrecht, wenn man ihnen den Wahnsinn nicht glaubt. Man kann vielleicht sogar zugeben, daß die Erwachenden überhaupt vom — Verfolgungswahn ergriffen sind. Nur sind zumeist nicht sie es, die darunter leiden, sondern die — Juden. Ego.