Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 26 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 DIE WAHRHEIT Seite 3 daß die allgemeinen jüdischen Gruppen Vertreter wählen, die nicht Mitglieder der Zionistischen Organisation sind. Diesem Entwurf, der genügend Entwicklungsmöglichkeiten gibt, können wir nur vollinhaltlich beipflichten. . Leider ist man aber im zionistischen Lager teilweise anderer Meinung. Unter der Firma „Konferenzgemeinschaft radikaler Z i.o n i s t e n" haben sich, wie letzthin hier ausgeführt, diejenigen Gruppen zusammengefunden, denen der eingeschlagene Kurs mißfällt. Diese Konferenzgemeinschaft umfaßt die heterogensten Element e: die Anhänger Jabotinskys einerseits und die „Demokraten" anderseits, die, wie der Führer der deutschen Zionisten, Kurt Bliuimenfeld, richtig bemerkte, nur eines eint: der Wunsch, Weizmann zu beseitigen. Diese Konferenzgemeinschäft hat die in der letzten Nummer teilweise wiedergegebene Deklaration erlassen, aus der hervorgeht, daß die Konstituierung der Jewish Agency in der gedachten Form quasi den Todesstoß für die zionistische Organisation bedeute. Vor allem die Anhänger Jabotinskys, die sogenannten Revisionisten, haben auf ihrer Pariser Konferenz folgende Resolution gefaßt: „Sämtliche Mitglieder der Jewish Agency werden vom Zionistenkongreß gewählt und sind nur diesem verantwortlich. Kongreßwahlrecht haben alle jüdischen Einwohner Palästinas, alle Spender der zionistischen Fonds und Mitglieder der am Aufbauwerk beteiligten jüdi sc hen Gesellschaften. Die Wahlkreise sind territorial und schließen Fraktionen wie M i s r achi und Hi t ach du th aus." Es ergibt sich hier der eigenartige Zustand, daß die Leute, die so besorgt sind um die Integrität ihrer Oragnisation, gerade diese am meisten gefährden. Denn nach dieser Resolution könnten alle kreisen als Sensation betrachteten Werk „Die Krise des modernen Staatsgedankens"38) abhandelt. Die Erscheinungen Lenins und Mussolinis* die Gedanken des Ueberstaates, ob er jetzt Völkerbund oder Paneuropa heißt, sind deutliche Anzeichen für eine Krise des Staatsgedankens. Dieser selbst istwie der moderne Staat eine moderne Erscheinung, die mit dem Kapitalismus zusammen auftritt. Die schweren Erschütterungen des politischen Denkens, die im engen Zusammenhang mit dem Weltkrieg zur Lösung kamen, müssen auch den Staatsgedanken in Mitleidenschaft ziehen. Weber zeigt nun diese ganze Entwicklung des Staatsgedankens, er legt die Wurzeln der Krise dar, um sie als „Teil eines soziologisch analysierten Allgemeinvorganges zu verstehen" und er bemüht sich, die Ansätze und Bedingungen aufzuzeigen, die den neuen Staat — real und,ideell — in Umrissen erscheinen lassen. Die Demokratie ist nach ihm allein fähig, auf den Trümmern des alten Staatsgedankens das neue Bild eines Staates zu begründen, eines Staates über den Parteieij, der auch die Grundlage für ein organisches Paneuropa bilden kann. Es gibj: wohl wenige Bücher, die unserer Zeit so not tun, wie! das vorliegende. Aus einer Verworrenheit der Ideen führt es uns heraus und zeigt uns den Weg, der zu gehen ist. Und darum wissen wir dem Autor Dank. — Dieser Tendenz des Weberschen Werkes dient eine soeben erschienene Zeitschrift „Europäische Revue"39), deren Herausgeber Prinz Karl Anton Ronan ist Die ersten drei Hefte weisen als Mitarbeiter von Politikern die Namen Seipel, Nittä, Ferrero, 38) Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1925, Ganzleinen Mk. 6.—. 38) Der neue Geist-Verlag, Leipzig. Nichtzionisten, die für Keren fiajessod und Keren Kajemeth spenden, zum Kongreß wählen. Falls nun diese Wähler einmal die Mehrheit auf dem Kongreß hätten, so könnten sie Beschlüsse fassen, die im Sinne einer zionistischen Ideologie „katastrophale" wären. Wir wollen aber von dieser so günstigen Gelegenheit keinen .Gebrauch machen. Entweder ein offenes Bündnis mit gleichen Rechten und Pflichten oder keines. Ein „Einschleichen" lehnen wir dankend ab. Die Gründe, die die Demokraten zur Ablehniiimg der Agency in der geplanten Form bewegen, legt Dr. Nahum Goldmann in der „Morgenzeitung" vom 15. Juni dar. Seine Ausführungen sind für uns deshalb maßgebend, weil wir bei ihm voraussetzen, daß sachliche und nicht persönliche Gründe seine Stellungnahme beeinflußen. Er sieht das Problem nicht im „Ob" und „Wie" der Agency, sondern im „Warum". Dieses scheint ihm im Mangel an Selbstvertrauen der Zionisten zu liegen. Man sucht sich nicht im Bewußtsein seiner Stärke Bundesgenossen, nicht im Glauben an seine Aufgabe, sondern aus Verzweiflung und Resignation. Diese Argumentation wird glänzend widerlegt von Blumenfeld, der nachweist, daß die zionistische Organisation doch 75 zuverlässige Menschen für die. Agency .werde präsentieren können. Und wenn man nicht einmal daran glaube, so entspringe gerade diese Befürchtung nur dem eigenen Schwächegefühl, das man den anderen so oft vorwerfe. Wir hoffen, daß auf dem Kongreß Weizmann siegen wird; nicht etwa, weil wir unbedingt in die Agency kommen wollen, sondern weil es uns um die Sache geht. Wenn dann bei uns in Oesterreich die Frage spruchreif sein wird, so erwarten wir, daß die menschliche Atmosphäre, rein und entgiftet, frei von persönlichen Reibungen, eine fruchtbare, sachliche Zusammenarbeit ermöglichen wird. Croce, Bums, Borel, von Schriftstellern und Philosophen Hofmannsthal, Driesch, Rilke, Zweig, Tagore u. a. auf. Die hervorragendsten Persönlichkeiten Europas haben sich hier zusammengefunden, um die geistige Einheit Europas bewußt zu machen. Sie wollen wechselseitiges Erkennen, Kennen und Verstehen vermitteln. In diesem Sinne mag diesem neuen Unternehmen Glück gewünscht werden. Alle Probleme, denen die voranstehende Literatur gewidmet ist, gehören einem ganzen Komplex an, den Emil Ut it z in seinem „Kultur der Gegenwart"40) meisterhaft dargestellt hat. Ist doch Staat und Wirtschaft nur ein Ausschnitt aus dem Geistesleben der Gegenwart. Und dieses Geistesleben in all seinen TeÜen, Aeußerungen, in all seinen Schattierungen darzustellen, hat Utitz unternommen. Mit bewundernswerter Universalität, die jeder Oberflächlichkeit ferne ist, werden in jedem Problemkreis die einzelnen Strömungen eingehend besprochen. Bildende Künste, Wortkunst und Theater, Bildung und Wissenschaft, Gesinnung und Religion, wirtschaftliches und staatliches Leben, Psychologie und Philosophie sind die Problemkreise, die der Autor behandelt. Hervorgehoben werden soll noch der für ein solches Werk ungewöhnlich genießbare Stil. — Haben wir uns bisher mehr oder minder mit den Fragen Europas beschäftigt, so soll hier auf eine' Neuerscheinung hingewiesen werden, die sich mit einem der politischen Führer Indiens befaßt. „Die Botschaft des Mahatma Ghandi"41) bringt uns eine Auswahl aus den Schriften der bedeutendsten Führerpersönlichkeit, die das *°) Verlag Ferdinand, Enke, Stuttgart. u) Volkserzieher-Verlag, Berlin-Schl.achtensee,