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Die Wahrheit · 1925-07-03 · Heft 26 (3.7.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 26 (3.7.1925)
Date
1925-07-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr, 26 DIE WAHRHEIT Seite & Der Müller und sein Kind. Der „Mülle r" ist der Schriftleiter der „Deutschen Arbeiter-Presse" und das Kind demnach — sit venia in verbo — ein Geistes(!)-kind, nämlich der etwas schwächlich ausgefallene Leitartikel der genannten Zeitung vom 27. Brachmond, für welchen als Verfasser obiger Müller zeichnet. Die zarte Konstitution genannten Kindes ist weiter nicht verwunderlich, nachdem es statt zur Zeit des Zionistenkongresses bereits jetzt, also zwei Monate zu früh, das Licht der Welt erblickt hat. Bei näherer Betrachtung zeigt es sich auch, daß es mit der Rassenreinheit des Kindes nicht weit her ist. Auf der Stirne trägt es zwei Davidsterne und in seinem Innern spaltenlange Zitate aus der „Wahrheit". Kann also der Verfasser auf sein Geistesprodukt nicht sonderlich stolz sein, so glauben wir, uns es immerhin zur Ehre anzurechnen, daß wir so ausführlich in genanntem Blatte gedruckt stehen. Wie in dem Volksstücke „Der Müller und sein Kind", so kommen auch in obigem Artikel unheimliche Gespenster vor. Einerseits sollen die arischen Wiener das Gruseln lernen, weshalb das furchtbare Gespenst jüdischer Weltherrschaftspläne zwischen den Zeilen herumspukt Anderseits aber will der Verfasser den Teilnehmern am Zionistenkongreß panischen Schrecken einjagen, weshalb er sich in Prophezeihungen und Drohungen ergeht. „Wenn es nur kein Unglück gibt!", ruft der Geisterseher aus. Das Unglück ist bereits geschehen. Die „D. A. P." hat vollkommen den Kopf verloren. Sie sieht den deutschen Charakter Wiens auf das schwerste bedroht, wenn einige tausend Menschen hier zusammentreten, um über den Wiederaufbau eines seit Jahrtausenden verödeten Landes im fernen Osten zu beraten. Ebensowenig wie etwa durch Abhaltung eines Esperanto-Weltkongresses das Deutschtum in Wien gefährdet werden könnte, wird dies durch die Abhaltung dieses' Kongresses auch nur im geringsten beeinträchtigt werden. Der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit wäre ein beschämendes Armutszeugnis, das sich die sonst so kühnen Recken selbst ausstellen würden. Kein vernünftisrer Mensch wird sich durch die gruseligen Geschichten des antisemitischen Geisterbeschwörers schrecken lassen und wir wollen es ganz den Lesern der „D. A. P." überlassen, sich vor den selbst erfundenen Gespenster zu fürchten. Das Hakenkreuz In den Bergen. Zti 'einer bemerkenswerten Debatte ist es kürzlich im Wiener Gemeinderat gekommen, als von Seiten der Gemeinderatsmehrheit der Antrag gestellt wurde, dem Touristenverein ..Die Naturfreunde" eine Subvention von 10.000 Schilling zu widmen. Als nämlich der Christlichsoziale Wawerka bemängelte, daß der Touristenkliib und! der Alpenverein leer ausgehen, erwiderte der sozialdemokratische Gemeinderat Hieß: Diejenigen Tnnristenvereine. welche den Ariernarasrranhen eingeführt haben und andere nach den Schönheiten der Natur sirn sehnendp Menschen von dpr Benützung der Schutzhütten aussehließen, können nicht darauf rechnen, von Seiten dpr Gemeinde unterstütz 7u werden. Die Schutzhütten dieser Vereine sind mit dem Hakenkreuz ceschmückt. es werden in diesen Hütten offiziell Ansichtskarten mit dem Hakenkreuz verkauft unrt es wird strenge darauf geachtet.-^aß die OpmemnV nicht ans den allgemeinen Steuergeldern solche Vereine subventionieren kann. Schließlich wurde der Antrag der Gemeinderatsmehrheit auf Subventionierim? des Touristrn- •uprpines ..Die Naturfreunde" mit dem Betrage vnn 10.000 Schilling mit allein eeeen die Stimmen der Christlichsozialen zum Beschlüsse erhoben. Dieser Beschluß de« Gemeinderates cpbeint uns die einzig richtic* Antwort auf das Treihen der HaVenkrsu^ler in gewissen Alnenvereinen zu sein. Die Anmaßung, die darin liegt, die Schönheiten unserer Berg<\ d«e Oott für alle Mensrhen creschaffen hat. nur für reinrassige Arier mit Reschlag belegen vn wollen, hat nunmehr eine gebührende 7nrückweisiine erfahren. Wa« rTerrn Rose«her«r nicht recht 'st. Tn ihrer Nummer vom L'Mai hat die ..Wahrheit" da«; im Rahmen eines Radiokon?ert<»s vom Cellnvirtunsen Prof Julius S u 1 7 e r in meisterfipf+pr Weise zum Vortrag gebrachte, selbstkomnoniprt^ V o 1 - N i d r e einer kurzen Besr»reoh.unf untpr^nsren. Herr A'fred Rodenberg, der verantwortliche Schriftleiter Hpr i> München prsebeinenden *antisemit,i«:cherf Monatsschrift ..Der Weltkamnf". scheint nun tatsächlich ^puie andpren Sorten zu haben, als ob das Programm dpr Wiener Radiostation nur genügende Rassenreinbe't aufweist. Er bringt bei dieser passenden Gelegenheit das alte, bereits oft widerlegte Märchen, daß dieses Gebet die Juden der geleisteten Eide entbinde, als oh es möglich wäre, daß die Liturgie, selbst wenn sie wollte — was aber gar nicht der Fall ist — den Dekalog aufheben könnte. Was aber die Melodie des Kol-Nidre als solche betrifft, dürfte Herrn Rosenberg bekannt sein, daß die ergreifenden Weisen dieses Gebetes, besonders in ihrer meisterhaften Vertonung von Bruch, auch niehtjüdische Herzen stets tief bewegt haben und zum dauernden Besitz der Musikliteratur gehören. Der Freund' Ludendorffs. Seit einigen Wochen erscheint im „World" 'eine Artikelserie aus der Feder des bekannten Hochstaplers Ignatius Trebitsch-Lincoln. Trebitsch-Lincoln war eine Zeitlang Mitglied des englischen Unterhauses, später einer der Organisatoren des Berliner Kapp-Putsches. werktätiges Mitglied einer ganzen Reihe von monarchistischen Verschwörungen, und wird auch beschuldigt, an der Ermordung Matteottis teilgenommen zu haben. Nun stellt er sich im „World' 'als Ratgeber Wu-Pei-Fus und als Organisator der fremden-, namentlich englandfeindlichen Propaganda in China vor. Im ersten- Artikel erzählt er seine Karriere. Er entstamme einer armen jüdischen Familie aus Paks in Ungarn und hieß ursprünglich Isaak Schlesinger. Er ging seinen Eltern nach London durchi wo er sich taufen ließ. Später studierte er in Deutschland Theologie, dann kam er nach Kanada, wo er zum Geistlichen gewählt wurde, und schließlich nach England. Während des Krieges gehörte er der englischen Zensurbehörde an. Hier erfuhr er Kriegsgeheimnisse, die er dann den Deutschen verkaufte. Aber auch die Deutschen verriet er an die Engländer. Als ihm der Boden in England zu heiß wurde, flüchtete er nach Amerika. Inzwischen kam man in England seinen Wechselfälschungen auf die Snur. Er wurde in New- York ausgeforscht, verhaftet und art England ausgeliefert, wo er zu drei Jahren verurteilt wurde. Trebitsch lebt jetzt unter dem Namen Chee Lan in Chungking und behauptet, der politische Ratgeber der Aufständischen zu sein. In Chungking habe er den Berichterstatter des ..World" kennen gelernt, dem er sich verpflichtete, fünf Artikel über seine Schicksale zu schreiben. Weiße Rahen. Bei einer in der Vorwoche stattgehabten Versammlung1 der „Kaisertreuen Volkspartei" hielt Altgraf Erich Salm eine längere Rede, in welcher er sich unter anderem mit der Judenfrage beschäftigte und gegen den Antisemitismus mit heftigen Worten Stellung nahm. Er erklärte, daß er unter den Juden verhältnismäßig nicht weniger anständige Leute und nicht mehr Falloten gefunden habe, als unter den Christen. Die Degeneration der Juden zu verhöhnen sei eine Dummheit, da diese die Folge einer zwei Jahrtausende .langen namenlosen Verfolgung und Bedrückung sei. Ja, es sei preradezu das Zeichen einer großartigen Vitalität und ungeheuren Lebensenergie, daß all die unerhörten Verfolgungen. welche5 die Juden zu erleiden hatten^ nur einen geringen Teil der Juden zu degenerieren vermochte. Sodann wetterte Graf Salm gegen die Hakenkreuzler, ,die vom Krieg nur die Trommel kennen, und da nur die Maultrommel" und beendete seine Rede mit einem Zitat aus der Bibel. Nach ihm sprach Graf Adalbert Sternberg, welcher sich in ähnlichem1 Sinn über die .Judenfrage äußerte und am Schlüsse seiner Ausführungen die Anwesenden auffordert, nicht gegen die Juden und Sozialdemokraten, sondern gegen die Korruption in jeder Form zu kämpfen. Es ist gewiß erfreulich, aus dem Munde zweier so bekannter Wiener Aristokraten wie Graf Erich Salm, Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ, und Graf Adalbert Sternberg solch scharfe Worte gegen den Antisemitismus zu hören, da wir mit anerkennenden Worten au» den Kreisen der Hoch iristokratie bisher wahrlich nicht allzu verwöhnt worden sind. Allerdings mischt sich auch ein etwas bitteres Gefühl in diese Freude bei dem Gedanken, daß Lob und Tadel, das man uns Juden spendet, oft nicht Selbstzweck, sondern ein Politikum ist. Diesmal jedoch wollen wir unsere Freude nicht durch solch kritische Gedanken trüben lassen und, trotzdem die wiedergegebenen Aeußerungen in einer politischen Versammlung gefallen sind, annehmen, daß die freundlichen Worte ohne irgendeinen politischen Hintergedanken gesprochen wurden und! so gemeint sind, wie sie gesagt wurden. Hierfür ist uns der ehrliche und offene Charakter der beiden Redner die beste Bürgschaft. Ein Rundschreiben der AHiance Israefite. Das Zentralkomitee der „AHiance Israelite Universelle" in Paris sandte an die Direktoren der AHiance - Schulen in Palästina ein Rundschreiben, dem wir folgendes entnehmen:

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