Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-07-03 · Heft 26 (3.7.1925) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 26 (3.7.1925)
Date
1925-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064047--13782-3081306
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 26 DIE WAHRHEIT Seite 5 Wer „Die Wahrheit" aus der Zeit der Kultuswahlen durchblättert, erkennt, mit welcher Entschiedenheit gegen die „Vereinigung für soziale Tätigkeit" von allem Anfang an Stellung genommen wurde, da wir uns über den eigentlichen Zweck der damals neugegründeten Partei im klaren waren. Die Ereignisse haben unsere damaligen Ansichten leider vollauf bestätigt. Es ist daher direkt erfunden, daß der Chefredakteur unseres Blattes sich an Herrn Pick und Genossen „angebiedert" habe und ihnen unser Blatt zur Verfügung stellen wollte. Was die Behauptung des genannten Blattes betrifft, unser Chefredakteur sei nach seiner Ablehnung durch Herrn Pick auf der Kandidatenliste der „Union" gestanden und dann von derselben gestrichen, worden, so stellt die Berichtigung bereits fest, daß Herr Ludwig Hirschfeld seit Beginn der Wahlkampagne zu dem aus sieben Mitgliedern bestehenden Exekutivkomitee der „Union" gehört und auf die von einer großen Gruppe von Kultuswählern vorgeschlagene Kandidatur freiwillig verzichtet hat. Daß gar die Verbündeten der „Union" auf die Kandidatennominierung derselben Einfluß genommen haben sollen, beweist, wie — gut informiert der Briefkastenmann ist. ' Es ist selbstverständlich, daß wir für alle unsere Behauptungen die nötigen Unterlagen besitzen, und sind überzeugt, daß wir, falls uns der Kampf aufgezwungen wird, In diesem besser unseren Mann stellen werden, als man es jüngst im Gerichtssaale zu beobachten Gelegenheit hatte, wo der angebotene Wahrheitsbeweis zu einem so kläglichen Ende geführt hat. Die Redaktion der „Wahrheit". Der gegenwärtige Stand der Jndenfrage in Polen. Vorbemerkung der Redaktion. Die Lage der Juden in Polen hatte sich in letzter Zeit derart verschlimmert, daß sie anfing, die Aufmerksamkeit der gesamten jüdischen Welt und auch der maßgebenden politischen und wirtschaftlichen Faktoren, namentlich in Amerika, auf sich zu lenken. Wir haben darum einen der besten Kenner der Judenfrage in Polen, einen Warschauer, der außerhalb des politischen Parteigetriebes steht, gebeten, diesen Gegenstand in einer Reihe von Artikeln zu erörtern. Den ersten dieser Artikel veröffentlichen wir nachstehend. Jeder Artikel wird ein selbständiges Ganzes bilden. Das Rätsel des gegenwärtigen polnischen Antisemitismus, Wer dieses Problem begreifen will, muß sich folgende Tatsachen vergegenwärtigen: Sobald der Krieg zwischen Rußland und den Mittelmächten zur Wirklichkeit wurde, war es für jeden politisch denkenden Menschen in Europa klar, daß Polen jedenfalls auf irgend eine Weise wieder hergestellt werden wird. Der äußerst polenfeindliche deutsche Historiker Theodor Schiemann pflegte zu sagen: „Die erste Teilung Polens war ein Verbrechen, die zweite ein Unsinn, die dritte eine Notwendigkeit." Seit dem Zusammenbruch Napoleon III. gaben die Polen ihre Hoffnungen auf die westeuropäische Hilfe endgültig auf und rechneten nur noch auf einen Krieg zwischen den drei Teilungsmächten, dem die Wiedergutmachung des 1772 verübten Verbrechens entspringen sollte, gemäß dem Bauernsprichwort: „Wenn die Diebe sich untereinander zanken, kommt der Bauer zu seiner Kuh." Die Aussichten auf einen solchen Krieg gewannen aber greifbare Gestalt nach der Niederlage Rußlands im japanischen Krieg, als das Zarenreich seine Front wieder nach dem Südwesten und dem Westen zuwandte. Der Weg nach Konstantinopel führte bekanntlich über Wien (und das mit ihm verbündete Berlin). Seit 1905 erwartete man in ganz Polen diesen Krieg und bereitete sich auf ihn vor. Jedoch in bezug auf die Gestaltung der Dinge nach Erledigung des Krieges waren die Polen in zwei Lager gespalten. Die galizischen Polen, die vollkommen frei und unabhängig und politisch in einem sehr hohen Grade geschult und kultiviert waren, erstrebten eine Wiederherstellung Polens im Anschluß an die Zentralmächte, von deren endlichen Sieg sie überzeugt waren; manche erstrebten die austro-polnische Lösung. Es gab aber welche, die sogar einen Hohenzollern-Prinzen als König des künftigen Polens wünschten, da man nur der preußischdeutschen Energie und Schneidigkeit die Kraft zutraute, den Wiederaufbau zu leiten. Ihre repräsentative Organisation hatte diese Partei, auf deren Seite auch kleine, aber einflußreiche Gruppen in Posen und in Russischpolen getreten waren, in dem „Obersten National-Komitee" (N. K. N.), das in Krakau seinen Sitz hatte und an dessen Spitze L. von Jaworski stand, der ein Freund und Jünger Bilinskis war, des damaligen gemeinsamen Finanzministers der Österreich-ungarischen Monarchie. In diesem Lager stand der in der sogenannten „Nationalen Rechtspartei" organisierte westgalizische Adel, zu dem aber auch die bedeutendsten Großgrundbesitzer des ganzen Landes gehörten, eine sozial und wirtschaftlich sehr mächtige und einflußreiche Schichte. Diese Richtung wurde heftig bekämpft durch die andere, die hauptsächlich von der seit dem Jahre 1905 immer mehr erstarkten Partei der „Nationaldemokraten" oder A11 p o 1 e n repräsentiert wurde und ihren Hauptsitz in Russischpolen und Posen hatte. Diese Partei bestand hauptsächlich aus dem kleinen Grundbesitz, dem Kleinbürgertum und den (meist mißvergnügten) Intellektuellen und erstrebte, vor allem aus wirtschaftlichen Motiven, einen Anschluß an Rußland, dessen unabsehbar weiter Markt der aufstrebenden Industrie und dem Handel Polens unbegrenzte Möglichkeiten eröffnete und dessen zentralistischer Absolutismus, wie man zuversichtlich erwartete, in kürzester Zeit auf friedlichem oder revolutionärem Wege beseitigt werden würde, so daß Polen als gleichberechtigter Bundesgenosse des großen stammverwandten Reiches wieder in die Geschichte eintreten könnte. In Posen war der Haß gegen Preußen viel intensiver als gegen den Erbfeind Rußland, da man von letzterem erwartete, daß es nach seiner Europäisierung mit der Knechtung und Unterdrückung der Polen aufhören würde. Von Preußen dagegen, welches trotz Konstitution und Parlament, trotz des allgemeinen Wahlrechtes, der Presse- und Gewissensfreiheit, trotz der hohen deutschen Geisteskultur — lauter Dinge die man für Rußland erst in ferner Zukunft träumen durfte —, die brutale und zynische Bismarck-Bülowsche Unterdxückungs- und Ausrottungspolitik gegen die Polen fortsetzte und erst im Jahre 1908 in dem unerhörten und unglaublichen Enteignungsgesetz sich ein neues Instrument geschmiedet hatte; von Preußen könne man also nichts erhoffen. Solche Erwägungen trieben Posen und Westpreußen in das Lager der Nationaldemokratie. Als gleich zu Böginn des Weltkrieges Rußland in engster Bundesgenossenschaft mit England und Frankreich auftrat, wuchs die Hoffnung auf seine baldige Europäisierung ins Greifbare und mit ihr wuchsen das Ansehen und der Einfluß der Nationaldemokratie im polnischen Volke aller drei Teilungsprovinzen. Das Komitee, welches dieses ententefreundliche Lager repräsentierte, residierte in Paris, wo an dessen Spitze Graf Z a m o y s k i stand. Sein Vertreter in England war Roman D m o w s k i,. in Amerika Ignaz Paderewski. Graf Zamoyski war intim befreundet mit Poincare, Clemenceau und Milerand für Dmowskis Einfluß in England zeugt, daß er zum Ehrendoktor von Oxford ernannt wurde, obwohl kein Mensch etwas von seinen wissenschaftlichen Leistungen gehört hatte. Paderewski war der Liebling der oberen Zehntausend in den Vereinigten Staaten und erfreute sich der besonderen Freundschaft und Wertschätzung des Präsidenten Wilson. Lange tobte der Kampf zwischen diesen beiden Orientierungen innerhalb der polnischen Nation. Die Brutalität und der politische Stumpfsinn Ludendorffs im Vereine mit der Unersättlichkeit Wilhelms II. haben die austro-polnische Lösung zunichte gemacht und dadurch mittelbar den Sturz der Monarchie in Mitteleuropa herbeigeführt. Je mehr das Kriegsglück sich den Waffen der Mittelmächte günstig erwies, desto mehr sank der Einfluß der Ententefreunde in Polen. Noch im Frühjahr 1918, nach der großen Offensive der Deutschen am Chemin des Domes, ließ das Pariser Komitee seine Krakauer Rivalen wissen, daß es nicht abgeneigt wäre, unter Umständen die Waffen zu strecken und mit fliegenden Fahnen ins entgegengesetzte Lager überzugehen. Aber im Juli trat bekanntlich auf dem Schlachtfeld des Westens die große Wendung ein. Am schärfsten unterschieden sich die beiden Orientierungen in deer Judenfrage, die für ein wiederhergestelltes Polen, das über 3 Millionen Juden 15 Prozent seiner Gesamtbevölkerung zählen sollte, eine ganz unvergleichliche Bedeutung haben mußte. Der Antisemitismus in seinen schärfsten Formen mitsamt dem Judenboykott gehörte vom Anbeginn an zum eisernen Bestand des nationaldemokratischen Programms, schon wegen dessen nationalistisch-chauvinistischen Grundtons und der russischen Sympathien. Plehwes Judenpolitik, die sich immer mehr der aus dem Innern Rußlands ausgetriebenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.