Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 24 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 24 Von Woche zu Woche Eine Bitte an die Ku?ü»s«teuerzabler. Die Wiener Kultusgemeinde wendet sich in einem vom Präsidenten der Kultusgemeinde Prof. Dr. Alois Pick, den Vizepräsidenten Doktor Jakob O r n s t e i n und Dr. Josef L ö w e n h e r z, Mitgliedern des Vertreterkollegiums und dem ersten Sekretär Dr. Emil Adler unterschriebenen Aufruf an alle Kultussteuerzahler mit der dringenden Bitte, angesichts des Notstandes der Gemeinde alle rückständigen Steuerbeträge ungesäumt zu entrichten. Der sehr beherzigenswerte Aufruf hat folgenden Wortlaut: ,.Mit der großen wirtschaftlichen Not sind die Anforderungen an unsere Gemeinde ins Ungemessene gestiegen. Erschreckend ist das Elend in einein Großteil der Wiener Judenschaft. Private Hilfe, die in den jüngsten Jahren viel Unglück milderte, versagt. Die Existenz vieler segensreich wirkender, für die jüdische Gemeinschaft lebenswichtiger Institutionen ist aufs höchste gefährdet. Einzelpersonen und Korporationen wenden sich, Hilfe heischend, stürmisch an unsere Gemeinde, als ihre letzte Rettung. Zu ihren primären Pflichten für Kultus und Unterricht, mit einem Budgetaufwande von vielen Milliarden Kronen im Jahre 1925, gesellt sich unabweisbar die Sorge für Kranke und Sieche, für verlassene Kinder und hilflose Greise, so daß das Fürsorgebudget der Gemeinde bereits auf 17 Milliarden Kronen gestiegen ist. Die Einnahmsquellen der Gemeinde sind aber begrenzt. Viele steuerpflichtige und steuerwillige Mitglieder sind verarmt, die Vorschreibungen demgemäß um viele Milliarden geringer als im Vorjahre. Wir müssen aber unsere statutarischen und moralischen Pflichten gegenüber der Judenschaft erfüllen, wir müssen unsere alten Institutionen, das erst kürzlich mit einem Kostenaufwand von zirka 4 Milliarden Kronen ausgestaltete Spital, unser mustergültiges Versorgungs- und Siechenhaus erhalten und den Fortbestand anderer unentbehrlicher Anstalten der jüdischen Humanität, des Kultus und Unterrichtes, tatkräftigst fördern. Das ist jedoch nur dann möglich, wenn alle Mitglieder auch ihre Pflichten gegenüber der jüdischen Gesamtheit erfüllen. Darum ergeht an alle der dringende Ruf: Würdiget den Notstand der Gemeinde durch ungesäumte Entrichtung der Kultussteuer!" Verzugszinsen und Verzögerungszuschläge. In der öffentlichen Sitzung des Bezirksrates des I. Bezirks stellte Bezirksrat Julius B e r g e r im Namen seiner Partei in Hinblick auf die drückenden Verzögerungszuschläge der Gemeinde Wien, welche die Industrie, Handel und Gewerbe am härtesten drückt, folgenden Antrag, welcher auch mit großer Majorität angenommen wurde: Trotz der fruchtbaren Wirtschaftskrise, die täglich Zusammenbrüche in Industrie, Handel und Gewerbe hervorruft und die Arbeitslosigkeit täglich steigert, werden durch die Gemeinde Wien bei Nichteinhaltung der Steuertermine für städtische Abgaben ungeheure Verzögerungszuschläge exekutiv eingehoben, die beim Niedergange der Krone notwendig waren, sich jedoch in der heutigen schweren Zeit nicht mehr rechtfertigen lassen. Die Bezirksvertretung I möge daher an den Herrn Bürgermeister die dringende Bitte richten, dafür zu sorgen, daß mit Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Zukunft bei Nichteinhaltung der Termine bei städtischen Steuerabgaben die gleichen Verzugszinsen in Anrechnung gebracht werden wie bed den Bundessteuern und die Verzögerungszuschläge zu entfallen haben. Die Vereinigung iiidischer Akademiker in Wien, welche auf dem Boden des gesetzestreuen Judentumes steht, wurde im Jahre 1920 gegründet und ist dem „Bunde jüdischer Akademiker", der seinen Sitz in Berlin hat, angegliedert. Der Verein stellt sich die Aufgabe, die gesetzestreuen Akademiker zusammenzufassen und wahrhaft jüdischen Geist zu erhalten und zu stärken. Er hat vor einigen Monaten seine vollständig unpolitische Tätigkeit wieder aufgenommen und hält jede zweite Woche im Vereinslokal, IL, Malzgasse 12. Sitzungen ab. in denen den Mitgliedern ein wertvoller wissenschaftlicher Vortrag, meist über ein jüdisches Thema geboten wird. Auch Gäste sind bei solchen Anlässen gerne gesehen. Außerdem besteht die Tätigkeit der Vereinigung, der auch viele in Wien bekannte Persönlichkeiten angehören, darin, daß sie jüdisch-wissenschaftliche Kurse abhält und ihren Mitgliedern durch Rat und Tat in geistiger, moralischer und auch in wirtschaftlicher Beziehung zur Seite steht. Die Vereinigung ist bestrebt, den Geist der heiligen Schrift in das akademische Leben hineinzutragen und das leider in manchen jüdischen Kreisen bestehende Vorurteil, daß akademische Bildung und Gesetzestreue miteinander nicht vereinbar seien, entschieden zu bekämpfen. Sie wendet sich vor allem an die jüdische studierende Jugend und will es verhindern, daß Studenten, die aus einer frommen Gemeinde nach Wien kommen, mit der jüdischen Ueberlieferung brechen, in der irrigen Meinung, daß sich das Festhalten am Glauben der Väter mit dem Geiste der Wissenschaft nicht vertrüge. Religion und Wissenschaft miteinander zu vereinigen, Glaube und Bildung zu wahrhaftem jüdischen Menschentum zu verschmelzen, ist das Ziel der in dieser Gesellschaft vereinigten jüdischen Akademiker. Amtsjubiläum und Rücktritt. Nach vollendeter 40jähriger Amtstätigkeit ist soeben der Baseler Rabbiner Dr. A. Cohn zurückgetreten. Rabbiner Dr. A. Cohn, ein Schüler Rabbi Hildesheimers und Theodor Mommsens, wurde als Dreiundzwanzigjähriger zur Leitung des Seelsorgeamtes von Berlin nach Basel berufen; er war der erste eigene Seelsorger der Israelitischen Gemeinde Basel, die bei seiner Berufung 150 Familien zählte, heute aber 500 Familien groß ist. Als amtsältester Rabbiner der Schweiz hat Herr Dr. Cohn einen starken Einfluß auf das gesamte Judentum in der Schweiz ausgeübt. Diamantene Hochzeit. In stiller Zurückgezogenheit beging am 5. Juni Herr Wilhelm Dannliauser. Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck, mit seiner Gattin Beirta das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Der heute im 87. Lebensjahre stehende, noch immer rüstige Jubilar ist einer der hervorragendsten Vertreter der Innsbrucker Judenschaft, welche zu ihm mit großer Verehrung emporblickt. Als Mitglied des Gemeinderates von Innsbruck, dem er vierundzwanzig Jahre angehört hatte und von dem er in den Finanzausschuß entsandt worden war, hat er sich große Verdienste um seine Vaterstadt erworben. Sein vornehmer Charakter und seine große Wohltätigkeit haben ihm ein unvergeßliches Denkmal in den Herzen seiner Mitbürger gc-setzt. Schlußprüfung. Sonntag, den 7. Juni 1925, fand die Schlußprüfung der Schüler und Schülerinnen der Talmud- Thora-Schule des 4. und 5. Bezirkes in Anwesenheit des Herrn Inspektor W i e s n e r als Vertreter der Kultusgemeinde, des Tempelvereinspräsidenten Adolf Hof mann, ides Vereinsrabbiners Dr. G. Mehrer, bei Beteiligung der Eltern und Mitglieder des Tempelvereines und des Vereines Machsika- Tora statt. Obmann Herr Desider W o 11 n e r leitete die Prüfung mit einigen die Bedeutung der Schule würdigenden Worten ein und führte aus, daß auch diese Schule noch immer an den Folgen der Kriegs- resp. Nachkriegszeit leidet. Von den 81 eingeschriebenen Kindern sind im Laufe des Schuljahres 20 ausgetreten. Zur Prüfung sind 42 Schüler und Schülerinnen erschienen, da die Uebrigen bereits am Lande sind. Es war herzerfrischend, die unter der Leitung des ausgezeichneten Rcligionslehrers Rabbiner I.Friedraa n n stehenden 3 unteren Gruppen beim Lesen aus dem Gebetbuche, Uebersetzungen und Erklärungen über die täglichen Religionsbräuche sowie im hebräischen Schreiben zu beobachten. Die zwei oberen Gruppen standen unter der bewährten Leitung des Religionslehrers Herrn Kampfer, auch hier war der Unterrichtserfolg ein vorzüglicher. Präsident Hoftnann dankte nach Schluß der Prüfung dem Obmann und den beiden Lehrern für die ausgezeichnete Führung der Schule, worauf Herr Rabbiner Dr. Mehr er in einer gehaltvollen Rede die Bedeutung der Schule würdigte. Herr Inspektor W i e s n e r gab als Vertreter der Kultusgemeinde seine vollste Befriedigung über die Leistung der Schule kund und versprach werktätige Unterstützung seitens der Kultusgemeinde. Nach Schluß der Prüfung wurden 20 Kinder für fleißiges Lernen mit Gebetbüchern beteilt. Der Obmann dankte den beiden Lehrern für die viele Mühe und Plage, als auch für die Liebe, die sie bei der Ausbildung der Kinder aufgewendet haben, sowie dem Herrn Rabbiner Dr. Mehrer für die Oberaufsicht der Schule. Er forderte alle Anwesenden auf, für diese heiligste jüdische Sache mit vollem Eifer auch in Zukunft zu wirken. Alle Anwesenden hatten nur ein Gefühl, daß hier ein guter Same gesät wurde, der reiche Früchte tragen wird zum Heile und zum Segen des Judentums. **^*^E^**^*^^^******i*^^n**^*nm^mmmmmmmmm*mm*BB^mmmmm*t Eisen und Hönigsber. Die Besitzer der bekannten Selchwarenfabrik Eisen und Hönigsber haben, um allen Ansprüchen ihres großen Kundenkreises gerecht werden zu können, keine Mittel gescheut, ihr Verkaufslokal entsprechend zu vergrößern und ihm einen ganz modern ausgeführten Saal für Selchwaren- Restaurationsbetrieb anzugliedern. Da das Etablissement infolge der herrlichen Adaptierung dem verwöhntesten' Geschmack gerecht wird, eignet sich nunmehr dieser streng "koschere Betrieb auch für Festlichkeiten jeder Art.