Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 24 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Japan. Von Ewen-Sadjoh. Die Frage, ob in Japan Juden leben, hat mich immer interessiert. Als ich seinerzeit in Japan geschäftlich weilte, beschloß ich, mich für diese Angelegenheit zu interessieren. Ich suchte und forschte, doch gelang es mir nur zufällig, mit Juden in Japan in Berührung zu kommen; zufällig kam ich in Osoki in eine Werkstatt, um Koffer zu bestellen. Gerade war ich ohne Dolmetscher, und durch verschiedene Bewegungen und Zeichen gelang es mir, Aufschluß .über die gewünschten Koffer und Preise zu erhalten. Plötzlich bemerkte ich an der Wand die Bilder von Moses und Aron hängen, und als ich das Gesicht des Eigentümers betrachtete, kam ich zu der Ueberzeugung, daß vor mir ein Mensch semitischer Abstammung stehe. Ich überließ ihm die Adresse, und mit Hilfe von Gesten gelang es mir, ihn für abends in mein Hotel einzuladen, wo mein Dolmetscher zugegen sein und ich ihm einen Auftrag geben würde. An diesem Abend, als ich auf den Besucher wartete, legte ich den Taleth und eine offene Bibel auf den Tisch, um ihn auf die Probe zu stellen. Der Japaner kam zur bestimmten Zeit. Er war ein Mann von 35 bis 40 Jahren mit einem glattrasierten, breiten Gesicht, großem Kopf, sehr schmalen Augen, einer breiten, platten Nase und einem großen Mund. Alles Merkmale, die eher auf einen Mongolen als auf einen Sohn der „aufgehenden Sonne" schließen ließen. Als ich ihn Platz zu nehmen bat, zeigte ich ihm, daß mein Dolmetscher gleich eintreffen würde. Kaum hatte der Japaner den Taleth und die offene Bibel erblickt, wurde er von einem außerordentlichen Gefühl berührt, das sich gar nicht beschreiben läßt. Der Japaner bekam direkt eine neue Haut. Er erhob sich vom Platze, und mit Ehrfurcht faßte er mit den Fingern den Taleth, und sein Gesicht strahlte vor Freude. Auf Japanisch fing er mir zuzuflüstern an, ich möge ihm etwas von mir erzählen. Darauf wandte ich mich zu ihm auf Hebräisch. — Jahud! Er verstand meine Frage und bejahte sie kopfnickend. Den Finger der Stirn zuwendend, gab er mir auf stumme Weise zu verstehen, daß ihm eben ein Gedanke gekommen sei. Ohne auf die Zeichen zu achten, die ich ihm gab. daß mein Dolmetscher gleich komme, reichte er mir die Hand und verschwand. Inzwischen war mein Uebersetzer eingetroffen. Es dauerte kaum eine Stunde und der Japaner kam zu mir ins Hotel zurück, diesmal in Begleitung eines ehrenhaften Mannes desselben Aussehens, nur mit einem länglich in der Geschichte der Kriegswirtschaft unter dem Namen „Ständige Mobilmachungskommission" erscheint. Wie das Reichsschatzamt und der Reichskanzler in wirtschaftlichen Fragen obstruieren, bis in die Tage der Mobilmachung hinein, wie sich nach Kriegsausbruch der unheilvolle Dualismus auswächst, der, zwischen Militärbehörden und der Reichsleitung bestehend, dem Land zu einer Quelle von Gefahren wird, ist das Bedeutsamste, historisch Wichtigste des Buches. Erinnerungen an die alte Seestadt Danzig, von der aus Delbrück seinen Lauf genommen, reizvolle Stimmungsbilder von den Frontreisen, erschütternd endlich die Oktober- und Novembertage 1918, die Delbrück an der Seite seines Kaiserlichen Herrn, den er oft scharf kritisiert, durchlebt, geben dem Werk — kulturgeschichtlich wie auch menschlich — hohen Wert. Unstreitbar das hervorragendste Memoirenwerk ist das im gleichen Verlage erschienene „Vorspiel" von Theodor Wolff. Dieses Werk ist grandios in semer Darstellung, es ist ein einziges großes Gemälde des Wilhelminischen Deutschland, es ist das Bild von „Wilhelms Glück und Ende"! Vom Sturze Bismarcks bis kurz vor Ausbruch des Weltkrieges — diese Zeit ist einem zweiten Bande vorbehalten — wird uns von einem Autor, der wie kein zweiter objektiv die Dinge mitangesehen hat. die durch eine unglückliche Außenpolitik selbstverschuldete Einkreisung Deutschlands dargestellt. Es ist das Vorspiel des Krieges. Und wuchtig packend läßt Wolff die Töne seiner Ouvertüre erschallen. Der Journalist wird hier Historiker, der das. ganze authentische Material für sein Werk verwendet. Dr. Theodor Wolff, Chefredakteur des „Berliner Tagblattes", hat isoliert immer gegen die unselige Politik Bülows angekämpft. Im Verkehr mit den Staatsmännern und Politikern Frankreichs hat er erkannt, wohin diese Politik führen muß. Wolffs „Vorspiel" ist Sensation und dennoch Wissenschaft. Es ist ein Film und dennoch reinste Geschichte. Die Tagespresse hat bereits Auszüge aus diesem Werk veröffentlicht, so daß wir uns mit diesem Hinweis begnügen dürfen. — schmalen Bart und Gesichtszügen, die stark den Juden ähnlich sind, die ich in Aegypten und in der Türkei gesehen habe. Der neue Ankömmling begrüßte mich freudestrahlend mit folgenden Worten: „Solo aleche!" was in seiner Sprache die jüdische Begrüßung Schalom Aleichem bedeuten soll. Dann fragte ich ihn auf Hebräisch: „Mi athoh?" (Wer bist du?) Er verstünde meine Frage nicht, sagte mir der Dolmetscher, außer Japanisch verstehe er keine andere Sprache, doch seien er sowie der Besitzer der Kofferwerkstatt Israeliten. Auf meine Frage über das jüdische Glaubensbekenntnis lud mich" mein Bekannter, statt einer Antwort, mit meinem Dolmetscher in das Gebethaus ein, wo er Schames sei, erwähnend, daß ich dort jede Auskunft über die japanischen Juden erhalten würde. Am nächsten Tage mieteten wir eine Rikscha und ließen uns nach der angegebenen Adresse vor das Gebethaus bringen. Nachdem wir eine ganze Stunde durch die Stadt gefahren, blieben wir endlich vor dem Tor eines prächtigen Parkes stehen. Uns entgegen kam mein gestriger Bekannter in Gesellschaft eines patriarchalischen Japaners in mittlerem Alter, in japanischer Tracht, doch mit einem Zylinder nach europäischem Muster. Dieser stellte sich als Rabbiner der Gemeinde vor und erzählte uns auf unsere Frage, in Hebräisch beherrsche er nur einige Gebete, dagegen sei er ausgezeichnet über die Geschichte der japanischen Juden unterrichtet. Er versicherte uns, er könne dokumentarisch nachweisen, daß sie wirklich von den zehn Stämmen herstammten. Nachher begrüßte er uns nach japanischer Sitte und hieß uns ihm folgen. Als wir in den Park kamen, wurden wir ersucht, die europäischen Schuhe abzulegen und Strohpantoffel anzuziehen. Gleich beim Eingang sahen wir einen hohen Pfeiler mit einer Tafel, auf der folgende Inschrift in Japanisch und Englisch zu lesen war: „Fremdländer! Wer du auch sein solltest und zu was für einem Glauben du auch gehörst, denke daran, du trittst in diesen heiligen Ort ein, du betrittst die durch Generationen des Glaubens geheiligte Erde und dienst Gott." In seinem Aeußeren unterschied sich der Tempel von anderen einfachen buddhistischen Tempeln nicht. Er besaß dieselbe Architektonik, dagegen im Innern unterschied sich die Synagoge gegenüber den übertrieben mit Schmuck beladenen buddhistischen Tempeln durch die Einfachheit und das absolute Fehlen von Bildern und Götzen. Auf die Wände waren die Gesetztafeln mit Buchstaben in japanischer Schrift gemalt und Ebenfalls als monumental ist eine andere Neuerscheinung zu bezeichnen, die bereits vor Jahren in den englischsprechenden Ländern Aufsehen erregt hat. ..The American Commonwealth" von James Bryce ist in deutscher Uebersetzung von Professor Dr. Singer unter dem Titel: ..Amerika als Staat und Gesellschaft"24) erschienen. Von diesen zwei stattlichen Bänden gilt auch das Wort: „Habent sua fata libelli". Dreißig Jahre hindurch fand dieses Werk keinen Verleger in Deutschland. Das „Volk der Dichter und Denker" war — wie Singer meint — von seiner echten martialischen, industriellen und kommerziellen, sowie von seinen vermeintlichen staatswissenschaftlichen Erfolgen so berauscht, daß es den Einblick in eine fremde Gedankenwelt hochmütig zu verschmähen begann. So hat das Werk warten müssen, bis sich ein Verlag fand, dessen Name Programm ist. „Der neue Geist" der Völkerversöhnung, des Völkerbundes kann nur aufgebaut sein auf gegenseitiger Kenntnis der Völker. Und um das Phänomen Amerika kennen und begreifen zu lernen, dürfte sich wohl kein besserer Führer finden als Viscount Bryce. Die Verfassung eines Volkes ist nur der Spiegel seines Innenlebens. Und daher werden wir durch dieses Meisterwerk auf dem Gebiete des Staats- und Verwaltungsrechtes, auf dem Gebiete der Soziologie, den Charakter des amerikanischen Volkes wohl am besten kennen lernen. Der erste Band führt uns durch das Gebäude der Verfassung des Bundesstaates und der Einzelstaaten. Der zweite Band führt uns in das Parteisystem ein, bespricht die öffentliche Meinung (einer der interessantesten Erscheinungen der Massenpsychologie) und erzählt uns von den sozialen Institutionen. Als Pendant zu seinem „Amerika" hat der 83jährige James Bryce sein „Moderne Demokratien"25) geschrieben, die von Karl Löwenstein und Professor Mendelssohn-Bartholdy ins Deutsche übertragen wur- 3*) „Der neue Geist", Verlag Dr. Peter Reinhofd, Leipzig 1924. Geh. M 18.—, geb. M 25.—. 23) Drei Masken Verlag, München.