Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 25 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 25 oder umgekehrt zusammensetzt; deutschschweizerisch oder Schweizerdeutsch. Das Wort deutsch trennt uns wie eine Mauer von den Welschen, mit denen wir das Vaterland "teilen, das Wort Schweizer wie eine Mauer von den Reichsdeutschen, mit denen wir die Muttersprache teilen. Diese Doppelheit ist ein Gewinn; der damit verbundene Zwiespalt aber ist, wie Eduard Blocher gut gesagt, „der Preis, um den wir einerseits unsere staatliche Freiheit, anderseits unsere Zugehörigkeit zu einem großen Sprach- und Kulturkreis bezahlten." Es gibt also Deutsche, die sich als solche fühlen und die dennoch das Bewußtsein haben, nicht in allen Beziehungen Deutsche zu sein! Ein schmerzlicher Zwiespalt wohnt in der Seele des Deutschschweizers und mit diesem Preise ist die Zugehörigkeit zu einem großen Sprach- und Kulturkreis bezahlt! Drängt sich hier nicht jedem Leser der Gedanke auf: Bei den deutschen Juden zeigt sich eine ähnliche Erscheinung. Ihre Geschichte trennt sie von der der umgebenden Bevölkerung, die Sprach- und Kulturgemeinschaft jedoch verbindet sie durch tausend Bande mit dem deutschen Volke. Wohnt doch auch in der Seele der deutschen Juden ein schmerzlicher Zwiespalt, mit dem sie ihre Zugehörigkeit zu einem großen Sprach- und Kulturkreis bezahlen! Auch das Seelenleben der deutschen Juden wird nur durch die Verbindung des deutschen und jüdischen Wesens verständlich. Von berufener Seite wird erklärt: Der deutsche Schweizer besitzt eine Doppelstellung. Er kann sich nicht restlos als Deutscher fühlen. Aber nichtsdestoweniger ist er vermöge seines Sprach- und Kulturkreises Deutscher. Das ist auch die politische Einstellung des größten Teiles der deutschen Juden. Ich bin mir bewußt, daß gegen den Vergleich zwischen deutschen Schweizern und deutschen Juden wie bei jedem Vergleich Einwendungen erhoben werden können, namentlich was Religion und Abstammung betrifft. Nichtsdestoweniger muß, was in einem Falle recht ist, auch in einem anderen billig sein. Ist überhaupt für die Zugehörigkeit zu einem Volke der Sprach- und Kulturkreis maßgebend1, so gilt dies auch in jedem Falle, also auch bei den deutschen Juden. Darauf aufmerksam zu machen, scheint mir am Platze zu sein, wenn auch Nationalisten aus beiden Lagern diese Auffassung nicht teilen. Dr. Weinberg. Glossen. Die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" hat einen Artikel des täglich erscheinenden Wiener Ilakenkreuzblattes als einen schamlosen, niederträchtigen Versuch „feiger Mordbuben" zu einer Aufreizung zum Pogrom in Wien bezeichnet und schließlich der Ansicht Ausdruck verliehen, daß der Chefredakteur sowie der verantwortliche Redakteur des Blattes eigentlich schon in Haft genommen sein sollten. Wer das liest, kann den Gedanken nicht abweisen, daß schließlich auch die Staatsanwaltschaft sich um diese Angelegenheit wird kümmern müssen. Wir leben ja, was wir so oft hören, in einem Rechtsstaate, in dem auch die Preßfreiheit ihre Grenzen haben müsse, wenn sie nicht zum Terror ausarten soll. Da gibt es nur eines: strengste, durch das Gesetz gebotene Ahndung! Es darf nicht die katastrophale Meinung aufkommen, daß jeder, weil er ein Blatt zur Verfügung hat, gegen wen immer hetzen dürfte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Um einem Mißverständnisse vorzubeugen, möchte ich nur noch bemerken, daß ich nicht daran denke, daß man das beliebte kakenkreuzlerische Spiel mit dem Pogrom, das ja bisher dank der Gutmütigkeit der Wiener Bevölkerung ohne böse Folgen gebheben ist, plötzlich ernst nehmen, könnte. Bs wäre lächerlich, so etwas anziumahmem. Aber ich meine,, es müßte etwas geschehen, damit veraltete Sonderlinge, die keinen Geschmack an dem hakenkreuzlerischen Stil finden, darüber belehrt werden, daß sie dies vielleicht in bescheidener Weise zum Ausdruck bringen dürfen, sich aber wohl hüten müßten, dabei mit so unzeitgemäßen, massiven und empörenden Worten herumzuwerfen. Soll m'an 'dien schriftstellerischen Leuchten der hakenkreuzleflisohen Partei wirklich ungestraft zurufen dürfen, daß sie „schamlose und niederträchtige Angriffe feiger Mordbuben" bringen? Nein, nein, das geht nicht. Da muß etwas geschehen. Diese Art der Polemik darf man nicht einreißen lassen. Wo käme man sonst in Oesterreich hin? Und was würde das Ausland dazu sagen, das sich noch immer nicht abgewöhnt hat, Wien als ein Kulturzentrum zu betrachten und zu schätzen? * * * Wie spricht man denn geziemend -von der Haltung der Hakenkreuzler, wenn man sie schon nicht billigen kann? Da kann man wieder von Dr. Seipel lernen^ der just am dem Tag, an welchen der erwähnte Artikel des Hakenkreuzlerblattes erschienen war, in einer christlichsozialen Versammlung u. a. sagte: „Man wirft sie (die Frontkämpfer) mit anderen Organisationen zusammen, mit denen sie nichts zu tun haben, und die auch von uns abgelehnt werden. Man sagt, sie seien dasselbe wie die Hakenkreuzler. Das Wort Hakenkreuzler wird aber nur von den Sozialdemokraten und ihren Mitläufern zu einem großen „Dreh" gebraucht." Das ist auch eine Ablehnung der Hakenkreuzler, aber in einer artigen, jede verletzende Absicht ausschließenden Form, die sicherlich auf die hakenkreuzlerischen Schreiber ganz anders wirken wird, als wenn man sie „feige Mordbuben" nennt. * * * Am peinlichsten dürfte die „Deutschösterreichische Tageszeitung" durch den Vorwurf der Feigheit berührt worden sein. Und vielleicht mit Recht. Denn sie hat gerade jn diesen Tagen einen bemerkenswerten. Mut bekundet. In einem Artikel, in dem sie sich über die Juden lustig machte, die sich angeblich durch ihre Angriffe schwer beängstigt fühllteni, stellt sie Vermutungen über dien1 Zustand an, in dem sich die Unaussprechlichen der Bedrohten befinden dürften. Ob die Schnüffler der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", die ihre Nasen in die letzten Geheimnisse der Weisen von Zion stecken, ihren Lesern das Ergebnis ihrer tiefgehenden Forschungen mitteilen werden, weiß ich nicht. Sollten ihre Nasen dabei auch nicht gut wegkommen,