Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 26 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 26 und nach Polen hineingedrängten Juden zur Russifizierung Polens bediente, später auch die wirtschaftlichen Maßregeln der russischen Regierung verschärften den Antagonismus zwischen Juden und Polen immer mehr. Seit 1905 wurden die Eisenbahnen z. B. stufenweise verstaatlicht und die polnischen Beamten entlassen. Im Jahre 1912 bei der Verstaatlichung der Warschau—Wiener Eisenbahn allein wurden 40.000 polnische Beamte gegen eine geringe Ablieferungssumme aufs Pflaster geworfen. Den erwerbslos gewordenen blieb nichts übrig, als sich auf den Kleinhandel zu stürzen. Dieser jedoch war ganz in den Händen den Juden, welche also auf einmal aus harmlosen, sogar nützlichen Nachbarn zu unerträglichen, beneideten und gehaßten Konkurrenten wurden. Das Kleinbürgertum und der Handelsstand waren ia in Polen seither aus Brotneid die Träger des Judenhasses. Der Brotneid aber nahm jetzt nie früher dagewesene Dimensionen an. Der von Roman Dmowski, dem Anführer der Nationaldemokratie, seit mehr als 10 Jahren unabläßlich gepredigte Judenboykott brach in den genannten Jahren aus. Die Regierung hatte selbstverständlich diesen wachsenden Antagonismus zwischen Polen und Juden nach Kräften geschürt und beide Parteien geschwächt. Der Boykott von 1912 wurde von Paderewski mit riesigen Mitteln finanziert. Paderewski begründete damals auch in Warschau das sehr verbreitete Gassenblättchen „Dwugroszow ka", das den Antisemitismus in schärfster und niedrigster Tonart in die Massen trug. Der Graf Zamoyski hatte den Antisemitismus als Familientradition übernommen: Sein Urahn, der berühmte Kanzler Zamoyski, hatte scho nim 18. Jahrhundert, kurz vor der ersten Teilung Polens, den Plan einer völligen Austreibung der Juden aus dem Lande entworfen. Man kann sich danach von dsm Judenprogramm der Nationaldemokratie für das wiedererstandene Polen einen Begriff machen. Das oberste Nationalkomitee in Krakau hingegen veröffentlichte das seinige kurz nach der Einnahme von Warschau durch die Armeen der Mittelmächte (15. August 1915), als die nächste Zukunft greifbare Gestalt anzunehmen begann. Es lautet, kurz zusammengefaßt, wie folgt: vollkommene, restlose, uneingeschränkte Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens mit den Nichtjuden, gleichwie in Amerika, England und Frankreich. Zulassung der Juden zu allen Quellen des materiellen Erwerbes und der geistigen Kultur im Lande, vollkommene Freiheit der Betätigung ihrer religiösen und kulturellen Eigenart, uneingeschränkte Autonomie der jüdischen Gemeinden und ähnlicher Verbände religiöser oder kultureller Natur. Dagegen wird von den Juden gefordert und erwartet: uneingeschränkte, bedingungslose Hingabe an die polnische Staatsidee und loyale Arbeit zum Wohl des Vaterlandes gemeinsam mit allen anderen Bürgern — gleichwie in Amerika, England und Frankreich. Es sei hier gleich bemerkt, daß dieses ganze Programm in hohem Maß das Mißfallen und die Unzufriedenheit der gesamten zionistischen Presse erregte, denn es war darin mit keinem Worte von der „Nationalen Autonomie" die Rede, die die Jüdischnationalen, besonders in Rußland und in Amerika, als unerläßliche Forderung aufgestellt hatten, dagegen schmeckte es im ganzen sehr bedenklich nach „Assimilation". Das nationaldemokratische Lager hegte, wie gesagt, ursprünglich eine starke Hinneigung zu Rußland und rechnete mit dessen Sieg. Als die provisorische Regierung Lwow-Kerenski allen Ansprüchen auf Polen entsagt und dies von den Bolschewisten noch nachdrücklicher wiederholt wurde, löste sich die Nationaldemokratie von Rußland los, uns setzte die Hoffnung der Errichtung eines geeinten, nach allen Seiten hin völlig unabhängigen Polens ausschließlich in die Weststaaten, Frankreich, England und Amerika. Als das Kriegsglück August 1918 sich von den Mittelmächten abwandte, gewann diese Hoffnung konkrete Gestalt. Und um eben dieselbe Zeit veröffentlichte diese Partei ihr Programm zur Judenfrage. Es erschien in französischer Sprache zu Lausanne, wo diese Partei ihre programmatischen Kundgebungen publizierte, in Gestalt einer Broschüre, die zu einer Schriftenreihe unter dem Gesaratitel „La nouvelle Pologne" gehörte und überschrieben war „Moyen de re'soudre la qestion juive en Pologne." Der Verfasser, Prof. S. M i c h a 1 s k i, eine der Hauptsäulen der Nationaldemokratie, hat ein einziges Mittel zur Lösung dieser Frage an der Hand: „Polen muß judenrein gemacht werden!" Alle die Mülionen Juden des alten und des neuen Polens müssen einfach zum Lande hinaus. Die polnische Nationaldemokratie akzeptierte vollständig das von den Entente-Staatsmännern gutgeheißene zionistische Programm: ein nationales Heim in Palästina und nationale Autonomie in den Ländern des Golus. im Golus, also in diesem Falle in Polen, wird, nach dem Programm des Prof. Michal'ski, die jüdische Gemeinschaft als besondereNationalität eingerichtet, mit hebräischer Sonderschule und allem anderen nationalen Zubehör. „Das ist eine so dringende, unbeugsame Notwendigkeit", sagt der Verfasser, „daß die scharfsinnigsten europäischen und amerikanischen Staatsmänner, wie Lord Balfour und Präsident Wilson keine andere Lösung der Judenfrage sehen, als in der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina, d. h. die Reduzierung der Zahl der Juden in Polen. Präsident Wilson versprach den jüdischen Repräsentanten sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, die die Schaffung eines Judenstaates erstrebt. Die zionistische Bewegung greift rasch um sich, und sobald Jerusalem endgültig den Engländern gehört, wird diese Bewegung unter den jüdischen Massen in hellen Flammen auflodern. Die große Hoffnung Polens, dermaleinst ein innerlich starkes homogenes Nationalreich aufzurichten, das Vaterland in der einstigen Macht und Glorie wieder aufstehen zu lassen, muß sich auf die zionistische Bewegung stützen, auf die Idee, das Land von den semitischen Massen zu befreien. Die jüdischen Angelegenheiten im künftigen Polen sollen von einer besonderen Regierangskommission geleitet werden, welche ein klar bestimmtes Ziel vor Augen hat: nämlich die systematische Emigration der Juden aus Polen ins Werk zu setzen und stetig zu erhalten, indem sowohl in Polen als auch in Palästina die hebräische Kultur unterstützt unü gefördert wird. Das Riesenwerk der Befreiung Polens von den Semiten muß in Angriff genonmmen und zu Ende geführt werden. Die Zahl der Juden in Polen muß systematisch Jahr für Jahr verkleinert werden, die ganze Energie der Nation muß auf dieses Ziel gerichtet sein . . . Ein bestimmter Zeitraum muß festgesetzt werden und wären es auch 100 Jahre, jedes Jahr muß sich die Zahl der Juden verringern wenigstens um den natürlichen Zuwachs und um ein weiteres Hundertstel der gegenwärtigen Bevölkerungszahl. Sollte Palästina nicht imstande sein, so viele Juden zu ernähren, so muß man für sie Kolonien schaffen, in Uganda, in Sibirien, oder sonstwo. Gleich wie wir 150 Jahre lang unerschütterlich geglaubt haben, daß Polen wieder auferstehen wird, so müssen wir jetzt unerschütterlich daran festhalten, daß ein jüdisches Staatswesen erstehen muß, und daß die polnische Nation dermal einst von der fremden Rasse befreit werden wird, die sie mit Unglück und Vernichtung bedroht. Polen wird im Handel und in der Industrie Reformen einführen, die die Wirkung haben werden, daß sie, ohne die Gleichberechtigung anzutasten, die Juden gleichwohl mit der ganzen Wucht treffen und ihnen nicht erlauben werden, den nationalen Besitz in ihren Händen zusammenzuhäufen. Je mehr der Staat die Produktionsmittel in die Hand nehmen wird, desto weniger wird er Raum geben für Juden in Polen." Aus dem Munde des Prof. Michalski sprüht der Geist Theodor Herzls im „Judenstaat", der ja ebenfalls überzeugt war, daß es nur einen Weg zur „Lösung der Judenfrage" gebe: Die Juden aus den Golusländern in einen Judenstaat hinauszuführen und die Golusländer judenrein zu machen. Die Völker würden aufatmen und die Juden vom Antisemitismus erlöst werden . . . . Der Verfasser bietet auch einen sehr beachtenswerten Beitrag zum Verständnis des Wesens des. National Home, das bis heute noch nicht geklärt ist. Dem allpolnischen Freund und Parteigenossen von Balfour ist es klar, daß das National Home nichts anderes zu sein hat als eine Art Sammelbecken zur Aufnahme der aus Polen hinauszutreibenden Juden. Wir haben da vor uns ein genau ausgearbeitetes Programm von selten der antisemitisch orientierten polnischen Nationaldemokratie und da die Entente und mit ihr die Nationaldemokratie gesiegt hat, so wird in dem wiederhergestellten Polen dieses Programm bis auf das Jota durchgeführt. Jahrelang konnte die Nationaldemokratie so nach Herzenslust schalten und walten. Indessen wohnt Polen nicht auf einer Insel und hat vor allem amerikanische Anleihen nötig. Die Yankees aber sind ein nüchternes Volk und sagen sich: Kann man einem Staat Kredit geben, der gegen 3 Millionen seiner Bevölkerung einen permanenten Krieg führt, die in den Städten bis 50% der Einwohnerschaft und darüber ausmachen, die tüchtigsten Geschäftsleute des Landes liefern und den Handel und die Industrie zum großen Teil geschaffen haben? M