Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 23 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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I Wien IX. j | Berggasse 4 ( Postsparkassen - Konto £ „Union deutschösterreichischer Juden" I TelephN0;if 19.2 „ { —————— »'I '■» " "'■«»»•••■••••■»••■•••••■■■■«■•■■■■ ■■■■■■■■■■•■■■■■•■■■■■■»■■■■«•■■•••■■••i Veröffentlichungen der Womit man sich in Genf befassen sollte. Das Programm für die Beratungen des Völkerbundes in Genf ist fix und fertig. Die Abgesandten der einzelnen Staaten sind an Ort und Stelle bereits eingetroffen, die Sache hat begonnen. Unter den vielen Gegenständen, die in Genf zur Erörterung gelangen sollen, interessieren uns natürlich in erster Linie die österreichischen Fragen, über die in den Blättern genügende Details gebracht wurden. Dr. Zimmerman mit seinen Begleitern befinden sich ebenfalls an der Beratungsstelle, wir können es also getrost diesen Herren überlassen, die Interessen unserer kleinen Republik bei der Konferenz nach bestem Wissen und Gewissen zu vertreten. Eines Unterstreichens der Tatsachen, daß wir Oesterreicher einer dringenden Unterstützung bedürftig sind, bedarf es in diesem Falle gewiß nicht. Das wissen die maßgebenden Faktoren nur zu genau, sie werden hoffentlich den obwaltenden Umständen Rechnung tragen und uns kräftig unter die Arme greifen. Vorläufig würden wir uns schon damit zufriedengeben, wenn sie unsere , einstweiligen Wünsche erfüllen. Darüber hinaus getrauen wir uns nicht zu hoffen. Das Arbeitsprogramm der Genfer Tage umfaßt, wie bekannt, zumeist Fragen finanzieller Natur. Die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Festsetzung ist über allen Zweifeln erhaben. Ohne volkswirtschaftlich, respektive finanziell gesicherte Grundlagen vermag heute keine Gemeinschaft, also auch kein Staat, sein Fortkommen zu finden. Darüber ein weiteres Wort zu verlieren, ist überflüssig. Beruht ja doch heutzutage jedes Staatsgebilde in vorderster Reihe auf der Konsolidierung seiner finanziellen Verhältnisse. Allein, das Bestehen und die Entwicklung der Staatsgeschäfte können nur einen gedeihlichen Fortgang finden, wenn die inneren Verhältnisse keiner Hemmung unterliegen, wenn nicht solche Umstände platzgreifen, die dem Bürgertum die freie Bewegung erschweren, seinen notwendigen Schritten Hindernisse in den Weg legen und so statt der natürlichen Ordnimg im Leben der Staatsbürger schwere Mißstände erzeugen. Das übt dann unabwendbar seine drückende Wirkung auf die gesamten Lebensinteressen der Bevölkerung aus und drückt die finanzielle Kraft des Staates auf ein Minimum herab. Von solchen Erwägungen werden die führenden Männer in Genf unter allen Umständen geleitet sein. Und dieser Gedanke drängt uns dazu, die Aufmerksamkeit der Herren auf einige wichtige Tatsachen zu lenken. Die Verhältnisse, wie sie sich infolge der intensiven Judenhetze bei uns in Oesterreich gestaltet haben, die Folgen, die sich daraus für die Allgemeinheit und mit besonderer Rücksicht auf die Beziehungen zum Auslande knüpfen, das sind Dinge, die bei den Beratungen in Genf ernstlich ins Auge gefaßt werden sollten. Wollen uns die Mächte jene Kautelen bieten, die unsere Existenz sicherstellen sollen, dann müssen sie auch Mittel und Wege finden, den Gefahren für die Volkswirtschaft, die aus solchen Umtrieben entstehen, ein Ende zu bereiten. Man gewährt uns Subsistenzmittel, die natürlich nur als Darlehen gelten. Sollen diese zurückerstattet werden, dann hat unter der Bevölkerung Ruhe und Ordnung einzutreten, dann dürfen keine Eingriffe entstehen, die den Erwerb und die Lebensexistenz einzelner Staatsbürger bedrohen. Im Gegenteil, es muß dafür gesorgt werden, daß das soziale und volkswirtschaftliche Leben im Staate seinen erforderlichen Gang nimmt und1 auf däese Weise die Interessen des Staates gefördert werden. Ein zielbewußter Schritt aus Genf an unsere Regierungsstellen würde unter allen Umständen das gewünschte Ziel erreichen. Das sei zuförderst die erste unumgänglich notwendige Entschließung der Genfer Beratungsstelle. In zweiter Reihe sei der Artikel 80 des Friedensvertrages von Saint Germain, der sich mit der Optionsfrage befaßt, hervorragender Gegenstand der Beschlußfassung in Genf. Man weiß, wieviel Juden hier in Oesterreich sich des Optionsrechtes bedient haben, auf Erledigung warten und bisher trotz aller Bemühungen seitens der „Union deutschösterreichischer Juden" sie nicht erlangt haben. Auch da hätte die Konferenz unverzüglich einzugreifen und die österreichischen Behörden anzuweisen, die Ansuchen in gerechter Weise sofort zu erledigen. Da habe sich kein wie immer gearteter Einfluß geltend zu machen, sondern einzig und allein die richtige Auslegung des besagten Artikels habe hier entscheidend zu sein, damit auch nach dieser Seite endlich Ordnune im Staate Oesterreich an den Tag trete und nicht Tausende von Petenten In Unsicherheit herumwandeln und im Zweifel über ihre Staatszugehörigkeit verharren müssen. Die Konferenz ist doch in der Lage. Mittel und We?e ausfindig zu machen, damit die kompetenten Stellen bei" uns schließlich doch zur Einsicht gelangen und dieses zum Himmel schreiende Unrecht bezüglich der Optionsfragen einfür anemal aus der Welt schaffen. Diese Petenten befinden sich eben in fürchterliche** Lage. Wohin sollen sie sich wenden, woher sollen sie wissen, wohin sie gehören? Vom menschlichen Stpud^unkte al'ein betrachtet, müßte man doch endlich zur Ue-bersprswisr kommen, daß die*e Ungewißheit eine schädliche Wirkung ausübt, daß sie so rasch als möglich beseitigt werden müsse! Das wären so die Hauntmomente, die wir aus tiefster Ueberzeugung den maßgebenden Persönlichkeiten in Genf nachdrücklichst ans Herz legen. Sie betreffen, wie gesagt, speziell unsere österreichischen Verhältnisse. Vielleicht könnte sie auch Herr Dr. Zimmerman bei Erörterung der finanziellen Fragen im eregebenen Augenblicke aufs Tanet bringen. Die Dankbarkeit unserseits und der betreffen- /