Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 26 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 26 Unter dem Einflüsse von Ideen, welche wir hier nicht zu beurteilen haben, hat das hebräische Schulwesen in vielen Schulen des heiligen Landes einen rein formal-pädagogischen Charatker angenommen, welcher dem religiösen Geiste hohnspricht und alle jene sehr betrübt, welche das Hebräische als eine heilige Sprache betrachten? in vielen Schulen ist der Religionsunterricht vollständig vom Lehrplane gestrichen. Auf diese Weise kommt''das paradoxe Ergebnis zustande, daß ein Mjähriger Schüler, welcher eine solche Schule besucht hat, zwar das Hebräische in Wort und Schrift vollkommen beherrscht, nicht aber die Gebete kennt, geschweige denn selbst betet, wie es unsere Vorfahren in guten und bösen Tagen gewohnt waren; oft werden die Schüler ganz in atheistischem Sinne herangebildet. Die Alliance hat immer die Schule als das vornehmste Mittel zur moralischen und intellektuellen Erziehung angesehen und niemals von den profanen Gegenständen, welche in französischer, englischer oder hebräischer Sprache gelehrt werden können: die religiöse Erziehung getrennt, sondern die Kultur des sittlich-religiösen Empfindens, die Anhänglichkeit an die göttlichen Gebote und die Verehrung für die heilige Ueberlieferung als eine! wesentliche Grundlage der Erziehung betrachtet. In einem Lande, in welchem die Religion eine solche Rolle' spielt wie in Palästina, würden wir unserer Meinung nach eine unserer bedeutendsten Verpflichtungen vernachlässigen, wenn wir nicht versuchen würden, im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Mittel jene rationalistischen Bestrebungen zu bekämpfen, welche wahre Verheerungen im Herzen der Jugend angerichtet haben. Sie kennen selbst zu gut den Geist, welcher das Zentral-Komitea beseelt, als daß wir uns gegen die Beschuldigung zu rechtfertigen hätten, daß wir in den religiösen Auseinandersetzungen innerhalb des Judentums Partei ergreifen wollten. Dem Centrai-Komitee handelt es sich lediglich darum, daß seine Zöglinge den hohen moralischen Wert der mosaischen Religion schätzen lernen und die religiösen Gefühle1 im Herzen der jüdischen Jugend befestigt werden. Dies sind die Gründe, warum wir es für notwendig erachten, daß folgende Einrichtungen in allen unseren Schulen zur genauesten Durchführung gelangen: 1. In der Früh hat der Lehrer durch einen Schüler das Gebet Ata honem laadam daat usw. vorbeten zu lassen. Die Berufung hierzu soll für die Schüler eine Auszeichnung darstellen. Nach dem Essen sollen die Zöglinge, welche an der gemeinsamen Mahlzeit teilnehmen, das Gebet birkat jiamazon sprechen. 2. Abends nach Beendigung des Unterrichtes haben sich die Schüler zu vereinigen, um gemeinsam das Minchagebet zu beten. 3. Freitag abends und Samstag vormittags soll sowohl für die internen als auch für die externen Schüler ein feierlicher Gottesdienst abgehalten werden, wie dies übrigens bereits in einigen unserer Schulen der Fall ist 4. In den den jüdischen Festen vorausgehenden Unterrichtsstunden hat der Lehrer ,die diesbezüglichen Stellen aus der heiligen Schrift vorzulesen und den Schülern eingehend zu erklären. Wir wissen, daß diese Einrichtungen bereits in einigen unserer Schulen ganz oder teilweise gehandhabt werden, doch wünschen wir. daß dieselben in allen* von der Alliance Israelite Universelle unterhaltenen Schulen ausnahmslos zur Durchführung gelangen. I. Bigart, Le Secretaire de l'Alliance Israelite Universelle. Unseren Antisemiten zur Richtschnur. Dieser Tage erschien in Lemberg eine Broschüre in polnischer Sprache, die sowohl wegen ihres Inhaltes und mehr wegen ihres Autors viel besprochen wird. Die Schrift führt den Titel: „Der Numerus clausus und seine prinzipielle Bedeutung" und hat den Professor der Lemberger Universität Dr. Richard Gonszyniec zum Verfasser. Der Verfasser wirft zunächst die Frage auf: „Was ist eigentlich der Numerus clausus und was soll mit ihm bezweckt werden?" Hiermit rückt er der Frage an den Leib und gibt die Entschlossenheit kund, eine Verschleierung der Ziele, die mit dieser Freiheitbeschränkung angestrebt werden, nicht zuzulassen. „Numerus clausus" lautet die Antwort, „ist die schamhafte Benennung einer Sache, die beim richtigen Namen zu nennen, ihren Erfindern und Propagatoren der Mut fehlt Es handelt sich klipp und klar um einen »Numerus clausus judaeorum', um eine Begrenzung der Zahl der jüdischen Hochschüler." Es handelt sich bloß um die Juden, diese Begrenzung ist nur gegen sie ersonnen worden 'und wird nur gegen sie angewendet. Die Gründe für die Einführung des Numerus clausus sind zweifache: ein innerpolitischer und ein außenpolitischer. Es wird zur Rechtfertigung des Numerus clausus der Platzmangel an Hochschulen angeführt. Die Universitäten haben — so wird verkündet — nicht genügenden Raum, um alle, die aufgenommen werden möchten, aufzunehmen. Der Wert dieser Begründung ist jedoch ein sehr zweifelhafter. Ist wirklich zu wenig Platz vorhanden, so gibt es zweierlei Mittel, diesem Ueberstand zu steuern. Entweder man vermehrt durch Errichtung neuer Hochschulen die Zahl der Plätze oder man führt Privilegien nach Maßgabe der Reife und der Fähigkeiten der um Aufnahme werbenden Studenten ein. Aber dieser Grund ist nichts anderes als ein Vorwand, zum Export ins Ausland bestimmt. Der wirkliche Beweggrund ist ein ganz anderer: man will die Juden an den Universitäten nicht dulden. Das müsse offen eingestanden werden. So gelangt der Autor zum Kern der Frage, zum Antisemitismus, den er bedingungslos ablehnt. Der Antisemitismus werde gewöhnlich mit Rassenhaß begründet. Wer wage es aber, ehrlich zu behaupten und daran zu glauben, daß die jüdische Rasse auf niedrigerer Stufe stehe und eine verbrecherisch veranlagte Rasse sei? Eine solche Behauptung treffe doch vor allem das Christentum. Die festesten Säulen des Christentums stammen von Juden ab, und das Christentum selbst war in seinen Anfängen eine jüdische Sekte. Da seien die deutschen Antisemiten neuester Richtung doch konsequenter, indem sie das Ideal der „arischen Reinheit" verkünden, gleichzeitig eine Abkehr vom „jüdischen Christentum" und Rückkehr zum „rein arischen Götterdienst" propagieren. Abgesehen hiervon sei die semitische Rassenreinheit der Juden infolge ihrer Vermischung mit anderen Rassen^ im Laufe der Geschichte problematisch. Auch die anderen Argumente des Antisemitismus, die Blutlüge, das Schlagwort vom „Staat im Staate", diei Losungen für den wirtschaftlichen Boykott und dergleichen mehr werden von Prof. Gonszyniec unter die kritische Lupe genommen. Diese kritische! Beleuchtung führt zu dem Schluß, daß der Antisemitismus dem Lande Polen selbst in jeder Beziehung nur schädlich sein könne. Mit Entrüstung weist Prof. Gonszyniec jene Richtung im Antisemitismus, die die Juden durch Repressalien und Begrenzungen zur Taufe zwingen möchte, zurück. Was haben wir Polen von der Taufbewegung? fragt der Verfasser. War der Jude1 vor der Taufe ein anständiger Mensch, so wird ihn die Taufe, wenn nicht schlechter, so doch auch nicht besser machen. War er aber als Jude gegen die Polen ein Hautschinder, so wird er als getaufter Jude die Haut doppelt schinden. Ein gutes Geschäft macht hierbei bloß der Täufling, der seine Taufe mit Hilfe seiner „völkischen" guten Freunde bald in Geld umsetzt. Die polnischen Antisemiten verkünden die Forderung: „Entweder muß der Jude sich taufen lassen oder er wird aus dem Lande gejagt." „Es hat schon einmal", sagt Prof. Gonszyniec, ein Land gegeben, das dieses Rezept angewendet hat. Das war Spanien. Und was war das Resultat dieser Kur? Spanien' ist heute arm und elend. In diesem klerikalen Lande wird auf die hungrige Gesellschaft geschossen; das Land führt Krieg, weil der König an den Geschäften von Schiffsgesellschaften beteiligt ist, und die Bevölkerung wird nur durch eine terroristische Diktatur niedergehalten. So sieht das von den polnischen Chauvinisten und Klerikalen gerühmte Paradies aus." Die Kölner Jahrtausend-Ausstellung. Am 16. Ma; wurde in der großen Halle im Rheinpark zu Köln-Deutz die Jahrtausend-Ausstellung durch einen Festakt eröffnet. Die in den Räumen 36, 37 und 38 untergebrachte Abteilung „Juden und Judentum" fand bei der ersten Führung durch Rabbiner Doktor Kober die ungeteilte Anerkennung der Ehrengäste mit dem Reichskanzler an der Spitze, sowie der Vertreter von Kunst und Wissenschaft. Die Abteilung „Juden und Judentum" ist von den historischen jüdischen Gemeinden des Rheinlandes beschickt und gibt in Dokumenten1 und Urkunden, in Schriftwerken und Abbildungen, besonders aber in Gegenständen des Kultus und religiösen Gebrauches ein Bild der geschichtlichen und geistigen Entwicklung des rheinischen Judentums im Verlaufe eines Jahrtausends. Bei dem Festessen im Gürzenichsaal aus Anlaß der Ausstellungseröffnung, dem neben den in der Verwaltung, Handel, Wissenschaft und Gesellschaft führenden Persönlichkeiten des Rheinlandes der Reichskanzler, der preußische, bayerische, badische und hessische Ministerpräsident sowie eine Anzahl anderer Minister beiwohnten, hielt Oberbürgermeister Adenauer eine Ansprache, die als einen ihrer markantesten Sätze den Hinweis enthielt: „Diese Ausstellung ist das Werk aller Stände, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und ebenso aller Bekenntnisse, der Katholiken, Protestanten und Juden." Die Synagogengemeinde Köln war bei den Festveranstaltungen durch die beiden Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal und Dr. Kober. sowie den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Emil B1 u m e n a u, vertreten.