Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 23 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064044--13737-3081258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 23 DIE WAHRHEIT Seite 11 sammen, um die Verkehrsschwieriigkeiten zwischen diesen Ländern zu regeln. Die Verhandlungen kamen auf einen toten Punkt. Und es schien, als ob man keine Lösung für die vorliegenden Fragen finden könnte. Im letzten Augenblick fand der Jude Hiller, der als Bevollmächtigter Polens diesen Satzungen beiwohnte, einen gerechten Ausweg. Sein Vorschlag wurde von den Abgesandten beider Länder angenommen und Hiller mit der schriftlichen Ausarbeitung seines Planes beauftragt. Aber jetzt erst gingen den christlichen Sachverständigen die Augen auf: Hiller ist Jude. Sollte man den Pakt nach einem Juden nennen, einem Juden den Ruhm lassen, die Differenzen überbrückt, die Aufgabe gelöst zu haben. Das war unangenehm. Man bot dem Juden eine Summe Geldes und bat ihm, von nun ab seine Hand davon zu lassen. Hiller wies dieses Ansinnen entrüstet zurück, zerriß seinen Vertragsentwurf und verließ die Sitzung. Der Jüdische Lehrer des Antisemiten. Dr. Georg Heim, der bekannte Führer der katholischen bayerischen Bauern, der Gründer und das Haupt der Bayerischen Volkspartei, erzählt in der „Einkehr"; der Unterhaltungsbelage der „Münchener Neuesten Nachrichten" (Nr. 39 vom 17. Mai), von seinen Erfahrungen als Lehrer. Da heißt es: „An der gleichen Schule war ein jüdischer Lehrerkollege, Hausmann. Er ist als armer Mann gestorben. Er hatte einen Gerechtigkeitssiinn, der sich, ich möchte fast sagen, skrupelhaft auswirkte. Mit einem früheren Schüler von ihm. der heute noch wütender Antisemit ist, und der öffentlich eine Rolle spielte, debattierte ich einmal über Antisemitismus. Er war unbekehrbarer Antisemit. Nach seiner Ansicht gab es überhaupt keinen anständigen Juden. Als ich ihn aber an seinen früheren Lehrer Hausmann erinnerte, war er entwaffnet und er mußte mir sogar bekennen, daß er ihm Guttaten verdankte. Ich bin heute noch stolz darauf, daß ich mich der Freundschaft dieses edlen Mannes erfreute." Es wäre wünschenswert? daß unsere christlichen Mitbürger aus einem solchen Beispiel, vom wackeren jüdischen Lehrer Hausmann, entnähmen, daß es unter den Juden wie unter den Christen gerechte und ungerechte, edle und unedle Persönlichkeiten gibt. Verletzend und die Gesamtheit schädigend ist nur die heute so übliche Verallgemeinerung, alle Juden müßten von vornherein von Bluts wegen schlecht sein. Die verkrachte Hakenkreuzbank. Herr Waldeck, früher Rechnungsfeldwebel der k. u. k. Armee, zuletzt Generaldirektor der Nordisch-Oesterreichischen Bank, ist bekanntlich dieser Tage wegen der Art mit der er sein verantwortungsvolles Amt versah, zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt worden. Diese Bank, die eine streng arische Gründung war, bot einen trefflichen Beitrag zur Beleuchtung jener Elemente, die sich anmaßen, das Erwerbsleben der Juden als ein parasitäres, die Interessen der arischen Bevölkerung schädigendes zu kritisieren und zu bekämpfen. Im Sinne dieses Kampfes sollte das Monopol (der i^.Judenbankeni" gebrochen werden. Eine Reihe rein arischer Banken wurde geschaffen, um der staunenden Welt zu zeigen, wie viel reiner, gewissenhafter UT1d — profitabler der christlich-germanische Geist finanzielle Transaktionen durchzuführen vermag, als der unproduktive semitische „Schmarotzergeist". Merkwürdigerweise haben aber gerade die sittlich-religiösen und völkischen Gründungen in der inzwischen hereingebrochenen Wirtschaftskrise die geringste Widerstandsfähigkeit bewiesen, und zwar nicht aus Kapitalsmangel, sondern wegen der Wirtschaft, die mit dem anvertrauten Kapital getrieben wurde. In dieser Hinsicht hat besonders der jüngst abgeführte Prozeß gegen die Nordisch- Oesterreichische Bank ganz erstaunliche Dinge zutage gefördert, so daß die um ihr Vermögen geprellten Opfer der rassentheoretischen Aufklärung mehr als einmal geseufzt haben: „Hätten wir unser Geld in einer Judenbank angelegt, dann wäre uns so etwas nicht passiert!" Dr. H. Sp. Merkwürdige Begrüßung. Zur Eröffnung der jüdischen Universität in Jerusalem bringt der „Hammer" aus der Feder des bekannten antisemitischen Hetzers Theodor Fritsch einen Begrüßungsartikel, der uns wieder einmal zeigt, wes Geisteskind sein Verfasser ist. Der Artikel ist so dumm und gemein, daß wir uns nicht einmal damit befassen würden, wenn er nicht wieder einmal beweisen würde, welchen Wiederhall die Eröffnung der ersten jüdischen Hochschule, deren Bedeutung bei allen Nationen anerkannt wurde, bei den deutschen Antisemiten gefunden hat. Wenn der Verfasser die Entdeckungen Einsteins und Steinachs als „geistige Versteinerungen" bezeichnet, so glauben wir ihm recht gern, daß er in seinem etwas beschränkten Denkvermögen diese Entdeckungen nicht richtig zu würdigen versteht. Wir haben auch durchaus nicht die Absicht, uns mit jedem in Erörterungen über physikalische oder biologische Probleme einzulassen, dem die primitivsten Voraussetzungen für deren Erfassung mangeln. Das Urteil über Einsteins umstürzende Forschungen, ebenso wie über die Arbeiten Steinachs auf dem Gebiete der künstlichen Regeneration werden Berufenere abzugeben haben als Herr Theodor Fritsch. Während nun der Verfasser die Verjüngungstheorie Steinachs entschieden abzulehnen scbediü, gibt er später eine eigene Verjüngungstheorie zum besten, die sich selbstverständlich mit dem Judentum beschäftigt: „Wir gönnen dem alten Greisenvolke," schreibt er, „eine Verjüngung auf seinem heimatlichen Boden und würden uns besonders freuen, wenn es sich dort auch eine verjüngte Moral anschaffen wollte." Die Moral des Judentums hat keine „Verjüngung" notwendig, da sie trotz ihres ehrwürdigen Alters immer gleich jung geblieben ist und heute ebenso wie ehemals die Moral der übrigen Völker mit ihren ethischen Grundsätzen befruchtet. Wohl aber hätten die abgedroschenen Phrasen eines Theodor Fritsch und der übrigen Antisemiten eine weitgehende Verjüngungskur von Nöten, da die jetzigen öden Schlagworte von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt werden. Am Schlüsse seines Begrüßungsartikels rät Fritsch sogar den Juden, „sich einen neuen Gott anzuschaffen, der das Licht des Tages nicht mehr zu scheuen braucht." Wir sehen also, daß die antisemitischen Hetzer nicht einmal vor dem Namen Gottes Halt machen (siehe Leitartikel), daß sie auch vor Gotteslästerungn nicht zurückschrecken, wenn es gilt, das Judentum zu schmähen und zu verletzen. Es wäre müssig, auf solche Gemeinheiten überhaupt nur zu antworten; wer so spricht, hat sich selbst vor aller Welt gerichtet. Deutsch und Hebräisch. In der „Deutschen Literaturzeitung" hebt Prof. Ludwig Blau (Budapest) hervor, daß die moderne hebräische Sprache, die in Palästina die Umgangssprache der Juden und zahlreicher Nichtjuden ist und sich naturgemäß von dem alten Hebräischen vielfach unterscheidet, von keiner anderen Sprache so tief beeinflußt erscheint, wie von der deutschen. Weder das Aramäische im Altertum noch das Arabische im Mittelalter haben dem Hebräischen ihr eigenes Gepräge so scharf aufgedrückt wie das moderne Deutsch dem modernen Hebräisch. Auch die Schaffung eines wissenschaftlichen Mittelpunktes für das neue Judentum in der jetzt begründeten Universität Jerusalem wird daran zunächst nichts Wesentliches ändern. Ist doch die Wissenschaft vom Judentum in Deutschland begründet worden und wird hier vor allem gepflegt; auch die judaistische Abteilung der bereits aut 82.000 Bände angewachsenen Universitätsbibliothek in Jerusalem besteht zum großen Teil aus deutschen Büchern. Eine scharfe antisemitische Hetze wird derzeit von Rektor, Senat und Studentenschaft der Technischen Hochschule in Hannover gegen den bekannten jüdischen Gelehrten Prof. Theodor Lessing geführt, weil derselbe im Wahlkampf gegen Hindenburg auftrat. Die antisemitischen Hetzen gehen sogar so weit, an das Kultusministerium die Forderung zu richten, diesem hervorragenden Forscher das Lehramt zu Judenreine Sommerfrischen. Ueber Eingabe der Ortsgruppe der Nationalsozialisten in Wolkersdorf hat der Gemeinderat dieses Ortes den Beschluß gefaßt, den Vermietern von Sommerwohnungen nahe zu legen, daß Juden als Sommerparteien nicht genommen werden sollen. Diese erschütternde Tätsache teilt der „Niederösterreichische Beobachter", das Kampfblatt der nationalsozialistischen Arbeiterpartei für St. Pölten und Umgebung mit, nicht ohne einige hämische Bemerkungen darüber zu machen, wie sie eben dem Niveau seines Leserkreises angemessen sind. Schmerzerfüllt nehmen wir diese niederschmetternde Nachricht zur Kenntnis und bedauern aufrichtig, daß uns die Tore dieses Weltkurortes verschlossen bleiben. (Da viele unserer Leser diesen Ort nicht einmal dem Namen nach kennen dürften, teilen wir mit, daß Wolkersdorf ein kleiner Marktflecken in Niederösterreich ist, an der Ostbahn liegt und jeglicher landwirtschaftlicher Reize entbehrt.)