Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 24 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 24 ME WAHRHEIT Seite 9 | Wahrheiten vom Tage Das Hakenreuz in den Aemtern. Wie seinerzeit berichtet wurde, haben die sozialdemokratischen Abgeordneten Franz Sever und Genossen an den Finanzminister eine Anfrage über das Tragen des Hakenkreuzes während des Dienstes durch Beamte des Finanzministeriums gerichtet. Der Finanzminister Dr. Ahr er hat nunmehr diese Anfrage auf schriftlichem Wege folgendermaßen beantwortet: „Lieber den Gegenstand der Anfrage wurden gleich Erhebungen eingeleitet und es wurde durch entsprechende Verfügungen innerhalb der Zentralstelle sowie in allen unterstellten Aemtern und Behörden neuerdingst darauf hingewiesen, daß das Tragen aller nichtdienstlichen Abzeichen während der Ausübung des Dienstes und bei allen dienstlichen Anlässen, gleichgültig ob der Bedienstete ein Dienstkleid trägt oder nicht, nicht statthaft und gegebenenfalls für Abstellung von Unzukömmlichkeiten Sorge zu tragen." Der große Unfug, daß Beamte des Staates in Ausübung ihres Dienstes Parteiabzeichen tragen, hat somit eine verdiente Zurückweisung erfahren und die klare und deutliche Sprache des Ministers wird, so hoffen wir, das Hakenkreuz endgültig aus den öffentlichen Aemtern verbannen. Selbstverhöhnung. In ihrem fanatischen Rassenhaß scheinen die Hakenkreuzler nunmehr jegliches seelisches Gleichgewicht eingebüßt zu haben. Um das Judentum zu bekämpfen, ist ihnen kein Mittel gemein genug. Die niedrigsten Instinkte suchen sie bei ihren Anhängern zum Kampfe gegen die Juden zu mobilisieren, ja sile schrecken nicht einmal davor zurück, ihr eigenes Volk zu beschimpfen und zu besudeln, wenn es im Interesse ihrer so erbärmlichen Kampfesweise gelegen ist. ..Deutsche Väter und Mütter, schützt eure Töchter vor den gewissenlosen Nachstellungen schamloser Juden!" Diese in auffallenden Lettern gedruckte Aufforderung richtet die „Deutsche Arbeiter-Presse" am 13. Juni an ihre Leser und fügt sodann in ebenso großen Buchstaben hinzu: „Deutsche Frauen und Mädchen, duldet keine Rassenverschlechterung durch den minderwertigen Juden!" Auf diese schamlose Herausforderung gibt es nur eine passende Antwort: Deutsche Väter und Mütter, schützet eure Töchter vor den gewissenlosen Verdächtigungen und Beleidigungen der ,.D. A. P."! Deutsche Frauen und Mädchen, duldet nicht, daß die „D. A. P." eure Frauenehre in dieser Weise öffentlich herabwürdigt! -- In der Tat scheint die „D. A. P." den letzten Rest innerer Würde verloren zu haben, wenn sie sich soweit vergißt, die Statthaftigkeit arischer Mädchen in Zweifel zu ziehen und den besonderen väterlichen und mütterlichen Schutz für die ..bedrohte" deutsche Frauenehre zu verfangen. Wir sind überzeugt, daß eine solche erbärmliche Kampfesweise bei allen anständigen Manschen Abscheu erregen muß und daß i^der wahrhaft deutsche Mann nur mit Ekel und Erbitterung ein Blatt lesen wird, das im Kampfe gegen einen eingebildeten Feind auch vor dem Heiligsten nicht halt macht, das ein Volk besitzt — seiner Frauenehre. Aus den Innsbrucker Kliniken. Der schädigende Einfluß, den das Hakenkreuz auf die Gehirnfunktion ausübt, ist gerade in letzter Zeit deutlich hervorgetreten. Die durch dasselbe erzeugte Verblödung scheint unaufhaltsam fortzuschreiten und hat gleich einer Eoidemie gerade die gebildeten Schichten jenes Volkes befallen, das sich ..das Volk der Dichter und der Denker" nennt. Tn gewissen Orten scheint sogar diese merkwürdige Geisteskrankheit, die man etwa „Rassopho^ie" nennen und dem Größen- oder Verfolgungswahn gleichstellen könnte, endem'sch geworden zu sein, und zwar scheinen gerade akademische Qehirne hierfür besonders stark disnoniert :ui sein. DieiemVen Spezialisten auf dem Gebiete der Geisteskrankheiten, welche diese Massenpsychose an Ort und Stelle eingehend studieren wollen, machen wir auf die medizinische Fakultät der Universität in Innsbruck aufmerksam, wo sich jüngst ein klassischer Fall dieser eigentümlichen Erkrankung ereignete. Die Patienten liegen weder auf irgendeiner Klinik noch auch sind sie in einer Anstalt für Geisteskranke untergebracht, sondern die Herren Studenten der Medizin seihst stellen sich dem Forscher als geeignete Studienobiekte dar. Für dieienigen aber, welche keine Gelegenheit haben, sich aus eigener Wahrnehmung ein Bild vom Status praesens und der Schwere der Erkrankung zu machen, berichten wir kurz folgende Tatsachen. Am 10. Juni versammelten sich die Patienten (nämlich die inkorporierten Hörer der medizinischen Fakultät) in einem schweren Anfalle akuter Rassophnbie vor der chirurgischen Klinik und protestierten gegen die Erteilung der venia legendi an den Innsbrucker Zahnarzt Dr. Wilhelm Baue r. weil dieser jüdischer Abstammung ist. Der Anfall verlief unter den bekannten Symtomen Geschrei, Stöckeschwingen, tonische und klonische Zuckungen, große Aufregung der Patienten, die in einer Art hysterischer Erregung immer wieder nur das eine Wort .lud! Jud! Jud! krampfhaft herauspreßten. Besonders erregt schienen der Vorsitzende des allgemeinen Studentenausschusses Hämmcrle und der Vorsitzende des medizinischen Fakultätsausschusse'? Bruckner zu sein, die sich gegen die Zulassung eines Juden als Dozenten an der Innsbrucker Universität aussprachen. Die Studenten beschlossen, die Vorlesungen Dr. Bauers nicht zu inskribieren und nur bei der Antrittvorlesung zu erscheinen, urn ihren Standpunkt kundzutun. (Prognose: neuerliche schwere Recidiven). Weiters wurde der Beschluß gefaßt, zum Zeichen des Protestes einen Tag hindurch die medizinischen Vorlesungen nicht zu besuchen. Nebenbei bemerken wir. daß Dr. Bauer, wie er selbst in einer Presseerklärung feststellt. katholischer Religion ist und sich selbst als Sudetendeutscher national betätigt hat. Es handelt sich also offenbar um Halluzinationsvorstellungen der Patienten, wie dieselben charakteristische Symptome einer jeden Psvchose darstellen. Es wird notwendig sein, daß sich das medizinische Doktorenkolleguim der Innsbrucker Universität, in welchem sicher hervorragende Fachleute auf dem Gebiete der Psychiatrie und Neurologie vertreten sein dürften, eingehend, und zwar bloß vom rein medizinischen StandDunkt mit dieser neuartigen Krankheit beschäftigt und eine energische Therapie, eventuelle Zwangsbehandhuig, einschlägt, um das weitere Umsichgreifen dieser Psvchose zu verhindern. Denn sonst wäre die Prognose wahrlich keine gute. Für alle Neurologen. Psvchiater. Psvchologen und Psychoanalytiker eröffnet sich iedoch ein fruchtbares und dankbares (oder vielleicht auch undankbares) Arbeitsgebiet in der Erforschung der Rassobophie. Ovationen für einen Mörder. Tn Turn-Severin in Rumänien, fand vor kurzem eüie Gerichtsverhandlung stett. welche ein trauriges und beschämendes Zeichen menschlicher Verrohung und kulturellen Tiefstandes darstellt. Der Gerichtssaal bot das Bild einer hemmungslosen antisemitischen Orgie, an der sich Richter. Schöffen, Verteidiger und Zuhörer beteiligten. Die Veranlassung dieser wüsten Exzesse an einer Stätte, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen sollte, war die Verhandlung gegen den Studenten Corneüu Codreanu. der den .Tassver Präfekten Man ein ermordet hotte, weil d'eser die jüdischen Studenten vor Angriffen seitens ihrer nichtjüdischen Kollegen geschützt hatte. Der Mörder Codreanu wurde vom Gerichte freigesprochen und von den Studenten im Triumnh aus dem Gerichtssaal und durch die Stadt getragen. Als die Witwe des Ermordeten vor dem Gerichte erschien, wurde sie von den anwesenden Studenten in rohester Weise beschimpft, ohne d.iß sie der Präsident vor den herzlosen und gemeinen Angriffen derselben schützte. Sie sah sich sot*ar gezwungen, die Stadt zu verlassen, um nicht auch tätlichen Angriffen ruisvcsct7A zu sein, und richtete vor ihrer Abreisc an den Präsidenten des Gerichtshofes folgendes Schreiben: ..Niedergedrückt von meinem großen Schmer:', bin ich nicht in der Lage, den Verhöhnungen und Feindseligkeiten der Verteidigung und eines Teiles des Publikums länger standzuhalten. Ich verlasse Turn-Severin und bevollmächtige den Advokaten Costaforti mit meiner Vertretung." Als dieser die antisemitische Bewegung in Rumänien zur Sprache bringen wollte, wurde er vom Präsidenten unterbrochen und von Cuza und seinen Anhängern unablässig beschimpft. Ueberhaunt scheinen Beschimpfungen und Drohungen die einzigen Argumente gewesen zu sein, mit welchen die Verteidiger des Mörders die Freisprechung des Angeklagten erzwungen haben. Als Costaforu die Pogrome, die in Rumänien stattgefunden haben, erwähnte, wurde ihm vom Vorsitzenden sogar das Wort entzogen. Er rief in den Saal: .Jhr alle seui Antisemiten und wollet darum die Wahrheit nicht hören'"' Schließlich mußte auch Costaforu fluchtartig die Stadt verlassen, um den angedrohten Gewalttätigkeiten ijeg"n se'ne Person zu entgehen. Die Urteilsverkündung fand in seiner Abwesenheit statt. Die Kunde vom Freisnruch Codreanus hat unter der antisemitischen Studentenschaft Rumäniens großen Jubel hervorgerufen. Ebenso groß ist die Erbitterung und Empörung aller .Menschen in Rumänien, die noch einen Funken Rechtsempfinden besitzen. Der gerichtlich gebilligte Meuchelmord und die Verherrlichung des Mörders durch eine entmenschte Horde von ..Studenten" beleuchtet deutlieh die Verhältnisse, die in Rumänien heute herrschen und eine Schmach