Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 23 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT «c 23 die jaftorhundiertelang eine Geißel und -eine Plage dbr niehtjüdischen Menschheit waren, bewahrt geblieben ist. Julius Wellhausen bekundet: „Das Fehlen der geheimen Künste machte nach einem alten Spruche den eigentümlich unheidnischen Charakter Israels aus. Zauber und Hokuspokus galten als Götterdienst, Geister- und Gespensterwesen, Totenbeschwörung und Totenkultus waren ein Greuel für den Gott Israels. Mit dem Zauber steht die Wahrsagung auf einer Linie. Auch sie widerstrebte dem Wesen des jüdischen Gottesbegriffes. Die Medien entlockten dem Gott Israels keine Antwort; er teilte sich freiwillig mit, wenn er es für nötig hielt. Nicht durch Eingeweide und Vogelflug, sondern durch Menschen sprach er zu den Menschen." Gottes geistiges Wesen bedingt die Ablehnung anthropomorphischer Anschauungen. Dem Universalismus entspricht die Allmacht Gottes, sowie daß Gott als der Gott der gesamten Menschheit aufgefaßt wird. Auch hier mögen einige christliche Stimmen vernommen werden. Karl Budde: „Der Gott der ganzen Welt will sich auch der ganzen Welt offenbaren und von allen Völkern verehrt sein. Er hat allerdings aus der Zahl der Völker Israel erwählt, aber nur, damit es sein Knecht, sein Bote und Prediger unter den Nationen sein sollte." C o r m i 11: „War der Gott Israels als der Gott der Gerechtigkeit erkannt, so erstreckte sich sein Reich so weit, als es eine Gerechtigkeit gibt und geben soll — er wurde eben damit zum Gott der Welt, wie das Arnos durch den von ihm gebildeten Namen Gott Zebaoth ausgedrückt hat, der Gott über alle Kräfte und Gewalten im Himmel und auf Erden. Vor dieser Weltmacht der Gerechtigkeit fielen die nationalen Schranken," — Da dias Juidlentuan die U n m i 11 e Ib a r k e i t des Verhältnisses Gottes zum Menschen lehrt, so lehnt es die Vorstellung von einem Mittler oder Fürsprecher unbedingt ab. Das Verhältnis des Menschen zu Gott aber kommt in der jüdischen Frömmigkeit und in der Vorstellung von Sünde und Umkehr (theschuba) zum Ausdruck. Von ersterer sagt Bousset: „Hier zeigt sich das Judentum von seiner besten Seite. Wir spüren hier wirklich ein Hinwehen des Geistes zu dem lebendigen Gott, der in seiner ganzen Allmacht und überragenden Wahrheit vor der Seele des Frommen steht." Und Hermann G unkel schreibt: „Diese Fülle persönlichen frommen Lebens ist die eigentliche Größe der hebräischen Religion. Und eben:1 um dieser Blüte der Persönlichkeit willen ist es eine Beleidigung des geschichtlichen Geistes, Babylonier und Aegypter mit Israel auch nur in einem Atem zu nennen." Im Schlußkapitel wird die vielumstrittene, am heftigsten verlästerte und am meisten mißverstandene Lehre von der Auserwähltheit des jüdischen Volkes dargelegt. Hier ist es besonders lehrreich, was christliche Forscher darüber sagen. Giesebrecht: „Der Prophet Arnos hat den tiefsten Einblick in das Wesen und die weltgeschichtliche Bedeutung seines Volkes getan. Israel ist ihm nun einmal das auserwählte Volk, doch -nicht nur selbst vor allen Völkern äußerlich gesegnet zu sein, sondern um den höchsten Beruf zu erfüllen, sich dem Dienst des wahren Gottes hinzugeben, und seiine Erkenntnis den) Heiden zu vermitteln. Und infolge dieses Berufes ist es von Leiden schwerst e r A r t heimgesucht worden." König: „Die Patriarchenreligion war die in Abrahams Berufung begründete spezielle Gottesverbindung, welche die Erwählung Israels als eine Pflanzschule der wahren Religiosität und Sittlichkeit zu ihrem höchsten Zweck, die schließliche Segnung der ganzen Menschheit aber zu ihrem Schlußziele hatte." Nötscher schreibt: „Der Gott Israels bevorzugt sein Volk nicht auf Kosten der Gerechtigkeit, denn sein Verhältnis zu Israel ist ja kein naturhaftes, unlösliches, sondern ein gewolltes, sittliches, beruhend auf der Auserwählung." Kuenen: „Es ist eine höchierhabene Stellung, die der* Prophet Jesajas seinem Volke anweist. Aber die Verantwortlichkeit, Politische Bücher. (Fortsetzung.) Die bisher genannten Werke behandelten mehr oder minder Fragen der Wirtschaft In den letzten Jahren ist nun auch der Staat in den Vordergrund der weltanschaulichen Betrachtung gerückt. „Die Staatsauffassung der Modernen"10) hat Prof. Dr. Steffes zum Gegenstand seiner Darstellung gewählt Nach einer Schilderung der Staatsphilosophie am Ausgang des 18. Jahrhunderts und einer eingehenden Betrachtung der Staatslehren der Uebergangszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert bespricht der Autor die großen staatstheoretischen Hauptbewegungen des 19. Jahrhunderts bis zum Kriegsausbruch, die Staatsphilosophie der Kriegs- und Nachkriegszeit und schließt mit einem Kapitel „Der Staat als Erlebnis". Eine reiche Bibliographie machen das Werk noch brauchbarer als Einführung in die Staatsphilosophie. — Als Gedächtnisgabe gibt der Verlag R. Löwit, Wien, das berühmte Werk „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben" von Popper-Lynkeus in vierter Auflage heraus. Das Werk läßt vor uns wieder die überragende Gestalt des großen jüdischen Sozialphilosophen erstehen und uns seine Bedeutung ahnen, denn um ihn ganz zu würdigen, fehlt uns noch die historische Distanz. — Ebenfalls bereits als klassisch anzusprechen, ist Kjellens „Staat als Lebensform",11) das eine dynamische Staatslehre eigener Art begründet Staat ist ihm ein organisches Wesen, das entsteht, lebt und stirbt, keine geistige Konstruktion, kein Vertragsverhältnis. Diese biologische Einheit in allen Funktionen darzustellen ist das Meisterwerk Kjellens gewesen, der damit außerordentlich befruchtend auf die Wissenschaft gewirkt hat und zum Mitbegründer einer neuen Schule, der Geopolitik, geworden ist. Dieser Wissenschaft, d. i. der Lehre vom Staat als geographischem Organismus ist die „Zeitschrift für G e o p o 1 i t i k"12) gewidmet. Die vielfachen Zusammenhänge mit der Völker- und Religionspsychologie machen die Lektüre dieser Zeitschrift zu einer äußerst anregenden. Hervorgehoben seien! nur die Arbeiten von Haushofer, Sieger, Fürst, gegen die allerdings der Aufsatz von Jessen: „Die Lage der Hauptstädte im neuen Europa" abfällt, der das Forum einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit dem eines politischen Blättchens zu verwechseln scheint. Hoffentlich wird die Redaktion der sonst so gediegenen Zeitschrift derartige Entgleisungen verhindern. — Die „Marxsche Gesellschaf tsgeschichte und Staatsphilosophie"13) hat Prof. Dr. Heinrich Cunow dargestellt. Das Buch von Cunow, ein wissenschaftliches Werk von „Spenglerschem" Umfang hat ohne große Reklame und ohne „großes Aufsehen" zu erregen, in drei Jahren vier Auflagen erlebt. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, daß das Buch viel mehr bietet, als der Titel besagt Denn Cunow hat in °) Herder & Co., Freiburg 1925, Mk. 4.20. u) Kurt Vowinkel, Berlin, Ganzleinen Mk. 5.- u) Ibid. ") J. H. Dietz, Berlin 1923. Mk. 12.—.