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Die Wahrheit · 1925-06-12 · Heft 23 (12.6.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 23 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 EHE WAHRHEIT Nr. 23 markt. Das ist zuviel auf einmal. Ein Rest von Besinnung hätte Gömbös davon abgehalten, diese Beschuldigung gleichzeitig zu erheben, das muß man abwechselnd tun, sonst widerlegt eine vergiftete Anklage die andere. Ego. Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Nun wende ich mich den religiösen Richtungen und Einrichtungen innerhalb des amerikanischen Judentums zu. Es ist ein Gesetz des Blutkreislaufes der Erde, daß, sei es Menschen, sei es Ideen, sich immer wieder und besonders bei einer Weltwende der Zeit auf den Marsch mache«, neue Stätten zu finden. Während wir bei uns als eine Auswirkung des Weltkrieges ein Nachlassen des religiösen Lebes mit Bedauern wahrnehmen und eine vor wenigen Jahren noch nicht gekannte, durch äußere Not und innere Armut entstandene grenzenlose Interessendosigkeit für alles Religiöse beobachten — viele unter uns nehmen deshalb einen rein völkischenStandpunkt ein und stellen die Re- 1 i g i o n als eine Privatsache hin — tritt im Leben des amerikanischen Judentums gerade in unserer Zeit eine überaus erfreuliche Erscheinung zutage. Wenn man; das Judentum in New York gründlich betrachtet, so sieht man, daß dort ein neues religiöses Leben und eine tiefere Lebensauffassung erwacht ist. Der große, noch nicht beendete Kampf zwischen materialistischer und geistigseelischer Lebensauffassung scheint in. Amerika, im Lande der Freiheit, zugunsten des Glaubens an Gott entschieden zu werden. Vor einigen Jahrzehnten war New York die Stätte der radikalsten Aus^ schreitungen gegen die Religion, wie wir sie nur in Sowjetraßland erlebten. Die aus Rußland eingewanderten sozialistisch gesinnten Juden pflegten am Versöhnungstage gegenüber den Synagogen und Bethäusern auf der Eastside, sozusagen dem Mittelpunkt des Ghetto, Bälle und Belustigungsspieie zu veranstalten. Es kam zu Prügeleien, die immer das Einschreiten der Polizei zur Folge hatten. Heute ist dieses „L'hachis-Judentum" fast verschwunden und wenn alles, was mir dort berichtet wurde, wahr ist, so kann ruhig gesaigt werden, daß viele von diesen Umstürzlern den Rückzug angetreten haben. Heute kommt dort die r e 1 igiöse Sehnsucht überall mit großer Kraft zum Vorschein und der Ruf nach dem wahren Judentum — denn in der Tat, was ist Judentum ohne Glauben und ohne Religion? — ertönt von allen Seiten. Deshalb kann Amerika bald ein geistiges Zentrum für das Judentum werden. Ob auch hier nicht Antriebe seitens des amerikanischen Christentums zur Geltung kommen? Denn auch im Christentum zeigt sich immer mehr der Wille nach einer religiösen Erneuerung der Menschheit, als das brennendste Zeitbedürfnis und die unentbehrlichste Grundlage unseres Daseins. Das amerikanische ReformJudentum ist durch den aus Oesterreich stammenden hochgebildeten Isaak Mayer Wise (1819—1900) geschaffen worden. Er war auch der Gründer der H e b r e w Union C o 11 e g e i n Cincinnaty, dem Seminar, aus dem die meisten heutigen Reformrabbiner in Amerika hervorgegangen sind. Wises religiöse Richtung gewann in den auis Deutsehland eingewanderten, größtenteils liberal gesinnten Juden eine beständig wachsende Anhängerschaft. Er und seine Jünger schlugen denselben Weg ein, den ihnen die Gründer der deutschen Reformbewegung gewiesen haben, die statt des national-religiösen dile Lehre vom ethischreligiösen Judentum geschaffen haben. Wise ging aber in seiner Sucht, alles Christliche nachzuahmen und aus dem Judentum eine „Allerweltsrehgion" zu machen, zu weit und die zu diesem Ziele angewendeten Mittel haben sich — ich glaube, daß die Führer des gegenwärtigen' RefoHnjudentums es nun selber einsehen — als gefährlich erwiesen. Die Gründer dieser religiösen Richtung gaben vor, die Ruinen wegzuräumen und auf dem freigewordenen Boden Neues zu schaffen. Indessen waren sie nur Zerstörer, gebaut haben sie wenig. Sie gaben vor, daß aus der alten Synagoge die innerliche Erhebung, die Schönheit und Poesie entschwand und daß der Gottesdienst nach althergebrachtem Ritus das heutige Judentum nicht befriedigen könne. Um daher ihre Anhänger an der Synagoge festzuhalten, haben sie u. a. die heilige Sprache aus dem Gottesdienste entfernt und statt ihrer die englische eingeführt. Ihr Vorgehen hat aber nur Gleichgültigkeit verursacht. Die ohnehin kaltblütige Mittelschicht der amerikanischen Juden fand das Band der Gemeinschaft zerrissen. Ein Teil besucht wohl noch heute den Tempel, glaubt aber, damit allein seine religiöse Pflicht zu erfüllen und Gott gegeben zu haben, was ihm gebührt. Viele aber kommen hin, bloß weil ihnen dort ohne Kosten eine Weihestunde musikalischen Erlebens zuteil wird. Von einem Verständnis für den, höheren Wert der Religion und einem wirklichen Interesse für das Judentum kann jedoch kaum mehr die Rede sein. Es gab Zeiten, in denen die Reformrabbiner in Amerika sogar für die Mischehe kräftig eintraten und erklärt haben, daß in unserer Zeit für eine Heirat zwischen Juden und Christen ein religiöses Hindernis nicht bestehe. Auch an Schlagworten und Beweisen halt es ihnen wofi nicht gefehlt. Wer könnte es nun jenen Juden, in deren Seele das Gefühl der geschichtlichen Gemeinschaft, allmählich, aber sicher erstarb und die im steten Genüsse dahinleben, ohne an Gott, Ewigkeit und Verantwortung zu denken, verübeln, wenn sie in eine falsche Richtung hineingerieten und von der Mischehe, die sie als rein äußerliche Sache auffaßten, reichlich Gebrauch -machen? In den letzten Jahren ist die Zahl der Mischehen erschreckend gestiegen. Irt sozusagen gutjüdischen Familien der „oberen Zehntausend" scheute man sich nicht mehr, dien Kindern zu einer ehelichen Verbindung mit einem Andersgläubigen den väterlichen Segen zu geben. Während meiner Anwesenheit in New York sind in den hervorragendsten Familien Mischehen geschlossen worden. (Fortsetzung folgt)

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