Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 25 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Seite 2B Rassenkunde. Auf der juridischen Fakultät der Wiener Universität befindet sich ein Anschlagkasten, der „Deutschen Gesellschaft für Rassenpflege." Dort sind Bilder ausgesstellt, die den arischen Typus zum Unterschied vom semitischen darstellen sollen. Unter den Beispielen für den semitischen Typus findet man Erich Wolfgang Korngo ld. den Schauspieler Rudolf Zeisl, den Präsidenten des Bühnenvereines Stärk, Alfred Bernau und den Sektionsleiter des Fußhallvereines ,.Vienna" Rudolf Grünwald. Daneben steht in Rondschrift: „Gibt es Rassen? Ja. Wer das leugnet, will das deutsche Volk zu einem syrisch-semitischen negroiden Bastard machen." Darunter befindet sich ein .,Gutachten" von Universitätsprofessoren, deren Namen nicht genannt sind, und das in schlechtem Deutsch abgefaßt nicht einmal frei von orthographischen Fehlem ist In diesem „wissenschaftlichen" Gutachten heißt es auszugsweise: „Es kann als wissenschaftlich erwiesen angesehen werden, daß wir es bei den Juden nicht mit einer Rasse im eigentlichen Sinne zu tun haben. Sie haben sich gebildet aus einer Reihe von Rassen, unter denen besonders die semitische und kaukasische vorherrschen. Nicht unbeträchtlich dürfte auch der Einschlag .schwarzen" Blutes sein, das sich in der spiraligen Beschaffenheit der Haare, der dunklen Hautfarbe und den wulstigen Lippen ausspricht. Ein Teil der Juden hat auch mongolische -Bestandteile" aufzuweisen, insbesondere die Ostjuden. Die Juden sind also ein Mischvolk, doch sind die einzelnen Bestandteile durch Inzucht zusammengeschmolzen, so daß wir ein rassenähnliches Gebilde vor uns haben." Nach weiteren „wissenschaftlichen" Darlegungen dieser Art, mit welchen wir jedoch unsere Leser verschonen wollen, kommt dieses Gutachten zu folgendem Schlüsse: „Wollen sich die arischen Völker entsprechend entwickeln, dann müssen sie sich freimachen von der tötlichen Anklammerung eines fremden Volkstums, dessen Aeußerungen nur deshalb nicht mehr als fremd empfunden werden, weil durch Theater. Presse usw. der Judengeist auf den Arier vielfach so eingeflößt (offenbar bar durch einen Nürnberger Trichter), daß sie an ihrer eigenen Art irre geworden sind. Jeder Arier muß sich vor dem alles beherrschenden Einfluß der fremden Rassenseele freimachen, muß wieder er selbst werden; dann, aber nur dann, wird den Völkern nordischer Prägung eine große Zukunft beschieden sein." Wir unterlassen es, auf diesen potenzierten Blödsinn der arischen Rassenforschler näher einzugehen, weil wir es für überflüssig erachten* solche Dummheiten überhaupt zu widerlegen. Wir haben nur deshalb Auszüge aus diesem Gutachten gebracht, um unseren Lesern ein ungefähres Bild von der „Wissenschaftlichkeit" der arischen Rassenforscher zu bringen, die sich allem Anschein nach mehr mit der jüdischen Rasse beschäftigen als mit der arischen, was wohl kaum der Zweck einer „Deutschen Gesellschaft für Rasenpflege'" sein dürfte. Wir können jedoch bei aller Achtung vor der akademischen Lehrfreiheit die Frage nicht unterlassen, ob derartige ..Anschläge" nicht Anschläge gegen den wissenschaftlichen Charakter unserer Universität sind und ob die akademischen Behörden die Räume unserer Universität nicht für viel zu gut achten, um durch solche „Gutachten" entweiht zu werdem Die Rassenantisemiten haben uns durch dieses Gutachten, über das man nur mit einem Lächeln hinweggehen kann, einen neuen Beweis von dem hohen geistigen Niveau ihrer Wissenschaft gegeben. Der Kampf gegen das alte Testament. Vor kurzem fanden in Deutschland zwei Veranstaltungen protestantischer Theologen statt, welche sich mit Weltanschauungsfragen beschäftigten. In Berlin wurde gine „Evangelische Weltanschauungswoche" abgehalten während in Leipzig die Tagung „völkisch gerichteter Theologen" stattfand- Auf beiden Tagungen beschäftigte man sich eingehend mit der Frage, ob das Alte Testament einen integrierenden Teil der Religion bilde, oder, da es doch ein jüdisches Werk sei, aus der Religion ausgeschieden werden müsse. Die protestantischen Theologen erklärten sich durchwegs für dessen Beibehaltung, „da es die Grundlage des Neuen Testaments und somit auch der ganzen protestantischen Theologie bilde". Die Kenntnis des Alten Testaments sei unbedingt zum Verständnis der Lehre Christi notwendig. „Man könne beide eben nicht voneinander trennen und die Angriffe auf das Alte Testament seien bedauerlich und schädlich." Dieser Beschluß brachte die Völkischen in einen schweren Gewissenskonflikt, da man doch unmöglich einerseits das Judentum verwerfen und anderseits ein so eminent jüdisches Geistesprodukt, wie es das Alte Testament ist, als Bestandteil der Religion beibehalten kann. Somit kann es uns nicht wundern, wenn sich der stets streitbare Graf Reventlow veranläßt fühlt, den Beschluß der protestantischen Theologen im „Reichswart" einer heftigen Kritik zu unterziehen. „Die Frage des Alten Testaments," sagte dieser deutschnationale Apostel, „kann nur im Zusammenhange mit der Judenfrage betrachtet werden." Es kommt wahrlich nicht in erster Linie darauf an, ob diese Schriften wegen ihres geschichtlichen Zusammenhanges vom Neuen Testament nicht zu trennen seien, sondern darauf, daß der messianische Gedanke von den Theologen scheinbar gar nicht in Erwägung gezogen - sei, da er in keinem Bericht über diese Versammlung erwähnt wird. Und gerade der Messianismus, der das Alte und Neue Testament verbindet, ist der entscheidende Punkt. Wer den Messianismus anerkennt, muß folgerichtig auch das Alte Testament anerkennen. Bedauernd gesteht Reventlow ein „daß der jüdisch-messianische Gedanke, also die Quintessenz des jüdischen Gedankens schlechthin, die deutsche Anschau"ungs- und Gedankenwelt bis in ihre feinen Verästelungen hinein durchdrungen h a t." Darum muß man, behauptet Reventlow weiter, ohne Scheu die Folgerungen ziehen und den messianischen Gedanken, ein echt jüdisches Geistesprodukt, in jeder Form entschieden ablehnen. Denn der Messianismus ist undeutsch und hat dem Deutschen seine ursprüngliche, seinem Wesen entsprechende Weltanschauung (was für eine? D. Red.) irregeleitet und verfälscht (mit einem Worte „verjudet", D. Red.). Dies hätten die protestantischen Theologen nicht erkannt. Statt dessen empfiehlt Reventlow, „d en verunreinigten, zum Teil verschütteten Urquell deutschen Jenseitsgefühls wieder rein und stark fließen zu lassen". Es wäre müssig, über Religion zu diskutieren, denn diese ist nicht so sehr Sache des reinen Verstandes, sondern des Gemütes und Herzens und gerade die jüdische Religion ist jedem Proselytentum vollständig abgeneigt. Am wenigsten jedoch wollen wir uns mit Herrn Reventlow in eine Religionsdebatte einlassen, mit einem Manne, der das Volk, das einen Mose hervorgebracht hat, dem die Propheten und der Schöpfer des Christentums entstammt, täglich aufs neue beschimpft und besudelt Mag Herr Reventlow zum Wotanskult zurückkehren oder sich am „Urquell deutschen Jenseitsgefühls" laben, das hat er nur mit sich selbst und seinem Gewissen auszumachen!, für uns ist es viel wichtiger, daß deutsche protestantische Theologen, Gelehrte, die mindestens ebensosehr ihr Volk lieben, wie Graf Reventlow, erkannt haben, wohin ein fanatischer Antisemitismus in seineu letzten Konsequenzen führen muß. Diese Männer, darunter auch viele völkisch gesinnte Pastoren, sind sich darüber im klaren, daß die, welche ausgezogen sind, um das Judentum zu vernichten, schließlich so weit gekommen sind, die Grundfesten ihrer eigenen Religion zu erschüttern. Sie haben den antisemitischen Heißspornen ein lautes Halt zugerufen. Vielleicht wird die Erkenntnis von der gemeinsamen Grundlage der Religion und der vielen geistigen Beziehungen, welche die Deutschen und Juden verbinden und die nicht einmal ein Reventlow leugnen kann, — trotz Fritsch, Hitler und Reventlow u. a. — die Rassenantisemiten in Deutschland das Törichte ihres blinden Hasse^ endlich einsehen lassen. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, wo das Volk der Propheten und Religionsstifter gemeinsam mit dem Volke der großen Philosophen und Metaphysiker an der Vertiefung und Verinnerlichung einer wahrhaften Gotteserkenntnis und Menschentums ungestört wird arbeiten können. Beschämende Niederlage. Vor einigen! Wochen kann es in der Aula der Universität Padua zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall, indem der polnische Pfarrer Hilchen, der einen Zug von 500 polnischen Hochschülern von Warschau nach Rom geleitete, den polnischen Studenten verbot, mit den ebenfalls in der Aula anwesenden aus Polen stammenden jüdischen Studenten zu sprechen. Der Pfarrer und einige polnische Studenten ergingen sich in lauten antisemitischen Beschimpfungen gegen die Juden und versuchten, die italienischen Studenten gegen die Juden aufzuhetzen. Die jüdischen Studenten forderten den Pfarrer auf, seine Beschimpfungen zu widerrufen, dieser antwortete aber mit neuen Beschimpfungen und bezeichnete sich mit Stolz als einer der Schöpfer der antisemitischen Gesellschaft „Rozwoj". Jüdische und ita- <!•