Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-06-26 · Heft 25 (26.6.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 25 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064046--13764-3081287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 25 und geistigen Lebens in den Vereinigten Staaten ermöglichen und so Amerika, dieses große und mächtige Land, dem deutschen Volke geistig näherbringen. Genannte Zeitschrift bringt nun in ihrem ersten Heft einen Aufsatz aus der Feder von Dr. Alien W. Porterfield, ordentlichem Professor der Germanischen Sprache und Literatur an der Universität West-Virginien, „Amerika und seine Büch e r", welcher uns ein deutliches Bild von den derzeitigen literarischen Bestrebungen in Amerika liefert. Der Verfasser weist auf die merkwürdige Erscheinung hin, daß diese von den gebildeten Schichten Deutschlands fast vollständig verkannt werden: „Was versucht", so fragt Prof. Porterfield, „Deutschland von den Vereinigten Staaten augenblicklich zu lernen? Es berührt mich mehr als peinlich, wenn ich von den verschiedensten Kreisen hören muß, daß eines der meistgelesenen Bücher in Deutschland augenblicklich Henry Fords „Mein Leben und mein Wer k" iist." Henry Ford, der amerikanische Automobilkönig, ist bekanntlich ein erbitterter Antisemit, und diese seine Anschaunug findet auch Ausdruck in dem vielgelesenen Buche „Der Internationale Jude", das er unter seinem Namen herausgegeben hat. Er stützt sich, wie die meisten seiner Gesinnungsgenossen, vor allem auf die „Protokolle der Weisen von Zion", die, obwohl bereits als Fälschung längst erkannt, dennoch zum Kampfmittel gegen die Jud'en verwendet werden. Auch seine übrigen Behauptungen, mit welchen er seinen Judenhaß in zwei dickleibigen Bänden begründen will, sind ebenso unrichtig wie unoriginell und1 daher bereits längst widerlegt. Prof. Porterfield ist nun der festen Ueberzeugung, daß Henry Ford das Buch „Mein Leben und mein Werk" niemals geschrieben hat, was auch — rebus sie stantibus — für die Schmähschrift „Der Internationale Jude" gelten dürfte. Vor einigen Jahren war Ford nämlich, wie uns Prof. Porterfield mitteilt, mit einer Chicagoer Zeitung in einen Riesenprozess verwickelt, weil ihn diese einen Anarchisten genannt hatte. Auf dem Zeugenstande, mit seiner Hand auf der Bibel, schwor er, daß er weder lesen noch schreiben könne. Der Gerichtshof fragte verblüfft, was er damit meine. Ford erwiderte, daß er durchaus meine, was er gesagt habe. Das heißt natürlich, daß er ein ernstes Buch nicht mit der Intelligenz und dem Verständnis lesen könne, die man von einem einigermaßen kultivierten Menschen erwartet, und daß er wohl ejren Brief an eine alte Tante schreiben könne, um ihrmitzuteilen, daß es ihm gut gehe und er von ihr ein gleiches erhoffe, daß er jedoch nicht einen Paragraphen verfassen könne, wie ihn jeder Anarchist aus dem Aeiv mel schüttelt. Wenn also Fords Buch von kultivierten deutschen Lesern verschlungen wird, sollten sie sich, wie Porterfield meint, der Tatsache bewußt sein, daß sie das Geschmiere eines Mannes lesen, der so obskur ist, daß man es ihm nicht einmal gestattet, seinen Namen zu nennen. Glücklicherweise ist Ford in Amerika selbst mit seinen Ansichten fast alleinstehend. Der Amerikaner bewundert zwar seine industriellen Erfolge, hat jedoch kein Verständnis für seine „literarischen" Seitensprünge und antisemitischen Hetzereien. Trotzdem führt das American Jewish Commite einen energischen Kampf gegen aläe antisemitischen Strömungen und wird in diesem von vielen nichtjüdischen Vereinigungen unterstützt. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß sogar die Fed'eration der katholischen Geistlichkeit Amerikas den Beschluß gefaßt hat, den Antisemitismus als eine „durchaus unchristliche" Bewegung zu bekämpfen und zu diesem Zwecke aus eigenen Mitteln 15.000 Dollar bereitgestellt hat. Während des Krieges war Henry Ford ein ebenso erbitterter Deutschenhasser, als er jetzt,, nach dem Kriege, Judenbasser ist. Dennoch aber wurden seine „Werke" vom „Deutschesten aller Deutschen", dem bekannten antisemitischen Hetzapostel Theodor Fritsch übersetzt und in seinem Hammerverlag, unter teilweiser Auslassung der Stellen antideutschen Inhaltes* herausgegeben. Und so haben' diese Machwerke in Deutschland eine traurige Berühmtheit erlangt. „Es ist geradezu ein Verbrechen", behauptet Prof. P., „einem kultivierten Volke solchen Blödsinn aufzutischen." Er ist der Ansicht, „daß große Nationen durch die Veröffentlichung solcher Bücher nicht einander näher kommen" und findet es unverständlich, daß die Bücher, die angeblich von Henry Ford stammen, g e ra de jetzt in Deutschland so leb haften Widerhall finden, da Prof. Emil U t i-t z in seinem Buch „Kultur der Gegenwart" so schön sagt, daß Deutschland trotz seiner Not eine wirkliche und wahrhaftige Kultur sein eigen nennt. Am Schlüsse seines sehr lesenswerten Aufsatzes sagt Prof. P.: „Ich habe mich seit 25 Jahren geistig, wissenschaftlich und literarisch an Deutschland anzuschließen versucht. Der Versuch fällt mir aber unendlich schwer, solange das gebildete deutsche Volk sich einreden läßt, ein angebliches Werk von Henry Ford sei eine repräsentative und höchst lesenswerte Schöpfung amerikanischen Geistes." Den Vorwurf mangelnden Verständnisses, den Prof. P. den gebildeten deutschen Kreisen in bezug auf die literarische Produktion Amerikas macht, könnte dem Verfasser in Bezug auf deutsche Verhältnisse nicht erspart werden, wenner die Stimmungen und Strömungen im heutigen Deutschland nach dien Anschauungen jener Kreise beurteilen würde, welche, um mit seinen Worten zu reden, „die Werke Henry Fords verschlingen", und jene Hetzer als die Repräsentanten des deutschen Geistes ansehen würde, welche durch ihren schrankenlosen Nationalismus und! den erbitterten Kampf, den sie gegen alles „Artfremde" führen, in der Tat abstoßend wirken. Es wäre ebenso falsch, das deutsche Volk als Ganzes mit jenen nationalsozialistischen und chauvinistischen Schreiern zu identifizieren, wie es unrichtig wäre, Henry Fords Ansichten für die Anschauungen größeren oder gar der maßgebenden "amerikanischen1 Kreise zu halten. Will das deutsche Volk aus der politischen Isolierung, in welcher es sich derzeit noch immer befindet, herauskommen, dann muß es zuerst die geistige Isolierung, in welche es nicht ohne eigene Schuld geraten ist, überwinden und! die Ketten zerreißen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.