Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 24 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 24 Vater Jude war, 'der gewesene Chef der Leitung der nationalen Verteidigung' während des französisch-preußischen Krieges, der als eilner der größten Redner des XIX. Jahrhunderts die Versammlungen beherrschte, die Massen faszinierte und! dien nationalen Widerstand1 gegen den deutschen Angriff organisierte, der heute noch alls Sinnbild des französischen Patriotismus angesehen wird. Nicht minder bedeutend als Staatsmänner und große Patrioten sind1: Benjamin D i s r a e 1 i, der Chef der englischen Konservativen und ein hervorragender Schriftsteller gewesen, und obwohl sein Vater aus dem Ghetto Venedigs kam, einer dler würdigsten Repräsentanten des englischen Volkes war, und Luagi L u z a 11 i, geb. 1841 im Venedig, der mehreremal italienischer Finanzminister war, Professor der politischen Oekonomie an der Universität in Rom ist und als eines der größten Finanzgenies unserer Zeit gilt und obwohl Mitglied einer jüdischen Familie, sich stets eifrigst für die Größe und Wohlfahrt Italiens einsetzte. Auch Sidhey S o n n i n o hat in der Politik seines. Vaterlandes Italien! eine hervorragende, angesehenie Stellung eingenommen. Unter den großen Politikern Deutschlands verdient .an erster Stelle Martini Edtuardl Simson, der erste Präsident dies Frankfurter Parlaments von 1848 genannt zu werden, welcher an der Spitze der Deputation stand, düe1 1870 die deutsche Kaiserkrone dem König von Preußen anbot. Ferner der preußische Justizminister Heinrich v. F r i e d b e r g, die Parlamentarier Ferdinand L a s s a 11 e und Ludwig Bamberger, Eduard L a s k e r; in Oesterreich Emil Steinbach, Josef Unger (und I. G1 a s e r). Natürlich muß man bedenken, daß i n Deutschland und Oesterreich das Verdienst allein nicht genügte, daß die Taufe — conditio sine qua n o n — dazu gefordert wurde, weil sich dort d'i!e Gesetzgebung sowie die Denkart der Mehrheit der Bewohner dieser Länder dem widersetzten, daß so hohe Aemter Individuen zugänglich w e rd e n, welche sich nicht zur Staatsreligion bekennen, während in Frankreich und Italien die Religion* für einen Minfeterposten mcht in Frage kam. So war Adioiif Cremieux Juistizmitnister (1870), Michel Goldschaux schon 1848 Fimamzminiister, ebenso AcMle Fould 1862 und 1867 David Ray na 1 Miuiister für öffentliche Arbeiten. Dramatische und! lyrische Dichter wußten in Frankreich, Deutschland, England und Italien dem Geist und! dem Nationalgefülhl ihrer Länder sich anzupassen; die volkstümlichen Erzählungen von Berthold Auerbac h, die Pofesien Heines, Gutzkows, H a r t m a n ni s u. a. sünld von wahrhaft deutschem Empfinden durchdrungen, die von Catulle Mendes, düe Operetteini Offenbachs sind Personifikationen französischen Esprits und französischer Lebendigkeit. D Israeli schrieb in Geist und Form rein englisch. Uebersetzt von Med.-Rat Dr. H. Haase. ■■■■««■■■■■■■■■■ni 1 iiil Feuilleton Politische Bucher. (Fortsetzung.) Die Gedenkfeier an das Frankfurter Parlament nimmt der bekannte Schöpfer der Weimarer Verfassung, Hugo P r e u ß, zum Anlaß, um in einer Schrift „Die deutsche Nation alversammlun g20) die Linien, die von den ersten Kämpfen um die deutsche Einheit, verwirrt durch mannigfaltige politische und soziale Geschicke, zur Weimarer Verfassung und zur Verwirklichung der deutschen Republik führen, aufzuzeigen. In meisterhafter Darstellung schildert er den Kampf der Großdeutschen und Kleindeutschen, weist er auf die Ursachen hin, die den Staat Bismarcks nach zwanzig Jahren zusammenbrechen ließen, da hinter ihm nicht die Lebenskraft eines Volkes stand. Wann aber wird diese Lebenskraft erwachen? Auf diese Frage will auch das Buch von Alfred Paquet, „D i e neuen Ringe21) Antwort geben. Paquet sieht in der deutschen Jugendbewegung den Kreis von Menschen heranwachsen, der den Gedanken des neuen Reiches zu tragen berufen ist. Neue Verbundenheiten, deren Symbol die „neuen Ringe eines inneren Wachstums der Menschen an ihrer Weltaufgabe sind, sind es, deren Bewußtsein heute die Jugend durchdringen will. Das Problem der Wertlosigkeit, dem sich heute das deutsche Volk gegenüber sieht, steht im Mittelpunnkte des Buches. Hier erscheint ihm der Weg des Judentums, der Aufbau der alten Heimat Vorbild. (Die Völker und die Juden.) So sieht er im Zionismus „einen heiligen Versuch, jenen Staat vorzubilden, der nicht mehr das Haus aller dämonischen Plagen s0) Frankfurter Sozietätsdruckerei 1924. M. 3.—. S1) Ibid. M 4.—, sein wird, sondern eine Gemeinschaft, die Stämme, Sekten, Anschauungen, Landmannschaften unter dem Dach des einen Tempels sammelt und für sich ein Stück der homogenen Menschheit ist". Der christliche Deutsche Paquet, der Palästina aus eigener Anschauung kennt, mußte Stellung nehmen gegen das im gleichen Verlage erschienene „Unromantische Morgenland' des Juden Weiß, der nur Sympathie für den panarabischen Gedanken empfindet. Das jüdische Aufbauwerk hat er scheinbar nicht gesehen, so daß die Frage: „War Weiß in Palästina?" eines Kritikers berechtigt erscheint. — Eine Reihe interessanter Beiträge aus dem Gebiet der Politik und Wirtschaft bringt der Almanach „Der eiserne Steg" der Frankfurter Sozietätsdruckerei. Ein Geleitwort von Ebert eröffnet den Reigen, aus dem Namen, wie Preuß, Oppenheimer, Frobenius u. a. uns entgegentreten. Ein Reigen von Mitarbeitern, auf den der junge Verlag stolz sein darf. So kann dieser Almanach wirklich als ein Spiegel der Verlagstätigkeit gelten. Aus dieser sei noch die letzte Erscheinung hervorgehoben. Der Sohn des berühmten italienischen Ministerpräsidenten Francesco N i 11 i, dessen „Friedloses Europa" der Auftakt der Revisionsbestrebungen im feindienen Lager war und somit der Vorkämpfer des Rechtes wurde, zeigt hier seinen Vater in einem fesselndem Bilde. Ebenfalls vom Sohne des Autors herausgegeben und ergänzt sind die Memoiren des deutschen Ministers Clemens v. Delbrück unter dem Titel „Wirtschaftliche Mobilmachung in Deutschland 1914" erschienen.23) Er schildert in seinen Denkwürdigkeiten den Gang der inneren und der Wirtschaftspolitik von 1905 bis 1918. Als Staatsmann über den Parteien stehend, führt er die innere Politik, mit dem Erfolg, daß die Sozialdemokratie bei Kriegsausbruch geschlossen hinter die Regierung tritt. Er greift als erster jene Fragen auf, die sich zu dem Begriff „Wirtschaftliche Mobilmachung" verdichten, und ist der Gründer des sogenannten Wirtschaftlichen Generalstabs, der 3) Verlag für Kulturpolitik, München 1924,