Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 25 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIEWAHRHEIT Seite 7 so muß man doch zugeben, daß ihre bösen Zungen dabei am rechten Platze waren. * Herr v. Beniczky sitzt vorläufig noch immer fest; vielleicht sogar noch fester als der Reichsverweser Horthy. Jetzt hat es selbst Graf Bethlen, den man beschuldigte, er habe Beniczky im Geheimen beschützt, für notwendig gefunden, offen gegen ihn aufzutreten. Er schleuderte im Parlamente gegen ihn düe Anklänge, er hätte erklärt, er wolle .aussagen, was er über den Mord an Somogyi und Bacso wisse, wenn man ihn von der Amtsverschwiegenheit entbinde, habe aber nicht selbst um diese Enthebung angesucht. Nach ungarischen Rechtsbegriffen scheint darin ein arges Verbrechen gelegen zu sein, während der Fernerstehende darin gerade eine sträfliche Unterlassung jener Faktoren erblickt, die nicht schon vor Jahr und Tag von Anutswegen diese Aufhebung gefordert hatten. Horthys Freunde gehen aber noch weiter und drohen den Sozialdemokraten, die etwas über den Mord wissen und sich nicht als Zeugen melden, mit der Anklage wegen Vorschubleistung beim Morde. Melden sie sich aber als Zeugen, dann droht ihnen tatsächlich, allerdings ohne daß man es sagt, wieder das Schicksal Beniczkys. Man hat es also glücklich dahin gebracht, daß jeder Mensch in Ungarn, der Wert darauf legt, ungestört freie Luft schöpfen zu dürfen, Scheu davor hegt, auch nur den Namen Somogyis in den Mund zu nehmen. Man sieht, die Rechtsverhältnisse in Ungarn sind bereits so konsolidiert, daß jeder, der nur irgendwie mit einer politischen Mordaffäre in Zusammenhang gebracht wird, von Gefängnis bedroht ist und absoluter Sicherheit sich bloß die — Mörder erfreuen. * Eine feine politische Nase scheint der Budapester Fiaker zu besitzen, der aus "Verehrung für den Lenker des ungarischen Staates und unzufrieden mit dem Trinkgelde, das er von einem Passagier erhalten, gegen diesen die Anzeige erstattete, er habe nach der Lektüre des konfiszierten „Az Ujsag" geäußert: „Jetzt weiß ich, wer der Mörder Somogyis war." Der Passagier hatte zwar keinen Namen genannt, aber das hinderte nicht, daß er sofort eingesperrt wurde und jetzt Muße -hat, ungestört darüber nachzudenken, wie gefährlich unter Umständen die Folgen eines unzulänglichen Trinkgeldes sein können. Es fehlt mur noch, *dlaß ihn dier Staatsanwalt bei der Verhandlung des Verbrechens zediht, er sei ein Mitschuldiger, dienm er habe einen Namen .erraten, an den in diesem Zusammenhang auch nur zu denken, eine Art Majestätsverbrechen bedeutet. Ego. Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Ich freute mich, auch einige Rabbiner und geistliche Führer — und geradezu die namhaftesten — des New Yorker Judentums kennen zu lernen. Rabbi Dr. Philipp Klein, Schwiegersohn des verewigten Frankfurter Rabbiners R. Samson Rafael Hirsch — bekanntlich der Ausbauer der'neuzeitlichen Orthodoxie — und Lehrgefährte des unvergeßlichen Dr. Josef S. Bloch, dem er auch ein treues Andenken bewahrt, war eine Reihe von Jahren Rabbiner in Libau, von wo er vor einigen Jahrzehnten die Berufung der vereinigten ungarischjüdischen Gemeinden in New York erhalten hat. Er ist der Rabbiner der Ungarischen Kongregation „Oheb Zedek" und gilt heute als einer der ältesten Rabbiner in Amerika, ist Führer der deutsch-ungarischen Orthodoxie und als solcher auch der „Agudath Jisroer. Trotz seines hohen Alters — er zählt fast 75 Jahre — erfreut sich Klein geistiger Frische und erfüllt seine Obliegenheiten vollauf. Jahre hindurch wirkte auch Rabbi Dr. Bernhard Drachmann, ein namhafter Gelehrter, in der „Oheb Zedekik- Synagoge mit. Um den greisen Rabbi M. Z. M a r g u 1 i e s schart sich das traditionstreue litauische Judentum; er gehört, wie die meisten litauischen Rabbiner, der Misrachi an. Rabbi Dr. Leo Jung, Sohn des ehemaligen Rabbiners in Ungarisch-Brod, einer der jüngsten und rührigsten Rabbiner New Yorks, vertritt mit großer Entschiedenheit den thoratreuen Standpunkt und steht als solcher als Kämpfer in den Reihen der Agudah, deren Gedanken in Amerika zu verpflanzen, er in Wort und Schrift eifrig bemüht ist. * * * Eine große Enttäuschung erlebte ich, Gott sei Dank, an den Reformrabbinern. Ich stellte mir stets einen amerikanischen Reformrabbi als einen halben Meschumed vor. Und nun wurde es mir kllar, daß auch unter diesen Rabbinern es Männer gibt, die das Judentum mit ganzer Seele lieben und1 ihm mit allen Fasern ihres Herzens ergeben sind. Und wenn ich ihnen in unseren religiösen Anschauungen auch ferne stehe, sie sind unsere Brüder. In Dr. H. G. Enelow, Rabbiner am Tempel Emanu-El, der bedeutendsten Kongregation Amerikas, fand ich einen Mann von tiefem, auch hebräischen" Wissen. Er hat bis heute eine Reihe von Abhandlungen über das Judentum, darunter eine gründliche Studie über den Stifter des Christentums veröffentlicht, die in Gelehrtemkreisen Anerkennung gefunden haben. Er zeichnet sich besonders durch seine Liebenswürdigkeit aus und seine Zuvorkommenheit und Bescheidenheit, die schönsten jüdischen Vorzüge, fallen einem geradezu auf. Wie segensreich könnte ein Mann mit den Vorzügen eines Enelow in den Reihen des orthodoxen Judentums wirken^ In demselben Tempel wirkt auch der schon erwähnte Rabbi Dr. Krass. Ihm getht der Ruf eines ausgezeichneten Predigers voraus. Die beiden hervorragenden geistlichen Führer der bedeutendsten Tempelgemeinde Amerikas stammen aus Rußland und stehen in hohem Ansehen bei ihrer Gemeinde, an deren Spitze Männer wie Louis Marshall, Nathan J. Miller, Henry M. T o*c h — ein gebürtiger Oesterreicher — und Josef S tr o o k stehen. (Fortsetzung folgt.) foeltes I-ROTGA5SE-1