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Die Wahrheit · 1925-06-12 · Heft 23 (12.6.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 23 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 T DIE WAHRHEIT Nr. 23 den, soll heißen betroffenen Juden, wäre ihm gewiß. Unwillkürlich sehen wir uns veranlaßt, bei dieser Gelegenheit ein wenig über die Grenzen zu blicken. Was sich in Ungarn zuträgt, in welcher Weise mit den Juden und ihren liberalen Freunden dort umgegangen wird, spottet jeder Beschreibung. Die maßgebenden Stellen, die sich die Herbeiführung von konsolidierten Verhältnissen in Europa zur Aufgabe gemacht haben, sollten da mit der größten Energie eingreifen, sollten stante pede mit ihren Machtmitteln dahin wirken, daß die überaus ominöse Horthy-Kultur in Ungarn abgedämpft « werde. Sie wuchert schon allzulange in die Höhe und läßt selbst den ruhigen Nachbar nicht ungeschoren. Keinen Augenblick dürfte die Konferenz zögern, hier ihren großen Einfluß geltend zu machen, auf daß das störende Element im Herzen des alten Kontinents rechtzeitig beseitigt werde. Sonst könnte es der Fall sein, daß heute oder morgen daselbst eine Reaktion eintrete, die weit über die Ufer des kleinen Landes hinausgreift und Dimensionen annimmt, die zumindest nicht zur wirtschaftlichen und finanziellen Ruhe Europas beitragen würden. Wir wiederholen nunmehr, daß die Auslassungen der Hakenkreuzler in Oesterreich und die Vorgänge in Ungarn traurige Tatsachen darstellen, mit denen sich die Konferenz allen Ernstes befassen müßte, und geben der Hoffnung Ausdruck, daß unseren hier geäußerten Wünschen gründlich und rechtzeitig Rechnung getragen wird. Ph. L—w. Unverschämtheiten. Das wäre das mildeste und geringste Attribut, das unseren Hakenkreuzlern und den mit ihnen verbündeten anderen antisemitischen Nacht- und Nebelhelden gebührt. Es gibt schärfere Ausdrücke, die auf diese Leute passen. Doch wollen wir sie diesmal nicht in An- -•vendung bringen, da es sich in dem Falle, mit dem wir uns •n Kürze da befassen wollen, um eine spezielle Charakteristik handelt. Eine harte Haut haben sie, die durch Gewaltstreiche niederster Art berüchtigt gewordenen Rassenschützler. Und einen Charakter, um den sie die Bewohner des Bakonyerwaldes vom ganzen Herzen beneiden dürften. Auf einer Seite losschlagen auf die Juden mit Wort und Tat, dann zu denselben Juden betteln kommen, das geniert die Leute nicht <m geringsten. Allem Anscheine nach gehört dieses Vorgehen ~u den unumgänglich notwendigen Eigenschaften des wohlbestallten Hakenkreuzlers. Arrangieren diese Leute etwas, was tr.sschließlich ihnen selbst zugute kommt, da klopfen sie schamlos an die Türen der Juden an und nehmen von denen, r'ie sie zur unteren Klasse der Gesellschaft degradieren wollen. Einladungen zu Veranstaltungen antisemitischer Art, Lose und •ndere Aufforderungen zur Unterstützung ihrer menschen- '"•-eundlichen Unternehmungen, das sind Dinge, mit denen sie <vie Juden fast täglich beehren. Das nennt man doch Unverschämtheit im höchsten Grade. Auch uns von der „Union 'ieutschösterreichischer Juden" kommen nur zu oft solche liebliche Ansuchen zu. Diesmal erhielten wir unter anderen eine Sendung Lose der Studentenlotterie, die natürlich vom arischen Studentenheim ihren Ausgang nahm. Wir danken bestens für diese außerordentliche Ehrung und liefern sie mit kr gebührenden Achtung an die Sendestation zurück. Das sollten bei ähnlichen Anlässen alle unsere Glaubensgenossen ausnahmslos tun. Indes, woher diese Judenbeschimpfer den traurigen Mut hernehmen, in so unverschämter Weise sich an Juden zu wenden, das scheint allenfalls in ihrer Natur begründet zu sein. Juden in gemeinster Wefce zu befbgeln und dann anzubetteln, das ist so echt hakenkreuzlerische Art. Und das sei hiermit an den Pranger gestellt. L. Das Mittelalter. Es leben Menschen in unserer Mitte, welche jenes längst verflossene Zeitalter, das man nicht mit Unrecht das „finstere" nennt, wieder herbeisehnen und die Zustände, wie sie damals geherrscht haben, gewissermaßen als Ideal hinstellen. Gelegentlich der Vorsprache des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde beim Bundeskanzler Dr. Ramek, bringt die „Deutsche Arbeiter-Presse" einen Artikel, der sich mit den „Rechten und Freiheiten der Juden' beschäftigt und darüber Klage führt, daß der Kanzler unserer Republik der bei ihm wegen der Hochschulkrawalle vorsprechenden Abordnung ein Versprechen gab, das eigentlich in einem modernen Kulturstaat eine Selbstverständlichkeit sein sollte, nämlich, „daß er nichts unterlassen werde, um die staatsbürgerlichen und rechtlichen Freiheiten der Juden zu schütze n." Die „Deutsche Arbeiter-Presse" nennt das Kultuspräsidium die „Abordnung eines Gesindels, das gar nichts in Oesterreich zu suchen hat" und ist entrüstet über die Zusicherung, die der Bundeskanzler gegeben hat. Am liebsten möchte das Blatt der Nationalsozialisten die bürgerliche Gleichberechtigung, wenn auch nur die der Juden abgeschafft wissen und denkt in ihrem blinden Haß gegen die Juden nicht daran, daß viele ihrer eigenen „Volksgenossen" in fremden Staaten leben und eine Entrechtung der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens diesen Staaten den Vorwand für weitere Bedrückung der Volksgenossen der „Deutschen Arbeiter-Presse" sein könnte. Man sieht daraus, daß der Haß der Nationalsozialisten gegen die Juden größer ist als die Liebe zum eigenen Volke. „Das Mittelalter", schreibt die „Deutsche Arbeiter-Presse", „wußte ganz gut, warum es die Juden ein wenig (!) knechtete." Aber die ..Deutsche Arbeiter-Presse" scheint nicht zu wissen, daß die Knechtung der Juden im Mittelalter, die den Hakenkreuzlern offenbar noch zu gering ist. nicht aus gewinnsüchtigen Motiven, Konkurrenzneid usw. erfolgte, sondern — und darin haben die spanischen Inquisitoren vor den Hakenkreuzlern immerhin etwas voraus — aus religiösen Gründen. „In Ghettos soll man sie wieder einsperren, als Parias ansehen und als niedrigste Tiergattung im Tierreich der Menschenfamilie betrachten.'' Selbst die Gesinnungsgenossen der „Deutsche Arbeiter-Presse" werden sich gegen die Beschimpfung, die ihnen das eigene Parteiblatt zugefügt hat, entschieden verwahren müssen, wenn sie nicht den letzten Rest von Menschenwürde eingebüßt haben, Es ist wirklich nur die Ausgeburt des ungeheuerlichsten Rassenhasses, die Menschenfamilie als „Tierreich" zu bezeichnen. In der Tat hat jeder Rassenhaß etwas entschieden Animalisches an sich, wie es ja bekannt ist, daß z. B. Raubtiere nie ihresgleichen auffressen, auch wenn sie hierzu Gelegenheit besitzen. Allein, die „Deutsche Arbeiter-Presse" darf nicht nach sich selbst oder ihren Anhängern urteilen. Tiere sind die Menschen wohl nicht, wenn sie auch in jener von der „Deutschen. Arbeiter-Presse" vielgepriesenen und gelobten Zeit des Mittelalters oft wie Tiere behandelt wurden. „Das erste und wichtigste Gesetz", so schreibt die „Deutsche Arbeiter-Presse" weiter, „müßte heißen: Von heute an hat die Gleichberechtigung der Juden aufgehört. Die Juden werden als Fremde betrachtet, denn Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen (arischen) Blutes ist". Wollen die Hakenkreuzler nicht einsehen, wie sehr sie ihr eigenes deutsches Volk vor aller Welt herabsetzen, wenn sie solche Forderungen aufstellen und Menschen, die Jahrhunderte in seiner Mitte leben und Anteil an dem Aufbau der deutschen Kultur genommen haben, entrechten oder vertreiben wollen? Selbst in dem Falle, der aber sicherlich unrichtig ist, daß ein „jüdischer", dem Deutschtum schädlicher Geist vorhanden wäre, wären diese Forderungen nichts als das Eingeständnis einer geistigen Schwäche und intellektueller Inferiotät sondergleichen, da es wirklich beschämend für ein Millionenvolk, wie es das deutsche ist, sein müßte, wenn es sich nicht anders gegen dlie wenigen Juden erwehren könnte als durch Einsperrung, Aussperrung, . Absperrung und ähnliche Maßregeln. Mit Entrüstung müßte sich jeder selbstbewußte Deutsche von einem Blatte abwenden, das die Menschen zu Tieren herabwürdigt und heute im XX. Jahrhundert kein anderes Ideal für die deutsche Kulturnation kennt als — das Mittelalter. Jüdischer Stolz. Die Eisenbahnsachverständigen von Polen und der Tschechoslowakei traten vor kurzer Zeit zu-

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