Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 23 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hfl. 23 DIE WAHRHEIT verbot, das zuerst von den Höhen des Sinai verkündet wurde, nicht unbedingte Ehrfurcht entgegenbringen kann. Aber was ficht die „Reichspost" an, die angeblich das Alte Testament als die Grundlage des Christentums anerkennt, freiwillig für die harmlose Unschuld des hakenkreuzlerischen Blattes zu plädieren, das prinzipiell eine unausgesetzte Verhöhnung aller Lehren des Evangeliums betreibt? * * Herr v. Beniczky, der offiziell zunächst wegen eines Zweikampfes mit Gaston Gäl zu sechs Tagen Arrest verurteilt wurde, ist bekanntlich in Wirklichkeit infolge seines Duells mit — Horthy auf dem Platze gebüeben, wo er sich vermutlich noch längere Zeit wird aufhalten müssen. Wäre der Hintergrund seiner Affäre nicht eine grauenhafte Mordtragödie, müßte man wegen ihres Verlaufes von einer politischen Komödie sprechen, die ihresgleichen in keinem europäischen Staate noch gehabt. Man kennt die Anekdote, in der ein Fürst zu einem auf dem Maskenball ertappten Leutnant sagt: „Ich ernenne Sie zum Hauptmann, aber ein Schuft, der es weiter sagt." Der ungarische Reichsverweiser hat nach langem, langem Zögern seinen ehemaligen Minister von der Wahrung des Amtsgeheimnisses, die Mörder der Redakteure Somogyi und Bacso zu nennen, enthoben, aber das dachte er sich so, daß der gewesene Minister dieses Geheimnis wieder nur in den Busen eines Militärgerichtes ausschütten werde, das eine womöglich noch strengere Verschwiegenheit sich zur heiligsten Pflicht machen würde. Daß Beniczky dafür sorgen könnte, seine Aussage auch durch eine Zeitung — trotz der nachträglichen Konfiskation — der ganzen europäischen Oeffentlichkeit mitzuteilen, mit dieser Möglichkeit hatte Horthy offenbar nicht gerechnet. Mag aber nun kommen, was da wolle, den ersten Schuß in dem Duell hat Beniczky abgefeuert und es wird sich auf die Dauer doch nicht verschweigen lassen, daß der Schuß getroffen hat. * * * Die Frage, ob nicht Horthy es ist, der schließlich — nicht auf dem Platze bleibt, kann vielleicht politischen Analphabeten dunkel bleiben. Horthy, der die Bajonette und vor nichts zurückschreckenden Rassenschützler für sich hat, die in seiner Rettung die eigene Sicherheit erblicken, konnte die Einstellung des Blattes erzwingen, in dein er als der Anstifter eines Mordes bezeichnet wurde; er konnte die Mundtotmachung der Nationalversammlung erzwingen, dem die parlamentarische Erörterung der Affäre verwehrt wurde, aber eines kann er nicht verhindern: die Erinnerung daran, daß die Anklage, die Herr v. Beniczky in der von „Az Ujsag" veröffentlichten Aussage gegen ihn erhob, längst — bekannt war. Und zwar aus einem im Budapester „Nepszava" erschienenen, zum höchsten Erstaunen der Welt der Konfiskation entgangenen Artikel. * * * Es lohnt sich, heute von diesem Artikel, in welchem kein steckbrieflich verfolgter Verbrecher deutlicher gekennzeichnet sein konnte, als es Herr von Horthy war, auch wenn sein Name nicht genannt wurde, zu sprechen. Vor Monaten hatte das Budapester sozialistische „Nepszava" eine Darstellung der Affäre Somogyi und Bacso gebracht, aus der jeder, der lesen kann, deutlich die Anklage herauslas, daß unter dem hochstehenden Manne, der den Befehl zur Ermordung der beiden Redakteure erteilt hatte, kein anderer alsHorthy gemeint sein konnte. Graf Bethlen war durch die peinlichen Anfragen, warum er nichts veranlaßt habe, um die von jedermann gekannten Mörder der beiden Redakteure dem strafenden Ann der Gerechtigkeit auszuliefern, zu einer Antwort gedrängt. Er konnte sie nicht geben. Aber er ta.t etwas anderes. Er ließ den Artikel der „Nepszava" für sich sprechen. Wie diese in dem Horthy-Ungarn unterbliebene Konfiskation damals gedeutet wurde, dafür möchte ich nur die Worte anführen, die am 6. März 1925 an dieser Stelle buchstäblich zu lesen waren: „. . . . Graf Bethlen ließ im „Nepszava" Ungarn, sowie der zivilisierten Welt mitteilen, daß es niemand anderer als Se. Durchlaucht Nikolaus v. Horthy gewesen, der den Befehl zur Ermordung der genannten Redakteure erteilt hatte. Jawohl, das ließ der ungarische Ministerpräsident mitteilen, denn ein Wink von ihm und diese beispiellos sensationelle Nummer des „Nepszava" hätte nie das Licht der Welt erblickt." Es wurde dann im weiteren bemerke, daß Graf Bethlen, der ein Siebenbürger ist, den Ruf genießt, einer der schlauesten Politiker zu sein. Se. Exzellenz habe offenbar erkannt, daß der europäische Skandal, Morde, an denen er unschuldig ist, mit seinem Namen zu decken, schon zu lange dauere, und er hat mit einem Schlage, den Horthy abzuwehren keine Zeit mehr hatte, auf Se. Durchlaucht den Herrn Gouverneur die Verantwortlichkeit für die grauenhaften Verbrechen über wälzt. „G r a f Bethlen hat damit ein großes Geheimnisenthüllt, das jedem bekannt wa r." * * * Jedem klar Denkenden war es zweifellos, daß schon mit dem nicht konfiszierten Artikel des „Nepszava" ein tötlicher Streich gegen Horthy geführt wurde, dem er früher oder später erliegen müsse. Wie lächerüch, wie widerwärtig nimmt sich im Lichte dieser Erinnerung der verlogene Entrüstungssturm aus, den man angesichts des Artikels im „Az Ujsag" aufführt, der sich nur darin von dem des „Nepszava" unterscheidet, daß er den Namen Horthy nicht unter einem durchsichtigen Pseudonym anführt. Soll das wirklich der schützende Wall sein, hinter dem Horthy dauernd in Sicherheit und Beniczky im Gefängnis bleiben kann. * *. * Der Ausgang der Budapest er Kommunalwahlen» der die Rassenschützler in der Rathausstube in die demütigendste Minorität drängt, hat offenbar sehr deprimierend auf den Geisteszustand ihrer Führer gewirkt. Gömbös, der von sich behauptet, daß die Juden ihn bekämpfen, weil sie ihn am meisten fürchten, hat im Parlament nach den Wahlen eine Rede gehalten, die allerdings in gewissem Sinne die Befürchtung erregen könnte, daß selbst die Götter ihn vergeblich bekämpfen würden. Gömbös rast über den Sieg, den die Juden angeblich nur ihrem Bündnis mit den Sozialdemokraten zu verdanken hätten. Seine Wut ist begreiflich. Aber sie hat nur ihm geschadet. Er wollte eine Brandrede gegen die Juden halten und hat sie als Repräsentanten des Kapitalismus und als Vertreter des Kommunismus gebrand-